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Vegan in Lenggries:Zweimal "v" wie Wurst

Michael Pirker Eleonora Comelli Vegan-Manufaktur Lenggries

Michael Pirker und Eleonora Comelli stellen hier aus Gemüse ein veganes Brot in Rohkost-Qualität her. Das Ehepaar ernährt sich seit Jahrzehnten vegan. Im vergangenen Jahr haben sich die beiden entschlossen, ihre Expertise für eine Firmengründung zu nutzen. Hergestellt werden die Produkte in Lenggries.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Eleonora Comelli und Michael Pirker wollen in ihrer Manufaktur zeigen, dass schmackhafte Lebensmittel mit wenigen und hochwertigen Zutaten hergestellt werden können.

Von Sebastian d'Huc

Wer Eleonora Comelli und Michael Pirker dabei zusehen möchte, wie sie mit einer Spachtel ihre purpurfarbene Brotmasse ausstreichen, wie sie Gemüse in kleine Stücke hacken und wie sie sorgfältig Zutaten abwiegen, muss sich erst einen Kittel und ein Haarnetz anziehen. Dann kann der Besucher der Manufaktur die Lenggrieser Landluft hinter sich lassen und die Produktionsstätte betreten. Dort produziert das Ehepaar mit fünf Mitarbeiterinnen Naturkostprodukte, unter anderem Cracker, Brote, Konfekt und Cremes. Das Star-Produkt ist aber eine Art vegane Wurst, "in Rohkostqualität" und nach eigenem Rezept, die sie "Vvurst" nennen.

"Das Besondere an uns ist, dass wir vegane Produkte herstellen, allerdings nicht unseren Fokus darauf legen, dass es vegan ist", erklärt Comelli. Vielmehr seien sie eine Naturkostfirma, die darauf Wert lege, hochqualitative Lebensmittel anzubieten. "Und folglich sind unsere Kunden auch nicht nur Veganer. Etwa 50 Prozent ernähren sich sogar mit Fleisch, aber suchen eben ein neues Geschmackserlebnis." Die Prinzipien, die das Unternehmen bei seiner Produktion einhalte, seien klar: "Alles ist bei uns Bio. Dann verarbeiten wir es kalt, sodass die Nährstoffe nicht zerstört werden und die Produkte Rohkost sind." Außerdem, so zählen Comelli und Pirker gemeinsam auf, seien die Produkte ohne jegliche Zusatzstoffe, ohne Palmöl, Hefe oder Laktose. Sie verwendeten auch nicht Seitan, Tofu, Zucker oder Kokosblütenzucker. Auf der Website finden sich - je nach Produkt - viele weitere Nicht-Inhaltsstoffe. Sie versuchten stets, mit so wenigen Ingredienzien wie möglich ein schmackhaftes Produkt herzustellen, erklären die beiden. "Wir verkaufen nichts, was wir nicht selber essen wollen", lautet die Werbebotschaft.

Am erfolgreichsten ist die Eigenentwicklung Vvurst. "Viele sogenannte fleischlose Ersatzprodukte bestehen aus viel Füllmaterial, etwa Tofu oder Seitan", erklärt Comelli. "Wir wollten stattdessen ein wirklich geschmacksintensives und gesundes Produkt entwickeln." Als Fleischersatz werde das Produkt nicht vermarktet, vielmehr als Snack oder auch als "pikante Gemüse-Sticks". Hergestellt wird es aus Saaten, Pseudogetreide wie Nackthafer, Trockentomaten, Gewürzen und Trockenfrüchten. Wie es verarbeitet wird? "Das ist Betriebsgeheimnis", sagt Pirker. Er verrät nur soviel: Das aufwendige Produkt werde auf eine Weise hergestellt, die nicht industrialisierbar sei. Beißen lässt es sich wie eine grobe Landwurst, der Geschmack ist nicht wurstartig, aber pikant und aromatisch.

Comelli und Pirker haben ihre Firma vor etwa eineinhalb Jahren gegründet. "Wir ernähren uns seit Jahren alternativ und haben eine gewisse Expertise aufbauen können", erklärt Comelli, die neben ihrer Tätigkeit als Heilmasseurin auch eine Ausbildung zur Ernährungsberaterin absolviert hat. "Außerdem fanden wir es schön, durch die Firmengründung mehr Zeit miteinander zu verbringen", führt Pirker aus, der gelernter Ingenieur ist.

Ihre Produkte vertreiben sie über ihren Online-Shop, auf Messen und bei lokalen und alternativen Lebensmittelhändlern. Die "Vvurst" kostet pro Dose mit 120 Gramm knapp 7,50 Euro. Die Produkte sind so teuer, dass viele während der Corona-Krise lieber auf sie verzichteten - die Firma verzeichnete in den vergangenen Monaten nach eigenen Angaben einen Umsatzrückgang von 70 Prozent, auch, weil viele der Verkaufsmessen nicht mehr stattfinden konnten. "In Supermärkten hätten wir damit keine Chance", so Pirker, "aber das wollen wir auch gar nicht - unsere Produkte sind hochwertiger als das, was man bei den Ketten findet."

Allgemein halten die Firmeninhaber, die sich bereits seit den Neunzigern - bevor es cool wurde - vor allem aus Gründen des Tierschutzes vegan ernähren, wenig von der Lebensmittelindustrie. "Es ist Wahnsinn, wie viele Inhaltsstoffe in vielen Produkten sind." Manche Substanzen würden auch nur hinzugefügt, sagt Pirker, weil sie zum Beispiel die Anlagen schonten, nicht weil das Produkt dadurch besser werde. "Besonders Fertigprodukte werden so verarbeitet, dass sehr wenige gesunde Inhaltsstoffe übrig bleiben", behauptet Comelli. Aber der Ernährungswandel müsse vom Verbraucher ausgehen, und es sei wichtig, niemanden für seine Essgewohnheiten zu verurteilen, findet sie: "Einer unserer engsten Freunde ist der örtliche Metzger."

© SZ vom 14.07.2020

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