Trittsteine führen durch den kleinen japanischen Garten in Wolfratshausen und laden dazu ein, für einen Moment in eine andere Welt einzutauchen. "Trittsteine" hat Johanna Dengler, langjährige Vorsitzende des Partnerschaftsvereins Wolfratshausen-Iruma, auch ihren neuen Gedichtband genannt. In ihm rückt sie das mystische Japan in den Mittelpunkt. Als Dichterin nennt sie sich Hanna Syriah. "Dengler" klinge zu sehr nach Sensenschärfen und ihrer Heimat Niederbayern, sagt sie. "Ich wollte etwas lyrischer unterwegs sein."
Lyrisch ist die studierte Germanistin, die bis 2019 den Anzeigenverkauf der Süddeutschen Zeitung in Wolfratshausen leitete, seit zwei Jahren unterwegs. Ihre Liebe zur Poesie hat sie bei einem Seminar mit Doris Dörrie entdeckt. "Aus dem Unbewussten schreiben, es fließen lassen, das ist mir seither zu einem Bedürfnis geworden." Im Vergleich zu ihrem ersten im Eigenverlag herausgegebenen Gedichtband "Penthesilea & Ich" ist das Japan-Büchlein deutlich konzentrierter. Wiederkehrende Motive sind Samurai, Schwerter, Kimonos und Teezeremonien, aber auch Landschafts- und Stimmungsbilder, die davon zeugen, dass die Autorin sich nicht nur mit der Geschichte und den Geschichten Japans auseinandergesetzt hat, sondern zu Land und Leuten persönliche Beziehungen geknüpft hat. "Ich habe viel an Japan zu kritisieren", sagt sie, "vor allem die Stellung der Frau. Aber wenn ich dort bin, fühle ich mich geborgen. Geborgener als hier."
Ein Haiku sucht man in den "Trittsteinen" vergeblich. Selbst das kürzeste Gedicht - "Die Wolke am Himmel/hat ihren Schatten/ in die Wellen /deines/Herzens/ geworfen" - erfüllt nicht die formalen Vorgaben der wohl bekanntesten japanischen Gedichtform. Stattdessen genießt Hanna Syriah offensichtlich den freien Fluss der Gedanken. Manche Texte lesen sich wie intime Aufzeichnungen aus einem Reisetagebuch, andere wie Anleitungen zu einer geführten Meditation: "Die Gebetstrommel wechselt von der rechten in die linke Hand/Die schnellen Drehbewegungen lassen deine Unruhe hinaus".
Das Klosterleben sei seit ihrer Kindheit Teil ihres Lebens, sagt sie. Als Mädchen besuchte sie ein Internat in Regensburg, das vom Orden der Englischen Fräulein geführt wurde - eine Zeit, an die sie nicht nur gute Erinnerungen hat. "Als Kind möchtest du toben und aus dir herausgehen." Seit 15 Jahren sucht sie hingegen gezielt die Ruhe hinter dicken Mauern und praktiziert Zen-Meditationen im Kloster Schäftlarn. "Gedichte müssen aus der Stille entstehen. Und Stille findest du nur in dir selbst." Die Feinarbeit - das Feilen am Rhythmus, das inhaltliche Nachschärfen - vollziehe sie dann in einem zweiten Schritt am Computer.
Leben und Tod, Sehnsucht und Vergänglichkeit, all diese universellen Themen durchziehen die japanischen Miniaturen. Manche Aspekte erschließen sich nur dem Eingeweihten. Etwa die Figur des Samurai. "Der Krieger geht zum Teemeister und stirbt", sagt Hanna Syriah. "Bevor er in die Schlacht zieht, gibt er sein Ich ab - und verliert alle Angst vor dem Tod." Fotos zu den Texten haben Lüder Paysen, langjähriger Präsident der Deutsch-Japanischen Gesellschaft in Bayern, und seine Frau Gudrun Paysen beigesteuert. Japan-Freunde werden in dem 63 Seiten starken Buch sicher Vertrautes wiederentdecken - und vielleicht mit der Autorin durch das ein oder andere "Toriji" schlüpfen in eine unbekannte Welt.
Hanna Syriah: Trittsteine . Gedichte, Verlag tredition, Hamburg, ISBN 978-3-347-10302-3, 12,50 Euro. www.tredition.de