Innovative Technik:Solarzellen statt Ziegel

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Innovative Technik: Schwarz statt rot: Die Solarzellen von Ennogie sollen auch auf dem Neubau des Lenggrieser Pflegeheims zum Einsatz kommen.

Schwarz statt rot: Die Solarzellen von Ennogie sollen auch auf dem Neubau des Lenggrieser Pflegeheims zum Einsatz kommen.

(Foto: Ennogie Deutschland GmbH/oh)

Der Neubau des Lenggrieser Pflegeheims soll ein Dach aus Photovoltaik-Modulen erhalten.

Von Petra Schneider

Die Gemeinde Lenggries setzt beim Neubau ihres Pflegeheims auf eine innovative Form zur Erzeugung von Solarstrom: Statt einer klassischen Aufdach-Photovoltaikanlage soll eine Vollflächen-PV-Anlage installiert werden, bei der auf der gesamten Dachfläche Solarmodule die Ziegel ersetzen. Die erzeugte Leistung wäre deutlich höher als der geschätzte Bedarf des Pflegeheims und etwa doppelt so hoch wie bei einer klassischen Anlage. Allerdings auch doppelt so teuer: Die Kosten für eine Vollflächen-Anlage liegen bei rund 800 000 Euro brutto.

Die hohen Kosten haben die Gemeinderäte am Montag nicht abgeschreckt: Mit zwei Gegenstimmen von Martin Willibald und Stefan Heiß (beide FWG) hat sich das Gremium für die Variante des dänischen Unternehmens Ennogie-Solardach entschieden. Geklärt werden muss allerdings noch, wie hoch die Schneelast ist, die die Module verkraften können. Ebenso die Frage, wie Schneefänge montiert werden. Bei einem Ortstermin in Gauting habe sich der Gemeinderat bereits einen Eindruck verschafft, "wie das gestalterisch ausschaut", sagte Bürgermeister Stefan Klaffenbacher (FWG). Weil das Pflegeheim ein Zweckbau ist, greift die Ortsgestaltungssatzung nicht, die für Wohnhäusern in Lenggries rote Ziegeldächer vorschreibt. Außerdem spare man sich rund 220 000 Euro für die Ziegel und die entsprechenden Arbeitsstunden.

Weil Lenggries das Pflegeheim für rund 24 Millionen Euro selbst baut, kann die Gemeinde auch die Strom-Übererträge, die die neue Anlage liefern wird, nutzen: zur Versorgung weiterer Liegenschaften, wie dem "Haus der Senioren" oder für E-Ladestationen. Möglichst viel soll in den Eigenverbrauch fließen. Derzeit ist kein Batteriespeicher vorgesehen, "wir werden eine ganze Menge ins Netz einspeisen", sagte Klaffenbacher. Angesichts der aktuellen Energiekrise finde Solarstrom aber auf jeden Fall Abnehmer, so die überwiegende Meinung. Außerdem leiste man einen wichtigen Beitrag zur Energiewende. Auf einer nutzbaren Dachfläche von knapp 2200 Quadratmetern könnte die Anlage pro Jahr rund 330 000 Kilowattstunden Strom erzeugen. Das ist deutlich mehr als der prognostizierte Bedarf des Pflegeheims, das 90 Plätze und eine Kurzeitpflege bieten soll: Nach Einschätzung der Caritas, die das Haus betreiben wird, werde der Verbrauch bei etwa 125 000 Kilowattstunden pro Jahr liegen. Den Bedarf würde auch eine klassische Aufdachanlage decken. Glasmodule auf Ost- und Westdach würden insgesamt rund 165 000 Kilowattstunden pro Jahr erzeugen, bei Anschaffungskosten von rund 440 000 Euro brutto.

Die Gemeinderäte entschieden sich dennoch für die Vollflächen-Variante, die Ennogie-Vertreter Alexander Nazarenus am Montag vorstellte. "Wir lassen die Dachziegel weg und gehen mit den Modulen direkt auf die Dachlattung", sagte Nazarenus. Dies sei ab einer Dachneigung von 15 Grad und bei praktisch jeder Dachform möglich. Die einheitlich schwarzen Module würden auf der Baustelle in der passenden Form zugeschnitten. Sie seien hagelfest und regensicher durch vertikal überlappende Führungsschienen und Gummidichtungen. Ennogie verwende in Dänemark entwickelte "Schwachlichtmodule", die auch auf nordseitig ausgerichteten Dächern Strom produzierten; "sobald Sonnenlicht verfügbar ist, auch in den Abendstunden", sagte Nazarenus, der auf ein "Leuchtturmprojekt" des Unternehmens verwies, das 2017 mit dem Design Award ausgezeichnet wurde: "Kokoni One", ein Quartier mit 84 Reihenhäusern in Berlin-Pankow, auf dessen Dächern ein Großteil des Energiebedarfs der Siedlung erzeugt werde.

Wie hoch die Schneelast ist, die die Module unbeschadet tragen können, müsse noch definitiv geklärt werden. Bei Ennogie geht man von 400 Kilo pro Modul aus - was nach Ansicht von Eberhard Pichler (FWG) unbedingt gewährleistet sein müsse, weil solche Schneemengen im Oberland durchaus möglich seien. Schneefänge würden auf die Traufe montiert, erklärte Nazarenus. Die Module, die einzeln ausgetauscht werden können, hätten eine garantierte Lebensdauer von zehn bis 15 Jahren - Ziegel allerdings etwa 50 Jahre. "Aber dafür haben wir bei der Volldachlösung einen Stromertrag, den wir dagegen rechnen können", sagte Klaffenbacher. Die Anlage könne im Brandfall sofort "gekappt werden, damit kein Strom drauf ist", betonte Nazarenus. Mithilfe eines Monitorings würden Wechselrichter und Module überwacht. Für die Wechselrichter gelte eine Herstellergarantie von 20 Jahren. Viele positive Wortmeldungen gab es zu der Volldachvariante: "Das rentiert sich zu 100 Prozent", sagte Eberhard Pichler (FWG), "da brauchen wir nicht lange rechnen." "Für mich spricht überhaupt nichts dagegen", betonte auch Hans Besch (FWG). "Strom kann man nie zu viel haben."

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