Süddeutsche Zeitung

Wahlkampf in Bayern:Von Rattenfängern und Beilagensalat

In Egling treffen sich der amtierende und der ehemalige Ministerpräsident Markus Söder und Edmund Stoiber zum CSU-Talk.

Von Alexandra Vecchiato, Egling

Das Land brauche einen klaren Kompass, eine Führung, die die Richtung vorgibt, die Gesellschaft vereint und den Bürgern das Gefühl von Sicherheit gibt. Das gelte nicht nur für den Freistaat, sondern auch für die Bundesrepublik, ist sich der bayerische Ministerpräsident Markus Söder sicher. Unterstützung erhält er von seinem Amtsvorgänger Edmund Stoiber. Die beiden CSU-Politiker haben sich am Mittwoch zur Mittagszeit im kleinen Kreis zum "lockeren Gespräch" in Egling getroffen.

Der Talk ist überschrieben mit "Söder trifft Stoiber" und steht im Zeichen des Wahlkampfs. Es ist Endspurt: Am 8. Oktober entscheidet sich, welches Ergebnis die Christsozialen in diesen Krisenzeiten einfahren können.

An der Decke der Gaststube im Gasthof Vogelbauer in Egling zupft der Engel Aloisius die Harfe. Statt eines "Hosianna" ist allerdings das Klopfen der Schnitzel zu hören, das aus der Küche nebenan dringt. Als erster trifft Ministerpräsident a. D. Edmund Stoiber in seinem Lieblingslokal ein. CSU-Politiker und Anhänger aus den Landkreisen Bad Tölz-Wolfratshausen und Miesbach füllen den Raum. Thomas Holz, Landtagskandidat im Stimmkreis 111, geht noch einmal die Karten durch. Er moderiert die Talk-Runde. Dann betritt Markus Söder die Gaststube. Es kann losgehen.

Auf Holz' erste Frage versichern Stoiber und Söder, dass sie einander sympathisch seien, der Ältere dem Jüngeren gerne Rat erteile, wenn dies erwünscht sei, und ohne das an die große Glocke zu hängen. Söder gibt eine Anekdote zum Besten aus jener Zeit, als er Generalsekretär der CSU werden sollte. Der Anruf Stoibers habe auf sich warten lassen. Er, Söder, habe schon abgeschlossen gehabt, als endlich das Telefon klingelte. Doch anstatt die Spannung zu lösen, habe Stoiber von seinem Gespräch mit dem französischen Staatspräsidenten Jacques Chirac berichtet - und aufgelegt. Zwanzig Minuten später ein weiterer Anruf: "Du wirst Generalsekretär."

Absage an die AfD

Ehemaliger und amtierender Ministerpräsident betonen, wie sehr sie einander schätzten und respektierten. Beide sprechen auch die großen Herausforderungen an, vor denen Deutschland und Bayern stünden. Da wäre die Migration. Es sei ja nicht allein die Unterbringung schwierig, sagt Stoiber. Vielmehr müsse die Gesellschaft die Integration schaffen. "Das ist die Herausforderung." Söder kritisiert den Bund, der unter anderem die Sprach-Kitas zu streichen plant.

Überhaupt Berlin: Seit drei Jahren herrschten "außergewöhnliche Umstände" durch die Corona-Pandemie und den Ukraine-Krieg. Der amtierende Ministerpräsident macht eine "grundlegende Veränderung unserer Demokratie" aus. Es seien "Rattenfänger" unterwegs, die den Bürgern weismachten, alle Probleme wären lösbar. "Das stimmt nicht", betont Söder. Allerdings müsse man "mit den Menschen durch diese Probleme gehen". Eine Aufgabe, die Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) nicht erfülle. Söder erklärt ihn zum "Totalausfall als Begleiter". Die Deutschen könnten nicht nachvollziehen, wie und was der Regierungschef denke. Dazu die untereinander zerstrittene Ampel-Koalition - mehr Distanz und Orientierungslosigkeit gehe nicht mehr. Aus dieser Verunsicherung heraus zweifelten immer mehr Bürger am System, ja sogar an der Demokratie selbst.

"Klare Kante"

Das, so ist sich Söder sicher, lasse die Rechtsradikalen erstarken. Klar grenzt sich der Ministerpräsident von der AfD ab. Rechtsradikales Gedankengut nennt er "widerlich". Allein die Forderung der AfD nach einem Austritt aus der Europäischen Union und der Nato sei "politischer Suizid". Söder: "Mit rechtsradikalen Kräften will die CSU nichts zu tun haben." Mit dieser Haltung stehe Söder in der Tradition aller CSU-Parteivorsitzenden, bekräftigt Stoiber. Schon Franz Josef Strauß habe mit "unendlicher Macht" gekämpft, dass die NPD es nicht in den Bundestag schaffte. Er selbst habe sich zu seiner Zeit von den Republikanern distanziert. "Da gibt es nur klare Kante", so Stoiber.

Die Klage gegen den Länderfinanzausgleich ist ebenfalls Thema. Zehn Milliarden Euro jährlich zahlt Bayern. Das sei eine Benachteiligung des Südens, findet Söder. Überhaupt scheine Berlin etwas gegen den Freistaat zu haben. Es sei noch nie vorgekommen, dass es in einer Regierung keinen Minister und keine Ministerin aus Bayern gegeben habe. "Entweder man mag uns nicht, oder man traut es uns nicht zu." Der Erbschaftssteuer sagt die CSU ebenfalls den Kampf an. Sie gehöre auf den "Müllhaufen".

"Wir sind die Hauptspeise"

Stoiber jedenfalls traut Söder zu, die Herausforderungen der kommenden Jahre zu meistern. Söder betont, die "innere Bereitschaft" zu haben, die Bürger vor den "bösen Umtrieben der Zeit" schützen zu wollen. Zu guter Letzt noch ein Wort zu den Freien Wählern: Ja, meint Söder, die FW seien so was wie ein Beilagensalat. "Wir aber sind die Hauptspeise."

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