Süddeutsche Zeitung

"Ohne Wasser ist nix gegangen":Der Herzschlag des Isarwinkels

Wie wichtig die Wasserkraft über Jahrhunderte war, beschreibt Claus Eder in seinem neuen Buch "Mühlen an der Isar". Basis für die Recherchen war sein umfangreiches historisches Fotoarchiv.

Von Petra Schneider, Lenggries

Eines der Lieblingsbilder von Claus Eder hängt im Flur seines "Buidlecks" in der Lenggrieser Marktstraße. Eine großformatige Fotografie in sepiafarbenem Ton, die einen Flößer zeigt, der sich mit seinen Haferlschuhen gegen das reißende Wasser der Isar stemmt. Eders Großvater hat das kraftvolle Motiv 1935 eingefangen. Es ist Teil eines riesigen Archivs mit mehr als 500 000 Fotografien in digitaler oder analoger Form, die Eder thematisch geordnet hat. Ein ganzer Raum ist dafür reserviert, Regale voller Ordner.

Eder ist Fotograf in der vierten Generation. Sein Urgroßvater Conrad Weiß, sein Großvater Josef und seine Mutter seien gelernte Fotografen gewesen, erklärt der 59-Jährige, der auch eine Werbeagentur und einen Verlag betrieben hat. Viele Aufnahmen stammen aus Familienbesitz, außerdem haben ihm Kollegen ihre Bestände überlassen. Auch Privatleute kommen immer wieder mit ihren alten Alben zu ihm. Interessante Bilder scannt er ein und hinterlegt sie in seinem Archiv. In den vergangenen Jahrzehnten ist so ein Schatz entstanden, der die Geschichte des Isarwinkels dokumentiert; ein im Wortsinn fotografisches Gedächtnis. Eder hat aus diesem Fundus an die 20 Bücher zu verschiedenen Themen herausgegeben: über die Holzwirtschaft entlang der Isar, das alte Dorf Fall, traditionelle Wirtschaften im Süden von München, das Brauneck oder die Serie "Wia's früher war". Kürzlich ist dazu ein weiterer Band erschienen: "Mühlen an der Isar".

Drei Jahre lang hat Eder recherchiert, alte Karten studiert, im Tölzer Stadtarchiv geforscht, Fachbücher gelesen und mit Leuten gesprochen, die sich noch erinnern können. Denn früher reihten sich Mühlen an fast jedem Bach entlang der Isar; zwischen Vorderriß und Bad Tölz habe es mehr als 55 Mühlen gegeben, sagt Eder. In seinem Buch beschreibt er sie mit Text und mehr als 320 Abbildungen. Dazu kommen 70 Aquarelle und Illustrationen der Grafikerin Rebecca Rogers, die die Funktionsweise der verschiedenen Mühlenarten zeigen, "damit man sich das vorstellen kann", sagt Eder.

Denn wo sich vor 150 Jahren Mühlen wie an einer Perlenschnur aufreihten, sind heute höchstens noch Ruinen zu sehen. Etwa die der ehemaligen Guflmühle am Mühlbach südwestlich von Hohenburg, die 1844 erbaut wurde. Ihre Geschichte reicht freilich viel weiter zurück: Eder ist auf eine Rechnung gestoßen, die auf das Jahr 1596 datiert ist und die den Verkauf von Mühlgestein und Mühlgericht vermerkt. Die älteste Mühle in Lenggries dürfte aber die Urtlmühle sein, die bereits 1270 erwähnt ist.

"Die Wasserkraft war die Energeiquelle Nummer eins."

Viel Interessantes hat Eder zusammengetragen; geschichtliche Hintergründe, Mühlentechnik oder verschiedene Arten wie Sägemühlen, Hammerschmieden, Papiermühlen, Lohmühlen für die Gerberei oder Gipsmühlen. Mühlen waren jahrhundertelang der Herzschlag des Isarwinkels. "Die Wasserkraft war die Energiequelle Nummer eins", sagt Eder. "Ohne Wasser ist nix gegangen." Im Isarwinkel wurde das Baumaterial für die wachsenden Städte produziert, das dann auf Flößen Richtung München transportiert wurde.

Im Zuge der Industrialisierung konkurrierten Wassermühlen zunehmend mit leistungsfähigeren Dampfmühlen und schließlich mit elektrisch betriebenen Mühlen - ehe Ende des 19. Jahrhunderts ein großes Mühlensterben einsetzte. Auch der Bau des Walchenseekraftwerks vor 100 Jahren tat ein Übriges, weil Wasser aus der Isar und ihren Zuflüssen abgeleitet wurde, sagt Eder. Mit dem Bau des Sylvensteinspeichers in den Jahren 1956/57 war dann auch mit der gewerbliche Flößerei ab Vorderriß Schluss. Seine Bücher sollen zu einer Entdeckungsreise einladen, wie das Leben im Isarwinkel früher war, sagt Eder. "Und was das für eine Knochenarbeit war."

Kunsttage und Sternennacht

Das Mühlenbuch wird Claus Eder im Rahmen der ersten "Buidleck-Kunsttage" vorstellen, die von 14. bis 16. September in seinem Laden stattfinden. Die Künstler Klaus Trischberger, Werner Kirschenhofer, Norbert Strixner und Sepp Jaud zeigen Holzskulpturen und Objekte, Kleinmöbel mit aufwendigen Intarsien und Lampen. Zu sehen ist außerdem die große "Modellbau- und Mühlenlandschaft" auf rund 20 Quadratmetern von Claus Eder: eine liebevoll gestaltet Szenerie mit Sägewerk, Kalköfen, Fassmacherei oder Kohlenmeiler, die in fünfmonatiger Arbeit aus Gips, Pappe und Holz entstanden ist. Außerdem sind die Original-Aquarelle zum Mühlenbuch von Rebecca Rogers ausgestellt. Geöffnet ist am Donnerstag von 14 bis 18 Uhr, Freitag 14 bis 22 Uhr, Samstag 10 bis 18 Uhr.

Am Freitag findet in Lenggries außerdem von 18 Uhr an wieder die "Sternennacht" statt, die die Werbegemeinschaft seit vielen Jahren veranstaltet. Bis 22 Uhr sind die Läden geöffnet, es gibt Essensstände und diverse Aktionen wie eine E-Scooter-Rallye, Schau-Drechseln oder Karaoke. An vielen Ecken im Ortskern spielt die Musik: Bands wie Wayna Picchu oder Painted Desert sind angekündigt, am Rathausplatz wird eine Liedermacherbühne aufgebaut. Einen weiteren Kunststandort gibt es am Karl-Pfund-Weg: Gottfried Brenner zeigt dort Skulpturen und Plastiken aus Holz, Stein, Bronze und Keramik.

Infos und Buchbestellung über www.buidleck.de

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