Tölzer LeonhardifahrtTradition als "Fest der Integration"

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Etwa 12 000 Zuschauer verfolgten die 166. Tölzer Leonhardifahrt, wie hier an der Kalvarienbergkirche.
Etwa 12 000 Zuschauer verfolgten die 166. Tölzer Leonhardifahrt, wie hier an der Kalvarienbergkirche. Manfred Neubauer

Etwa 12 000 Zuschauer erleben einen Festtag wie aus dem Bilderbuch. Festredner wie Kardinal Marx und Gäste aus Europa würdigen den gesellschaftlichen Wert der Traditionswallfahrt.

Von Veronika Ellecosta und Klaus Schieder, Bad Tölz

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Nach Wind und Wetter am Wochenende zeigt sich die Kulisse für die Tölzer Leonhardifahrt am Montag von ihrer bayerischsten Seite: Der Himmel weiß-blau, das Buchenlaub am Tölzer Kalvarienberg golden, die Rösser mit feinstem Blumen- und Buchsschmuck dekoriert, die Wallfahrerinnen in edlem Schalk und Fuchsfell. Etwa 12 000 Menschen säumen den Weg durch die Kurstadt bis zum Kalvarienberg. Von neun Uhr an ziehen die 66 Viergespanne aus Nah und Fern die Tafel- und Truhenwagen zur Leonhardikapelle hinauf, wo Stadtpfarrer Peter Demmelmair Vieh und Fuhrleute segnet.

Als Kardinal Reinhard Marx den Festgottesdienst liest und in den Fürbitten zeitgemäß für jene betet, "die ständig gestresst sind", macht sich oben am Kalvarienberg Geselligkeit breit. An den Verpflegungsständen werden Würstchen und Bierflaschen über den Tresen geschoben, während die Schalk- und Miederfrauen traditionsgemäß auf Likör und Kekse setzen. Für Lisa Steinbacher und ihre Freundinnen ist es das letzte Mal, dass sie zwischen den unverheirateten Frauen Platz nehmen, deshalb sei die Stimmung im Truhenwagen 59 sehr emotional. Aber mit bald 30 Jahren sei es Zeit, den Wagen jüngeren Mädels überlassen, sagt Steinbacher - Traditionen eben.

An das Schrittfahrgebot hielten sich diesmal alle Gespannführer. Nur auf dem Nachhauseweg kam es zu zwei leichten Vorfällen wegen durchgehender Pferde. Verletzt wurde niemand.
An das Schrittfahrgebot hielten sich diesmal alle Gespannführer. Nur auf dem Nachhauseweg kam es zu zwei leichten Vorfällen wegen durchgehender Pferde. Verletzt wurde niemand. Hartmut Pöstges

Die Rösser hätten die Auffahrt auf den Kalvarienberg mit äußerster Ruhe bestritten, erzählt Gespannführer Anton Schmutz aus Reichersbeuern, der neben seinem Gespann wacht und mit anderen Reitern plauscht. Die Wertschätzung den Pferden gegenüber sei Kern der Wallfahrt, betont Kardinal Marx, dessen Stimme aus den Lautsprecherboxen über die Kalvarienbergwiese tönt: "Die Menschen sind nicht allein auf der Erde, das sollte man aus Leonhardi mitnehmen." Die Bewahrung der Schöpfung sei ein christlicher Auftrag, so Marx.

Mit Wertschätzung den Pferden gegenüber kennt sich auch Lisa Eck aus: Die junge Wackersbergerin kümmert sich seit einigen Jahren um die Rösser am Nachbarhof, auch heuer hat sie für die Pferdewallfahrt rote Nelken und aufwendige Zopfmuster in die Mähnen geknüpft. Stolz präsentiert sie Pferd Tammy. "Wenn ich an Leonhardi die prächtig geschmückten Pferde sehe, freue ich mich, weil es das Ergebnis mühevoller Arbeit ist", sagt sie mit einem Strahlen und streicht über Tammys Hals.

"Es gibt nichts, was Bad Tölz mehr beschreibt", sagt Bürgermeister Ingo Mehner

Als das letzte Gespann kurz nach 12.30 Uhr an der Mühlfeldkirche ankommt, geht es zur selben Zeit in der Franzmühle politisch, gar weltpolitisch zu. In einer Zeit, geprägt von Kriegen, Krisen und Intoleranz, sei die Tölzer Leonhardifahrt identitätsstiftend, sagt Bürgermeister Ingo Mehner (CSU) beim Empfang der Stadt. "Viele bewegen sich zunehmend in ihren Blasen, haben keine Lust, sich mit anderen Meinungen auseinanderzusetzen." Um den gesellschaftlichen Fliehkräften entgegenzuwirken, seien Erlebnisse wie die Traditionswallfahrt für den Zusammenhalt wichtig. "Es gibt nichts, was mehr Bad Tölz beschreibt, was uns mehr begeistert, was uns mehr zusammenschweißt, als Leonhardi", sagt Mehner.

Auf das Verbindende verweist auch Kardinal Marx. Die Leonhardifahrt sei "ein Fest der Integration", wenn jene, "die hinzugekommen sind, wissen, sie gehören auch dazu".

Den Festgottesdienst auf dem Kalvarienberg zelebrierte der Münchner Erzbischof Reinhard Marx.
Den Festgottesdienst auf dem Kalvarienberg zelebrierte der Münchner Erzbischof Reinhard Marx. Manfred Neubauer

Bernard Kajdan gehört zweifelsohne dazu. Der stellvertretende Bürgermeister der Partnerstadt Vichy kam schon mit 13 Jahren zum ersten Mal nach Bad Tölz. Und erlebte seither wie viele Leonhardifahrten mit? "Sehr viele." Ihm gefallen die Trachten, die Wagen, die Pferde, vor allem aber "die Verbindung der Bevölkerung, der Leute, der Tradition". Und nicht zuletzt auch, dass die Wallfahrt nach einem Heiligen benannt ist, der in Frankreich gelebt hat und in Limoges begraben wurde, gut 200 Kilometer von Vichy entfernt.

"Ein wunderbarer Tag, viele Menschen, eine schöne Festmesse mit dem Kardinal - alles gut": So fasst Matteo Cecchelli, Vertreter des Bürgermeister aus der Partnerstadt San Giuliano Terme seine Eindrücke zusammen. Ähnlich formuliert auch Stadtrat Gabriele Meucci seine Impressionen: "Viele Leute, Tradition, schönes Wetter, eine wunderbare Stadt und freundliche, sympathische Menschen." Die Städtepartnerschaft mit Bad Tölz, den Austausch in der Kultur, der Bildung und der Wirtschaft, bezeichnen beide als "ganz wichtig für den Frieden in einem vereinigten Europa".

Ein Keks in der Form eines Pferdes: Ein eigenes Leonhardi-Gebäck präsentierte Lisa Steinbacher bei der Leonhardifahrt.
Ein Keks in der Form eines Pferdes: Ein eigenes Leonhardi-Gebäck präsentierte Lisa Steinbacher bei der Leonhardifahrt. Manfred Neubauer

Zum zweiten Mal nimmt der US-Generalkonsul Timothy Liston an der Traditionswallfahrt teil. Der amerikanische Diplomat, der in Bonn Germanistik studiert hat, mit einer Frau aus Bayern verheiratet ist und perfekt Deutsch mit leichter Dialektfärbung spricht, wurde von Bürgermeister Mehner eingeladen. Liston freut es, dass auch nach mehr als 30 Jahren noch immer spürbar ist: "Die Amerikaner sind Teil der Stadtgeschichte." Ihm komme es so vor, als sei die US-Armee "vor zwei Monaten und nicht vor drei Jahrzehnten abgezogen". Das sei "sehr berührend". Und die Leonhardifahrt? Für ihn sei sie "Community, Gesellschaft, Gemeinschaft", sagt Liston.

Einziger Wermutstropfen: Auf dem Heimweg ging ein Pferd auf der Sachsenkamer Straße beim Maxlweiher durch. Der Polizei zufolge stürzte das Tier, stand aber von selbst wieder auf. Verletzt wurde niemand. Als die Polizei mit dem Martinshorn ankam, erschrak das Pferd eines anderes Gespanns und ging ebenfalls durch, konnte aber gestoppt werden. Auch dabei kam niemand zu Schaden.

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