Literatur Hamlet zwischen "Woodrock" und Wadlhausen

Autor Gerhard Etzel an jenem Weg von Ebenhausen hinunter zum Kloster Schäftlarn, auf dem seine Romanfigur Theodor König tödlich mit dem Mountainbike verunglückt.

(Foto: Benjamin Engel)

Der Schäftlarner Hobby-Autor Gerhard Etzel hat einen an Shakespeare angelehnten Krimi geschrieben

Von Benjamin Engel, Schäftlarn

Mit dem Mountainbike rast der Schäftlarner Hotelier und Gutsbesitzer Theodor König den Klosterweg hinab. Plötzlich bremst er stark, stürzt und ist tot.

Ein Schäftlarner Ehepaar hat am Aussichtspunkt bei Schloss Eurasburg eine seltsame Begegnung: Ein alter Mann führt Selbstgespräche und redet vom Mord an Theodor König. Wie sich dessen Bruder aus dem Schlafzimmer der Witwe schleicht, beobachtet die Haushälterin. Die Tochter des Toten, Thelma, ist ebenfalls von der Mordtheorie überzeugt. Mit einem Krimispiel will sie die Schuldigen überführen.

Wie Mosaiksteine fügen sich die Handlungsteile im zweiten Schäftlarn-Krimi von Gerhard Etzel zusammen. Und wer die englische Klassikerliteratur kennt, wird unschwer Parallelen erkennen. Der Schäftlarner Autor hat sich am Drama "Hamlet" von William Shakespeare orientiert, die Dramaturgie in die Gegenwart übertragen. "Ich habe Shakespeares Welt in der Übersetzung von Frank Günther gelesen", erzählt der 71-jährige Etzel. Das brachte ihn auf Hamlet. "Thelma ist ein Anagramm der Figur."

Damit ist der Ton gesetzt, frei nach der Geschichte um den dänischen Prinzen, der seinen durch den Bruder ermordeten Vater grausam rächen will. Was Etzel vor allem interessiert, sind die Emotionen der Figuren. Der promovierte Psychologe spürt der Frage nach, wie das Wissen um die Tat die Personen und ihr Verhalten verändert. "Von Anfang an ist klar, wer die Täter sind", erklärt Etzel. Und gerade Morde kreisten eigentlich immer um grundlegende Emotionen des Menschen wie Eifersucht, Geldgier oder Rache.

Bei seinen Büchern - 2015 erschien der erste Schäftlarn-Krimi "Das Spiel des Frauenmörders" - steht die Interaktion der Hauptpersonen im Mittelpunkt. Daher treibt Etzel die Handlung vor allem durch Dialoge voran. "Die Leute sollen die Personen so kennenlernen und nicht durch Beschreibungen von außen", erklärt er sein Erzählprinzip.

Es gelingt Etzel, dem Buch viel Lokalkolorit zu verleihen. Der Picknickplatz bei Schloss Eurasburg, die Windräder in den Wadlhauser Gräben, das Festival "Woodrock" oder der steile Weg zum Kloster Schäftlarn wecken sofort Bildassoziationen. Spannend gelingt die Überblendung des Hamlet-Themas in der Gegenwart. Weil Hamlet in Thelma zur Frau wird, passt Etzel auch die Geschlechterverhältnisse dementsprechend an. Ophelia wird etwa zu Oliver, den Thelma in den Selbstmord treibt.

Etzel bezeichnet sich selbst als Hobbyschriftsteller. Als Kommunikationstrainer entwickelte er Mitspielkrimis für seine Seminare und verfasste Lehrbücher. Mit seinen Schäftlarn-Krimis begann er, als er sich vor drei Jahren beruflich zur Ruhe setzte. Seine Erfahrungen im Umgang mit Menschen und ihren Reaktionen hat er in den Büchern verarbeitet.

Seine Veröffentlichung bringt Etzel im Selbstverlag heraus. Gedruckt wird im sogenannten "Print on demand" jeweils nur das Exemplar, das ein Kunde gerade angefordert hat. Außerdem diktiert der Ebenhauser seine Texte per Anwendungssoftware in den PC statt zu tippen. Damit brauche er weniger Fehler zu korrigieren, als wenn er selbst schreibe, sagt Etzel. Statt professioneller Lektoren gibt er Angehörigen und Bekannten die fertigen Exemplare zum Lesen. Damit gelinge es, allzu flapsige Formulierungen zu korrigieren: "Ein professionelles Lektorat kostet leicht 1000 Euro. Das kann ich mir nicht leisten."

Wenn Etzel nicht schreibt oder liest, ist er im Landkreis mit dem Fahrrad unterwegs. Im Sommer bei schönem Wetter fast täglich, wie er sagt. So sei er auch auf die Idee mit dem Mountainbikeunfall gekommen. Er gehe auch ins Fitnessstudio und höre während des Trainings den Radio-Tatort. "Ich mag eigentlich Action", sagt er. So wurde dem Psychologen auch die Arbeit in einem Forschungslabor nach dem Studium schnell zu eintönig. Daher bewarb er sich, als Siemens in München einen Psychologen mit Schwerpunkt Datenverarbeitung suchte. Er bekam die Stelle, arbeitete an der Entwicklung von Berufseignungstests mit.

Seit 1979 lebt Etzel in der Gemeinde Schäftlarn. Erst wohnte er in Neufahrn, zog 1994 nach Ebenhausen. Mit 43 Jahren machte er sich als Kommunikationstrainer selbständig. Er beriet mehr als zwei Jahrzehnte lang Unternehmen und organisierte Managementtrainings.

Ideen für zwei weitere Bücher hat Etzel bereits gesammelt. Ob das nächste wieder ein Krimi wird, steht allerdings noch nicht fest. "Fantasy oder Krimi, das ist die Frage", sagt Etzel.

Gerhard Etzel: "Thelma. Ist es Wahnsinn oder Methode?", 266 Seiten, erhältlich bei www.twentysix.de oder über amazon für 9,99 Euro, als kindle-Edition für 5,99 Euro