Leonhardifahrt im Schnee:"Euch ist kalt. Mir ist kalt. Amen"

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Bei Temperaturen um den Gefrierpunkt kommen 10 000 Besucher nach Bad Tölz. 81 Pferde-Gespanne ziehen zum Kalvarienberg - und Pfarrer Peter Demmelmair fasst sich kurz.

Von Martina Schulz

Max, 9, und Alfons, 8, nehmen die Aufregung gelassen. Auch der Trubel bei der Aufstellung bringt sie nicht aus der Ruhe. Max ist der besonders Lässige und Alfons sein bester Freund, der ihm immer ein wenig ein wenig hinterhertrottet. "Die zwei machen ihre Sache gut", lobt Paul Abeltshauser aus Unterbuchen. Seine beiden Kaltblüter ziehen auf der diesjährigen Leonhardifahrt in Bad Tölz den Wagen mit der Nummer 49 - eines von 81 Gespannen, die sich auf den Weg vom Badeteil über die Marktstraße und den steilen Maierbräugasteig zum Kalvarienberg machen.

Im Badeteil geht es zu wie am Münchner Hauptbahnhof im Berufsverkehr, nur dass statt der Züge unterschiedliche Truhen- und Tafelwagen auf die ihnen zugewiesenen Positionen rangieren, um Passagiere aufzunehmen. Auf den Wagen mit der Nummer 49 steigen zum Beispiel Mädchen in Alttölzer Tracht. Es riecht nach Kaffee, Leberkäse und dampfenden Pferdeleibern. Bei Temperaturen rund um den Gefrierpunkt verwandelt sich der Atem aus den Nüstern in kleine, weiße Wolken, die langsam nach oben steigen. Es schneit leicht. "An den gefährlichen Stellen wird gesandet und Salz gestreut", erklärt Christoph Manhart aus Böbing, der den Truhenwagen für die Reichersbeurer Frauen im Schalk gestellt hat. Das Wetter stelle also kein größeres Hindernis dar. Allerdings kommen laut Polizei nur 10 000 Besucher - halb so viele wie im Vorjahr.

Als von rechts ein Tafelwagen mit vier schwarzen, gewaltigen Pferden auftaucht, die lauthals ihre Artgenossen begrüßen, springen viele Zuschauer beeindruckt zur Seite. Aus Luzern in der Schweiz sind die Familien Imfeld und Ringgenberg nach Bad Tölz gekommen. "Wegen der Pferde und der Frauen, die so viel Arbeit haben mit den Trachten und den Frisuren", sagen sie. "Bei uns gibt's auch solche Fahrten, aber nicht mit so vielen Wagen und so prächtig. Wunderbar." Günther Wahl aus Ulm sieht zum zweiten Mal zu: "Vor vier Jahren war ein Bombenwetter, da konnten wir uns auf die Wiese setzen." Als er mit den Fingern die Fichten und den Buchs entlang streift, mit denen die Wägen kunstvoll verziert sind, stellt er verwundert fest: "Das ist ja alles echt!" Auch deswegen wird die Traditionswallfahrt am Donnerstag auf die Liste des Freistaats für das immaterielle Weltkulturerbe aufgenommen.

Das Geläut der Schellen an den prunkvollen Geschirren der Pferde mischt sich von neun Uhr an mit den Kirchenglocken, die den Beginn der Fahrt verkünden und sie bis zum Gottesdienst auf dem Kalvarienberg begleiten. Die Anstrengung der Fahrt sieht man vielen Pferden bei der Ankunft an. Sie schäumen an den Hinterbeinen und atmen schwerer. Deshalb werden sie während der Messe eingedeckt, damit sie sich in der kalten Luft nicht verkühlen. Wie viele andere Tiere senken auch Max und Alfons sofort die Köpfe und dösen, während Pfarrer Peter Demmelmair predigt: "Die Destabilisierung der Welt ist dramatisch. Wir, die wir einen Glauben haben, sollten fest stehen und vertrauen."

Gespann gestreift

Zu einem kleinen Unfall kam es heuer im Anschluss an die Tölzer Wallfahrt, als ein Taxifahrer aus Wackersberg das voll besetzte Fuhrwerk eines Holzkirchners auf der Eichmühlstraße überholen wollte. Dabei verfing sich der Außenspiegel seines Kleinbusses im Zaumzeug eines Pferdes, das stürzte und sich leicht verletzte. Laut Polizei musste es aber nicht ausgespannt werden und konnte den Weg fortsetzen. Personen wurden nicht verletzt. aip

Dass man die Wiese, auf der die Gespanne warten, mit Kies befestigt hat, bewährt sich auch in diesem Jahr wieder. 2014 war es hier zu einem Unfall gekommen, als auf dem tiefen und matschigen Untergrund ein Truhenwagen kippte und zwei Frauen verletzt wurden. Heuer ist nur die Oberfläche etwas schmierig - für die schweren Fuhrwerke ist das Wetter kein Problem. Wohl aber für die Teilnehmer. Pfarrer Demmelmair beendet seine Predigt mit den Worten: "Euch ist kalt. Mir ist kalt. Amen." Und auf dem Rückweg in die Marktstraße lässt sich sogar die Sonne blicken.

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