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Lesung in Penzberg:Eine Imamin? Warum nicht!

Benjamin Idriz

Idriz glaubt, dass der Koran hauptsächlich von Menschen spricht - Frauen und Männer sind dabei gleich.

(Foto: Privat)

Benjamin Idriz hat ein Buch zur Rolle der Frau im Islam geschrieben

In seinem neuen Buch "Der Koran und die Frauen" will der Penzberger Imam Benjamin Idriz aufräumen mit Missinterpretationen des Islam. Er taucht dafür in die Geschichte zur Zeit der Entstehung ("Offenbarung") des Korans ein. "Ich bin der Auffassung, dass der Begriff Gleichberechtigung schon im siebten Jahrhundert von Bedeutung war", sagt Idriz. Er vertritt die These, dass der Koran den Frauen damals deutlich mehr Rechte zugesprochen habe als von der Gesellschaft vorgegeben, und interpretiert die Schrift als emanzipatorisches Werk. "Der Koran forderte - und fordert - kulturelle Weiterentwicklung und gesellschaftlichen Fortschritt. Bezüglich der Frau forderte - und fordert - der Koran zweierlei: ihre Emanzipation und ihre Freiheit", schreibt Idriz.

Das Buch ist eine zeitgenössische Interpretation des Korans zum Thema Frauen, belegt mit Quellenangaben und Verweisen auf Kontroversen. Der Autor orientiert sich dabei an Originalzitaten des Korans und folgt einer logischen, differenzierten Argumentationsstruktur. Idriz baut seine Thesen Schritt für Schritt aus, angefangen mit der historischen Einordnung einiger Textstellen, hin zu deren mannigfaltigen Interpretationsmöglichkeiten.

"Tatsache ist, dass der Koran objektiv gesehen eine patriarchale Rhetorik benutzt - weil er in seinem Ursprung eine patriarchale Gesellschaft im Arabien des siebten Jahrhunderts anspricht. Dies bedeutet aber nicht, dass die Botschaft des Korans patriarchalischer Natur wäre", argumentiert er. Man müsse differenzieren zwischen der damaligen Absicht hinter Regelungen und der Übertragung auf die heutige Gesellschaft. "Es sind nicht die Texte und Zitate selbst, die die Religion ausmachen, sondern die Ziele (...), an die diese Texte heranführen sollen", ist eine der zentralen Thesen. Das Ziel des Korans sei Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern und die Wahrung der Menschenwürde.

Die kritischen, viel diskutierten Themen wie Polygamie, Gewalt gegen Frauen und Kopfbedeckung lässt Idriz nicht außen vor. Dabei kann es leicht missverstanden werden, wenn er die weibliche Verhüllung als vormaligen Schutz der Frauen vor Übergriffen erklärt. Moralische Integrität und gegenseitiger Respekt seien jedoch die höchsten Instanzen, ergänzt er. Dafür müsse jeder bei sich selbst sorgen, ohne jemand anderen zu bevormunden, und dazu gehöre auch, andere Menschen nicht zu belästigen oder anzugreifen. "Wenn wir die Menschen so verstehen, brauchen wir keine Schutzmittel", erklärt er. Die Bedeckung erotischer Körperteile sei für Männer wie Frauen gefordert. Er plädiert für einen schicklichen Kleidungsstil beider und erklärt auf Nachfrage: "Das Thema Kopftuch ist ein Frauenthema." Männer hätten sich aus dieser Diskussion herauszuhalten: "Die Frauen sollen selbst entscheiden." Dass eine Frau in freier Entscheidung aufgrund ihrer Kopfbedeckung dann wiederum nicht diskriminiert werden dürfe, ist ihm ebenso wichtig zu betonen.

Idriz möchte nicht nur nicht-muslimische Leser erreichen - gerade der muslimischen Gemeinde weltweit gibt er klare Ratschläge: "Wenn Muslime wirklich vorankommen wollen, dann müssen sie den Frauen sowohl zu den Moscheen als auch zum gesamten gesellschaftlichen Leben wieder Zugang verschaffen", schreibt er. Eine Imamin in Penzberg? "Warum nicht?", sagt Idriz und lacht. Es gebe in seiner Gemeinde schon viele Frauen in führenden religiösen Positionen. "Hätten die Muslime zur ersten Periode des Islams die (...) begonnenen Reformen fortgesetzt, (...) dann hätten muslimische Frauen schon vor allen anderen volle Gleichberechtigung erfahren", glaubt Idriz.

Lesung Benjamin Idriz: "Der Koran und die Frauen", Donnerstag, 27. Juni, 19.30 Uhr, Buchhandlung Rolles, Bahnhofstraße 24a Penzberg

© SZ vom 27.06.2019

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