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Letzte Ruhe ohne Grabstein:Friede unter Bäumen

Bestattungswaldes Waldruh Dietramszell

Blick ins Grüne: Zur "Waldruh Dietramszell" gehört auch ein Andachtsplatz - ein überdachter Holzpavillon mit Bänken.

Dietramszell hat den einzigen Bestattungswald im Landkreis. Die "Waldruh" ist ein Idyll für die Lebenden und die Toten.

Von Petra Schneider

Am Pfarrheimparkplatz weist ein Schild den Weg zum bislang einzigen Bestattungswald im Landkreis: "Waldruh Dietramszell", der vorige Woche offiziell eingeweiht wurde. Auf dem Forstweg führt der Weg vorbei am kleinen Neuweiher, das Lachen und Lärmen der Kinder in der nahen Montessorischule verblasst mit jedem Schritt. Eine Schwammerlsucherin streift durch den Wald, sonst ist niemand zu sehen an diesem Vormittag. Gegenüber der Fischerhütte ist ein Areal oberhalb des Waldweihers mit einem hölzernen Zaun abgegrenzt - der Eingang zum Bestattungswald.

Der Weg ist mit Hackschnitzeln ausgelegt, an einigen Bäumen sind kleine Nummerntafeln angebracht. Unter einer Lärche hat ein Mann seinen "Ruhebaum" gefunden. Name, Geburts- und Sterbedatum sind auf einem blattförmigen Täfelchen zu lesen, das sich unauffällig an den rauen Stamm schmiegt. Auf dem Waldboden davor hat jemand einen kleinen Blumenkranz gelegt, der bereits verdorrt.

Erlaubt ist das streng genommen nicht; das Konzept sieht Grabschmuck, Kerzen oder Gedenksteine nicht vor. In Bestattungswäldern finden Verstorbene ihre letzte Ruhe unter Bäumen, die Urnen werden im Wurzelbereich bestattet und sollen unmittelbar Teil des natürlichen Kreislaufs werden. Das Konzept wurde in der Schweiz entwickelt, 1999 wurde dort der erste Bestattungswald eröffnet. Anders als auf traditionellen Friedhöfen entfällt die Grabpflege, die viele nicht mehr leisten können, weil sie weggezogen sind und sich nicht um das Grab der Angehörigen kümmern können. Bestattungswälder stehen allen offen, Menschen jeder Konfession, Herkunft und Hautfarbe. Diese weltanschaulichen und oft ganz pragmatischen Gründe, vielleicht auch die besondere Beziehung, die die Deutschen seit der Romantik zum Wald pflegen, haben die Nachfrage nach dieser Form der Bestattung in den vergangenen Jahren erhöht.

Die Waldruh im Dietramszeller Forst wird ihrem Namen jedenfalls gerecht. Ruhig ist es hier, die Stille legt sich über kreisende Gedanken. Es duftet nach feuchtem Laub, Wurzelstrünke und abgebrochene Äste liegen in diesem Wald, der sich selbst überlassen ist. Manche Stämme sind so mächtig, dass man sie nicht umfassen kann. Auf einer Wiese oberhalb des Waldweihers ist ein Rund mit Holzschnitzeln ausgelegt, ein schlichtes Holzkreuz und Bänke stehen dort, der Blick öffnet sich über den See und das wogende Schilf. Ein verstecktes Idyll, das man gar nicht so gerne verraten mag. Hier wurde der Andachtsplatz gebaut - ein überdachter Holzpavillon, dessen gekreuzte Balken sich zu einer lichten Konstruktion verbinden.

Der Wald gehört Fabian von Schilcher, der die sieben Hektar große Fläche, die auf 18 Hektar erweitert werden kann, bis ins Jahr 2099 an die Gemeinde verpachtet hat. Er halte einen Bestattungswald für eine "schöne und sinnvolle Alternative", hatte er erklärt. Im November 2016 beschloss der damalige Gemeinderat unter Leni Gröbmaier, einen Bebauungsplan aufzustellen. Das Vorhaben verzögerte sich, diverse bürokratische Hürden mussten genommen werden. Das ist nun geschafft, an die 300 Bäume sind als mögliche "Ruhebäume" markiert. 14 sind derzeit verpachtet, für weitere zehn gibt es Interessenten. Die Nachfrage sei sehr groß, beobachtet Kämmerin Katharina Laß, die die Pachtverträge abwickelt. Die Gebühren richten sich nach Lage und Größe der Bäume, es gibt Familien- und Einzelbäume. So müssen für eine Pachtdauer bis zum Jahr 2099 einmalig zwischen 3900 und 9500 Euro für einen Familienbaum gezahlt werden, Einzelplätze an einem Gemeinschaftsbaum kosten für eine Laufzeit von 25 Jahren zwischen 850 und 1950 Euro. Die Gebühr wird bei Vertragsabschluss fällig, die Laufzeit beginnt ab dem Tag der Beisetzung. Die Schilcher'sche Forst- und Gutsverwaltung bietet Führungen an, bei denen sich Interessenten einen Baum aussuchen können. Die Trauerfeier wird nach den Vorstellungen des Verstorbenen oder dessen Angehörigen gestaltet, mit einem Pfarrer, einem Mitarbeiter des Unternehmens Waldruh oder von der Familie selbst.

Der Bestattungswald ist für jeden zugänglich, Tiere, mit Ausnahme von Blindenhunden, dürfen nicht mitgebracht werden. Auch Radfahren oder Reiten ist verboten. Für Badegäste und Erholungssuchende am Waldweiher ergeben sich keine Einschränkungen, sofern sie sich "ruhig und der Würde des Ortes entsprechend verhalten", heißt es in den Regularien. Es ist Ein schöner Ort - für die Lebenden und die Toten.

© SZ vom 26.09.2020/aip

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