Malerei:Im Jenseits der Farben

Lesezeit: 3 min

Michael Eckle hat sich völlig dem Blau verschrieben: In Ultramarin, das einst von "oltre mare" kam, malt er Bild um Bild. Am Sonntag eröffnet er sein Atelier in Wolfratshausen.

Von Stephanie Schwaderer

Blau. Immer wieder Blau. Ein Atelier, ein Lager, ein Leben voll blauer Bilder. Ultramarinblau. Seit 30 Jahren hat sich Michael Eckle dieser Farbe verschrieben. Zehn Lastwagenfuhren mit blauen Bildern hat er gerade von Gauting nach Wolfratshausen gebracht. "In Gauting hatte ich weniger Platz", sagt er. "Die Bilder waren eingelagert." Nun hat er sie alle zur Hand. Am Sonntag eröffnet er am Hans-Urmiller-Ring 23 sein neues Atelier. "Oltremare" heißt es.

Kann man nach Yves Klein noch blaue Bilder malen? Eckle ist der Beweis. "Ich bin besessen", sagt er. "Das ist wie Forschung. Ich versuche hinter das Geheimnis dieser Farbe zu kommen." Schon im Mittelalter waren Künstler von der Strahlkraft des Lapislazuli begeistert. Das Pigment, das so teuer wie Gold war, musste mit Schiffen von weit her nach Venedig gebracht werden. "Es kam von jenseits der See, von oltre mare", erklärt Eckle. Daher der Name "Ultramarin".

Im Gegensatz zu den alten Meistern kann er verschwenderisch mit den synthetisch hergestellten Pigmenten umgehen und erzielt damit faszinierende Ergebnisse. Ein Blau, das einen Sog auf den Betrachter ausübt, das zugleich kalt und warm ist. Blau wie das Meer, blau wie der Himmel. Unerreichbar. "Es ist die einzige Farbe, die mit Intensität in den Raum gehen und zugleich tiefen Raum geben kann", erklärt Eckle. Dies reizt ihn zu immer neuen Experimenten.

Auf eine große, 1,99 mal 1,99 Meter messende Leinwand an der Stirnseite seines neuen Ateliers hat er die Pigmente mit der Hand aufgetragen, sie hineingerieben, so dass die Oberfläche einer körnigen Mondlandschaft gleicht. Ganz anders die Mittelformate an der Wand daneben: Sie leuchten und sind glatt wie Wasser - das Ergebnis "altmeisterlicher Lasurtechnik", wie er erklärt. Bis zu 17 transparente Blauschichten trägt er übereinander auf den weißen Untergrund auf.

Malerei: Interessante Formen und Texturen wirken hier auf den Betrachter ein.

Interessante Formen und Texturen wirken hier auf den Betrachter ein.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Ein interessanter Effekt: Schaut man zwei, drei Minuten konzentriert auf eines der Bilder, spiegelt einem das Auge an der Grenze zur weißen Wand die Komplementärfarbe Gelb vor. Um diese Wirkung zu verstärken, wendet Eckle einen Trick an. Er spannt die Leinwände auf abgeschrägte Holzrahmen, deren Kanten er in einem grellen Neongelb bemalt. Dadurch scheinen die Bilder nicht an der Wand zu hängen, sie schweben vor ihr.

Natürlich hat Eckle nicht immer nur blaue Bilder gemalt. Auch das will er seinen Gästen bei der Vernissage vor Augen führen: "Die Phasen aus 45 Jahren Malerei." 1951 in Albstadt-Ebingen geboren, wächst er als Sohn einer Pfarrersfamilie auf der Schwäbischen Alb auf. Mit 16 weiß er, dass er Künstler werden will. Um die altmeisterliche Maltechnik zu erlernen, studiert er nach dem Abitur unter anderem zwei Semester bei dem Wiener Professor Rudolf Hausner. 1974 wird er Meisterschüler von Günter Fruhtrunk in München und malt große, fotorealistische Ölbilder.

Eines davon, das letzte seiner Art, steht wie ein bunter Exot im frisch bezogenen Lagerraum am Hans-Urmiller-Ring. Es zeigt eine junge Frau im Hippiekleid, sie genießt die Sonne, hinter ihr erheben sich die grünen Hügel der Schwäbischen Alb. Das Bild entstand 1977. Wenige Tage nach seiner Fertigstellung traf Eckle ein schwerer Schicksalsschlag. Ein Jahr lang rührte er keinen Pinsel mehr an.

Die Arbeiten, die danach entstanden, haben nichts mehr mit den bunten Ölgemälden zu tun: Es sind schwere, zerfurchte Erdbilder, düstere Landschaften aus Steinen und Staub. "Ich hab neu angefangen mit Dreck in den Händen", sagt er. 1982 tauchen in einem solchen Erdbild Sprenkel in Ultramarin auf. 1987 malt er das erste monochrome Bild in Blau: "Da hab ich gewusst: Das ist es!"

Wie viele seiner blauen Bilder mittlerweile in der Welt sind, weiß er nicht. Einige hundert, schätzt er, habe er verkauft. Viele Arbeiten hat er speziell für Ausstellungen und die entsprechenden Räumlichkeiten angefertigt. Aktuell ist er im Haus der Kunst in München bei der Schau "essentials" vertreten. Sein Traum: Eine blaue Kapelle in seinem Heimatdorf zu schaffen. "Und einmal ein Kilo Lapis vermalen."

Michael Eckle: Oltremare, Hans-Urmiller-Ring 23 (hinter der Tankstelle), Wolfratshausen, Vernissage und Ateliereröffnung am Sonntag, 2. Oktober, 11 Uhr, Einführung: Stefan Boes; geöffnet am 3. Oktober, 8., 9., 15. und 16. Oktober jeweils von 11 bis 18 Uhr

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