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Musik aus Bad Tölz:Mit der Guitarra erzählen

Machado Quartett

Vier mit Gefühl für viele Musikrichtungen: das "Machado-Quartett" mit Ingo Veit, Stefanie Kobras, Berni Prüflinger und Perry Schack.

(Foto: Veranstalter)

Das "Machado-Quartett" hat eine neue Musikrichtung erschaffen, die es "Guitarra Nueva" nennt. Das Ensemble erfüllt den eigenen Anspruch mit technischer Souveränität und Spaß am Experiment.

Von Paul Schäufele

Da gehört schon ein wenig Mut dazu, sich hinzustellen und zu sagen: So, das ist jetzt eine neue Musikrichtung, was ganz Eigenes, und bekommt auch einen eigenen Namen. Das Bad Tölzer Machado Quartett, bestehend aus Stefanie Kobras, Ingo Veit, Berni Prüflinger und Perry Schack, hat das getan und sich der Eigenkreation "Guitarra Nueva" verschrieben, einem zwanglosen Zugang zur Gitarrenmusik, der ungewöhnliche Spielweisen mit ungewöhnlichem Repertoire verbinden möchte. Das neue Album "Viergefühl" zum Beispiel verknüpft Zeitgenössisches mit Raritäten des 18. Jahrhunderts. Mit Witz und Raffinesse beweisen die vier Lehrkräfte der Tölzer Sing- und Musikschule die schillernde Vielfalt des Gitarrensounds im Ensemble.

Die Ballettmusik, die Wolfgang Amadeus Mozart zu Jean-Georges Noverres Pantomime "Les petits riens" (Die kleinen Nichtse) beisteuerte, ist dann auch tatsächlich, wenn überhaupt, eher als Objekt einer Anekdote innerhalb des dunklen Paris-Kapitels Mozarts geläufig.

Mozart wollte in Paris sein Karriere-Netzwerk erweitern, doch es sollte ihm nicht recht gelingen. Unter widrigsten Umständen rannte er von Tür zu Tür, suchte Kompositionsaufträge, mit denen er wenig Erfolg hatte. "Unter lauter Viechern und Bestien" fühlte sich Mozart, wie er in einem Brief schrieb. Die Ballettmusik kam zwar nicht schlecht an, doch die Oper, in der sie als Einlage gegeben wurde, fiel nach der vierten Vorstellung aus dem Spielplan. Zu allem Überfluss zahlte man dem Komponisten auch kein Gehalt aus, er wurde nicht einmal namentlich genannt, weshalb bei manchen Stücken des Balletts immer noch Unklarheit über die Urheberschaft herrscht. Alles in allem sehr ungünstige Bedingungen.

Die Einspielung des Gitarren-Quartetts bietet da eine hervorragende Gelegenheit, dieses Kleinod des jungen Mozart zu entdecken. Leichtigkeit und augenzwinkernden Humor verheißt der Titel, unter dem die Nummern der Ballettpantomime zusammengefasst werden. Und mit vollendeter Rokoko-Eleganz interpretiert das Quartett diese Kostbarkeiten, deren einziger Makel darin besteht, zu kurz zu sein. Das Machado Quartett fasst die zierlichen Preziosen mit Samthandschuhen an, verhilft den feinen Melodien des Larghetto ebenso zu ihrem Recht wie den robusteren Akkorden des "Agité" überschriebenen Satzes.

In jedem Moment bleiben die vier Gitarren klassisch ausgewogen und klanglich differenziert - das reiche Inventar an klanglicher Variation, das dem Ensemble zu Verfügung steht, wird vor allem in den letzten beiden Sätzen deutlich. Es ist eine Freude, zu hören, mit welcher Behutsamkeit das musikalische Detailwerk der Verzierungen ins Klangbild integriert wird. Ein handfestes Ballett wäre da schon eine zu schwere Begleitung. Für die Luftigkeit des Machado-Klangs bräuchte es Papierfiguren.

Anders liegt der Fall bei Berni Prüflingers Komposition "Tschick". Die drei Sätze sind von Wolfgang Herrndorfs Roman inspiriert, in dem die Figuren sich nicht gerade an den Umgangsformen des späten 18. Jahrhunderts orientieren. Die Rauheit und Echtheit, die Herrndorfs Text, Jugendroman und Protokoll eines Roadtrips, auszeichnen, übersetzt Prüflinger in eingängige Musik, die den klassischen Gitarrenklang reflektiert. Die Ouvertüre "Lada" erzeugt die Weite der Landstraße durch ungehindert fließende Akkorde, bevor "Isa" ein berührendes Porträt der vielleicht rätselhaftesten Figur des Romans bietet - verträumt, eigensinnig und mit Hang zur Melancholie. Das Finale, "Survivor", hat den Charakter eines Resümees, temperamentvoll und optimistisch. Hier trifft eine charmante, nicht um geschmeidige Terzen verlegene Komposition (übrigens vom Online-Musik-Magazin "Clouzine" als "Best Classical Song" ausgezeichnet) auf ihre idealen Interpreten.

Was alle auf der Platte versammelten Stücke verbindet, ist die ursprüngliche Bindung an Handlung. Im Falle von "Tschick" ist es ein Roman, bei Mozart ein Ballett, bei Rossini eine Oper. Die Ouvertüre zu dessen "Barbier von Sevilla" spielen die vier mitreißend, mit orchestral schwingendem Vibrato und feurigen Akkorden. Das Arrangement, das, wie alle Arrangements der CD, von den Musikern des Quartetts selbst erstellt wurde, verlangt einiges an Virtuosität und dramaturgischer Gestaltungssicherheit. Doch auch diese Prüfung besteht das Quartett.

Und dann gibt es ja noch Filmmusik, die ebenfalls vertreten ist und geradezu eine Klammer um das Potpourri-Programm des Quartetts schließt. Mit "Vianne" aus Rachel Portmans oscarnominiertem Soundtrack zur Romanze "Chocolat" eröffnet das Album, mit Justin Hurwitz' "City of Stars" aus dem Filmmusical "La La Land" endet die Aufnahme, dazwischen kommt noch eine leidenschaftliche Kleinigkeit aus dem Almodóvar-Drama "Hable con ella".

In allen diesen Arrangements gelingt es dem Quartett, die Stimmung der Vorlagen umzusetzen, sei es die eines harmlosen Schäfer-Balletts, einer komischen Oper oder die einer Kino-Tragödie. Mit technischer Souveränität und Spaß am Experiment (gerne nutzen die Musiker ihre Instrumente auch perkussiv) haben die vier ihr Projekt "Guitarra Nueva" um einige hörenswerte Beispiele bereichert. Vielleicht lässt sich für kommende Lexikon-Einträge deshalb festhalten: "Guitarra Nueva" bedeutet, mit der Gitarre zu erzählen.

Machado-Quartett: CD "Viergefühl", zu bestellen über die Webseite des Ensembles, www.machadoquartett.de/shop/

© SZ vom 06.11.2020
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