Beim Wanderparkplatz Denkalm nahe Lenggries startet eine besondere Expedition: 19 Kinder im Grundschulalter, ausgerüstet mit Matschhosen, Gummistiefeln und Rucksäcken, sind gekommen, um die „Heupferdchen“-Prüfung abzulegen. „Weiß jemand, worum’s da genau geht?“, fragt Gruppenleiterin Johanna Trischberger. „Das ist wie das Seepferdchen-Abzeichen, nur im Wald“, erklärt Ferdinand. Richtig. Das Heupferdchen ist eine neue Aktion der Naju, der Naturschutzjugend im Landesbund für Vogel- und Naturschutz (LBV).
Kinder sollen heimische Tier- und Pflanzenarten kennenlernen, über deren Verhaltensweisen informiert werden, den Einsatz von Lupe und Pinzette üben und ihre Beobachtungen festhalten. Wer den Test besteht, wird mit einer Urkunde und einem Aufnäher mit aufgesticktem Grashüpfer belohnt. Und so erfährt man bei diesem zweieinhalbstündigen Spaziergang durch Wald und Wiesen allerhand Interessantes: Woher der Kleiber seinen Namen hat, dass Grasfrösche nicht unbedingt grün sind und ein Stummelfüßchen nichts mit Füßen zu tun hat. „Man schützt eher, was man kennt“, erklärt Trischberger.

Weil das Interesse so groß sei, habe die Naju den Oktober zum Heupferdchen-Monat erklärt. In ganz Bayern gibt es Möglichkeiten, das Abzeichen zu machen. Beim Treffpunkt in Lenggries sind auch Nachwuchsforscher aus Königsdorf mit ihrer Leiterin Eleonora Graf dabei. Dann geht es los. Am Forstweg Richtung Denkalm lockt ein Hagebuttenstrauch mit roten Früchten. Klar kennen die Kinder den, „da kann man Juckpulver draus machen“, erklärt der Blasi. Der Neunjährige ist einer der älteren Teilnehmer. Ob er öfter mit seinen Eltern im Wald spazieren gehe? „Nur im Notfall“, sagt er. Sein Freund Paul pflichtet ihm bei. „Höchstens zum Schwammerlsuchen.“ Bei der Naju-Gruppe sei das anders. „Das macht Bock“, finden die beiden.
Hannah hat ihr kleines Fernglas mitgebracht. „Vögel sind meine Lieblingstiere“, erklärt die Achtjährige, „deshalb bin ich hier“. Auch Justus findet die Gruppe „mega“. „Man kann Pflanzen und Tiere erforschen und lernt was, was man nirgends anders lernt.“ Zum Beispiel? „Vogelrufe erkennen“, sagt er. Beim ersten Stopp am Tratenbach verteilt Trischberger Hörrohre – Klorollen, die als Trichter fungieren. „Ich möchte, dass jetzt alle eine Minute lang ganz ruhig sind und wir nur hören.“ Das funktioniert wunderbar, manche Kinder haben die Augen geschlossen. Vögel hört man zwar keine, aber das Rauschen des Bachs, die Stimmen von Wanderern, das Gebrumm eines Traktors.

Dann schwärmen die Kinder aus, die Becherlupen gezückt. Berührungsängste haben sie nicht: Ein Regenwurm ringelt sich um kleine Finger, Wasserläufer werden aus einer Pfütze geangelt, Weberknechte behutsam in die Becherlupe gestupst. Emil hat eine Rehspur im Matsch entdeckt, sein Freund hält stolz eine fein gestreifte Schnecke in die Runde. „Wichtig ist, dass ihr vorsichtig seid und die Tiere nicht verletzt“, betont Trischberger. Die Entdeckerfreude der Kinder ist ansteckend; es macht Spaß, im Wald herumzustreifen, der nach feuchtem Laub riecht, sich über Moospolster zu beugen und kleinste Lebewesen zu beobachten, die man sonst übersehen hätte.
„Die Begeisterung der Kinder ist auch für mich eine Bereicherung“, sagt Trischberger. Seit über zehn Jahren engagiert sich die freiberufliche Lektorin und Mutter einer Tochter ehrenamtlich beim LBV. Die 45-Jährige hat eine Gruppenleiterausbildung zur „Öko-Trainerin“ gemacht und leitet seit 2023 die Kindergruppe in Lenggries, die erste im Landkreis. Inzwischen gibt es weitere in Dietramszell, Geretsried, Wolfratshausen und Königsdorf. Ein- bis zweimal im Monat trifft sich die Gruppe, das Konzept sei für draußen gedacht. Nur bei ganz schlechtem Wetter könnten sie in Lenggries die Waldkirche nutzen, in Geretsried die Mitmachwerkstatt „Nagel und Faden“.

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Einen Teich anlegen und bepflanzen, Nistkästen bauen, Amphibien sammeln, eine Fledermausführung am Tölzer Stausee – das waren einige der jüngsten Aktivitäten. Der LBV ist mit rund 117 000 Mitgliedern der größte Artenschutzverband in Bayern, es gibt 251 Gruppen, davon 138 für Kinder. Insgesamt sind 5500 Ehrenamtliche aktiv.
Beim Heupferdchen-Aktionstag in Lenggries machen die Kinder einen aufregenden Fund: ein Frosch, den Jonas ruhig in der Hand hält. Ganz nah gehen die Kinder an das etwa zehn Zentimeter lange Tier mit den kugeligen Augen und den Schwimmhäuten heran. „Das ist ein Grasfrosch“, erklärt Trischberger, kein grasgrüner, sondern ein rötlich-brauner, bestens angepasst an die Umgebung.

Alle Sammelobjekte werden begutachtet und anschließend wieder an ihren Fundort zurückgebracht. Am Brotzeitplatz auf einer Wiese liegen Bücher und Broschüren zum Nachlesen bereit, sogar eine Wanzenbestimmungshilfe gibt es. Ein kleiner, heller Pilz an einem morschen Ast wird als nicht-essbares Stummelfüßchen identifiziert. Die Kinder erfahren, dass Grasfrösche in eine Winterstarre fallen und Stummelfüßchen Totholz brauchen, um zu wachsen.
Im ersten Teil der Prüfung sollen die Kinder den Frosch und den Pilz zeichnen und besondere Merkmale notieren. Das ist gar nicht so einfach, aber in den Büchern zu spicken ist erlaubt. Als zweiter Teil folgt ein Quiz: Wie heißt der LBV-Wappenvogel? „Eisvogel“, das wissen alle. Auch den Vogel auf einem Foto erkennen die meisten. Ein Kleiber, der seinen Namen deshalb hat, weil er die Bruthöhlen von Spechten besetzt und mit Spucke und Lehm so verklebt, dass nur noch er hineinpasst. „Ihr habt das alle super gemacht“, lobt Trischberger schließlich. „Heupferdchen bestanden.“

