Lenggries:Gentrifizierung am Berg

Lenggries: "Das ist bitter für uns": Stefan Knallinger (links) und Götz Keßler müssen mit ihrem Alpen-Club die Reiser-Wastl-Alm am Brauneck räumen.

"Das ist bitter für uns": Stefan Knallinger (links) und Götz Keßler müssen mit ihrem Alpen-Club die Reiser-Wastl-Alm am Brauneck räumen.

(Foto: Robert Haas)

Seit fast 100 Jahren ist der Münchner Alpen-Club Berglust auf der Reiser-Wastl-Alm am Brauneck zu Hause. Nun muss er die Hütte räumen. Der Verpächter hat die Miete auf das Vierfache angehoben. Für den von Handwerkern gegründeten Verein ist das zu viel.

Von Benjamin Engel

Die historische Reiser-Wastl-Alm am Brauneck ist ganz nah dran am modernen Tourismus - und doch auch ziemlich weit davon entfernt. Das mehr als 200 Jahre alte frühere Sennhaus steht in unmittelbarer Nähe der bewirtschafteten Reiseralm im vorderen Brauneckgebiet. Das Gebäude hat zwar Stromanschluss, gleichzeitig aber nur ein Plumpsklo, fließendes Wasser gibt es nur aus der Quelle. Und trotzdem - oder womöglich genau deswegen - war die Alm für den Münchner Alpen-Club Berglust in den vergangenen fast 100 Jahren der Mittelpunkt des Vereinslebens. Die Mitglieder haben ihre Wochenenden und Ferien am Berg verbracht, Sport getrieben, gesungen, musiziert und gefeiert - vom Maitanz über Sonnwendfeiern bis zum Schafkopfrennen. "Wir pflegen das Einfache und Traditionelle", beschreibt Stefan Knallinger das Selbstverständnis seines Vereins.

Damit wird es für den Verein allerdings bald vorbei sein - zumindest am Brauneck. Zum Jahresende läuft der bisherige Nutzungsvertrag aus. Die Mitglieder des Alpen-Clubs Berglust werden die Hütte endgültig räumen, der Verpächter fordert viermal so viel Miete wie bisher. Die Mechanismen des regionstypischen Immobilienmarkts mit viel Nachfrage und wenig Angebot wirken sich inzwischen also selbst am Berg aus. Auch Alm- und Berghütten sind mittlerweile ein gefragtes Freizeitgut - und den Zuschlag bekommt, wer ein gut gefülltes Portemonnaie mitbringt.

Laut Vereinschef Knallinger hatte der Alpen-Club Berglust für die Almhütte jahrzehntelang einen eher symbolischen Pachtbetrag bezahlt, zuletzt war es ein niedriger dreistelliger Euro-Betrag pro Monat. Dafür habe der Verein die Hütte gepflegt. Mitglieder hätten etwa einen Holzofen und Stockbetten eingebaut und die Holzlege an der Hütte errichtet. Wie Knallinger einräumt, ist der bisherige Pachtvertrag wohl nicht mehr zeitgemäß, der nun aufgerufene Preis ist für den Verein aber finanziell nicht mehr zu stemmen.

Alpen-Club Berglust

Die Reiser-Wastl-Hütte hat der Alpen-Club Berglust seit 1926 gepachtet. Ende 2021 müssen die Mitglieder raus.

(Foto: Stefan Knallinger/oh)

Von marktangepassten Preisen spricht Eigentümer Kaspar Reiser. Immerhin liege die Hütte mitten im Skigebiet. In den vergangenen beiden Jahrzehnten, seit ihm die Wastl-Reiser-Alm gehöre, habe er etwa für den Anschluss an das Lenggrieser Abwasserkanalnetz viel Geld investieren müssen. Bald müsse das Dach der Almhütte saniert werden. Die bisherige Pacht habe kaum diese Kosten gedeckt. Die Hütte wie in früheren Zeiten "für ein Butterbrot" zu verpachten, könne er sich nicht mehr leisten. "Es ist nicht mehr wie vor 100 Jahren", sagt Reiser.

Diese fast 100 Jahre sind es, dass der Alpen-Club Berglust nun besteht. Um 1922 hatten der Malergeschäftsinhaber Sepp Knallinger, der Großvater von Stefan Knallinger, zusammen mit Hans Rückerl und Georg Ramsauer den Verein gegründet. Es habe sich um Münchner Handwerker von der Schwanthalerhöhe gehandelt, berichtet Stefan Knallinger. "Die Hauptintention war die Freude am Bergsport und auch das gemeinsame Musizieren zu pflegen", sagt er. Drei Jahre lang habe der Verein eine Hütte am Samerberg gehabt. Doch mit dem Zug aus München sei diese nur schwer erreichbar gewesen. "1926 sind sie dann auf die Hütte am Brauneck gestoßen", erinnert sich Knallinger.

Daran knüpfen sich für ihn besondere Erinnerungen. Sein Vater habe während des Zweiten Weltkrieges mit seiner Mutter lange Zeit auf der Hütte am Brauneck gelebt. "Er hat mir oft erzählt, wie er dort übernachtet hat und morgens mit Skiern auf dem Weg zur Schule erst einmal abgefahren ist", erzählt Knallinger. Zur Hochphase in den 1950er und 1960er Jahren habe der Verein um die 30 Mitglieder gehabt. Seine Eltern hätten ihn seit 1968 regelmäßig mit auf die Hütte genommen. Heute seien es um die zehn Mitglieder plus Angehörige. "Musik ist ein großer Bestandteil der Hüttengemeinschaft", sagt Knallinger. Götz Keßler, den er zu Studienzeiten in Weihenstephan kennenlernte, habe eine eigene Alpen-Club-Bläsergruppe initiiert.

Alpen-Club Berglust

Ein letztes Erinnerungsstück: Der Verein hat sogar ein originalgetreues Modell von der Almhütte gebaut.

(Foto: Stefan Knallinger/oh)

Zum 200-jährigen Bestehen der Almhütte im Jahr 2007 hat der Verein eine Bergmesse mit dem Lenggrieser Pfarrer organisiert. "Wir haben eine Schubert-Messe gespielt, mit zwei Klarinetten, Trompete, Tenorhorn", sagt Keßler. "Das war eine richtige, kleine Bläsergruppe." Der Verein habe Volksmusikabende, den Tanz in den Mai oder Sonnwendfeiern veranstaltet. Gemeinsam hätten sie mindestens eine große Bergtour mit Übernachtung pro Jahr unternommen. Diese Traditionen hätten die Alpen-Club-Mitglieder gerne mit ihren Kindern in der Hütte am Brauneck weitergepflegt, wie Knallinger und Keßler betonnen. Damit, dass die Pacht gekündigt werden würde, haben sie nicht gerechnet. "Das ist bitter für uns", sagen sie.

Jetzt muss der Alpen-Club Berglust eine Ersatzhütte suchen. Von München müsse diese aber am Tag gut erreichbar sein. Der Isarwinkel und das Mangfallgebirge wären am idealsten. Hüttenbesitzer könnten sich gerne bei ihnen melden. "Wir suchen nach einer dauerhaften Lösung", sagt Keßler.

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