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Gratwanderung am Berg:Am stählernen Faden durch die Nacht

Die Pistenraupen sind 14 Tonnen schwere, 530 PS starke Kolosse.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Wenn es im Isarwinkel dunkel wird, präparieren die Pistenraupenfahrer im Braunecker Skigebiet die Abfahrten oft mithilfe einer Seilwinde. Doch sie sind nicht alleine. Unterwegs mit einem Mann, der sich keine falsche Bewegung erlauben darf.

Kurz nach Sonnenuntergang wird das Licht am Brauneck diffuser. Die Konturen im weißen Schnee am Hang verschwimmen, der Märzabend verdunkelt sich zunehmend. Die im Abendrot rosafarbenen Wolken verblassen. Das Thermometer zeigt knapp minus fünf Grad Celsius. Zeit für Sepp Brandhofer, den Motor zu starten.

Der 38-jährige Lenggrieser hat es sich auf dem Sitz seines Pistenbullys bequem gemacht. Langsam steuert er seinen fast 14 Tonnen schweren, 530 PS starken Koloss über die steile Hangkante an der Garlandabfahrt. Mit seiner Pistenraupe wird er die nächsten Stunden bis Mitternacht unterwegs sein, um die Abfahrten im Skigebiet zu präparieren.

Innen hilft Sepp Brandhofer modernste Technik.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Plötzlich taucht im hellen Scheinwerferlicht ein Skitourengeher auf

Im bis zu 45 Grad steilen Gelände an der Garland- und Weltcupabfahrt muss Brandhofer konzentriert bleiben. Um seine schwere Pistenraupe zu lenken, braucht er Fingerspitzengefühl, der Steuerknüppel reagiert auf die kleinste Bewegung. Plötzlich sieht Brandhofer im hellen Scheinwerferlicht einen Skitourengeher weiter unten am Pistenhang aufsteigen. Sofort greift er zu seinem Funkgerät, informiert seinen Kollegen, auf den Mann zu achten.

Immer häufiger anzutreffen sind Schitourengeher auch am Abend, die um diese Zeit nichts mehr auf den Pisten verloren haben, da sie sich selbst in hohe Gefahr bringen.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Denn für Skitourengeher kann es schnell lebensgefährlich werden, wenn die Pistenraupen nach Liftschluss unterwegs sind. Zum Präparieren besonders steiler Stücke nutzen die Fahrer Seilwinden, um am Hang leichter nach oben zu kommen. Bis zu 850 Meter spannt sich dann das Stahlkabel zwischen Ankerpunkt und Fahrzeug. An Hangkuppen gräbt es sich tief in den Schnee, schnalzt plötzlich in die Höhe, wenn er die Piste wieder hinauf fährt. Ein Tourengeher, der gegen den Stahlstrang stößt, wäre wohl sofort tot.

Im Skigebiet warnen daher Hinweistafeln, dass die Pisten nach 18 Uhr gesperrt sind. "Ich darf echt nicht nachdenken, was passieren kann, wenn das Seil umschnalzt", sagt Brandhofer. Die Zahl der Tourengeher auf der Piste nehme zu. Vorwürfe, er und seine Kollegen würden die Freizeitsportler hassen, weil diese die frisch gewalzten Pisten zerstörten seien falsch. "Wir wollen, dass nichts passiert", erklärt er nachdrücklich.

Zum Glück habe es am Brauneck noch keine schweren Unfälle gegeben. Dieses Mal gibt es schnell Entwarnung: Brandhofer kennt den Skitourenger. Es ist Markus Wasensteiner, Mitglied der Bergwacht. Er steigt zur Schutzhütte auf, um dort zu übernachten. Er wird den Pistenraupen an diesem Abend nicht in die Quere kommen.

Eine Pistenraupe kostet bis zu 500 000 Euro

Fünf Pistenraupen sind für die Brauneck- und Wallbergbahnen GmbH am Lenggrieser Hausberg unterwegs. Vier haben eine Seilwinde, eine kleinere hilft beim Präparieren von Flachstücken und Lifttrassen. Das Fahrzeug von Brandhofer zählt zu den größten, kostet zwischen 450 000 und 500 000 Euro. Um die zehn Beschäftigte sind im Winter nach jedem Skitag zur Pistenpräparierung unterwegs.

Jeder von ihnen hat am 1556 Meter hohen Brauneck mit 35 Pistenkilometern seine festgelegte Strecke. Für Brandhofer sind das die Hänge am Garland sowie die Weltcupabfahrt am vorderen Brauneck bis ins Tal. Auf diesem Abschnitt ist der Maschinenbautechniker schon 20 Jahre unterwegs. Mit seiner aktuellen Maschine, Baujahr 2019, hat der dreifache Familienvater schon 1300 Einsatzstunden angesammelt. "Du musst ein bisschen verrückt sein, um diesen Job zu machen", sagt er. Schließlich ist er in der Wintersaison - sie dauert bestenfalls von Anfang Dezember bis in den April - je nach Schneelage jede Nacht außer Haus. Die Schichten dauern von etwa 18 Uhr bis Mitternacht, wenn das Wetter schön ist. Schneit es, wird erst um zwei Uhr nachts gestartet und bis gegen acht Uhr morgens gefahren. Die Skifahrer sollen zu Betriebsbeginn der Lifte schließlich eine bestens präparierte Piste haben. Zumindest, solange der Betrieb aufrechterhalten werden kann. Am Freitag hieß es seitens der Brauneck- und Wallbergbahnen, dass die Pisten am Wochenende noch offen sein sollten. Falls eine Schließung angeordnet wird, wolle man das auf der Website veröffentlichen.

Tagsüber bilden sich durch die Schwünge der Skifahrer immer mehr Buckel auf der Piste. Gleichzeitig schiebt es den Schnee von den Hangkanten immer weiter talwärts. Dagegen arbeiten die Pistenraupenfahrer an. Mit der Frontschaufel befördern sie den Schnee nach oben und glätten mit Hilfe der Fräswelle sowie des Planierschilds am Heck alle Unebenheiten.

Jetzt kommt es auf Fingerspitzengefühl an. Mit einem Joystick kann der Fahrer das vordere Schild genau positionieren - bis auf Neigung und Höhe. Mit weiteren Schaltern lassen sich das Planierschild und die Fräswelle einstellen. Die funktioniert wie ein Pürierstab, um größere Schneeklumpen zu zerkleinern. Nur so bekommt Brandhofer später das gewünschte Finish - die feine, glatte Rillenstruktur - auf der Piste hin.

Mit der Pistenraupe unterwegs im Schigebiet Brauneck in Lenggries. Sepp Brandhofer aus Lenggries ist einer der Fahrer, die Nacht für Nacht die Schipisten auf dem Brauneck wieder für den neuen Tag präparieren. Eine Hand immer am Joystick. Foto: Harry Wolfsbauer

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Bei seiner Arbeit hilf ihm modernste Technik. Im Führerhaus sieht es fast wie in einem Flugzeugcockpit aus. Auf einem Monitor hat Brandhofer die Schneehöhe mit Hilfe eines satellitengestützten Systems jederzeit im Fokus. Leuchtet es blau auf, weiß er, dass die Schneedecke an dieser Stelle mehr als 80 Zentimeter dick ist. Grün wird es bei nur noch mehr als 40 Zentimetern, auf rot wechselt die Farbe bei weniger Schnee. Teils zeigt der Monitor sogar gelbe Stellen mit mehr als 1,60 Metern Schneehöhe. So kann Brandhofer Schwachstellen erkennen und den Schnee nach Bedarf auf der Piste verteilen.

Das Führerhaus gleicht einem Cockpit.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Auf dem Fahrersitz einer Pistenraupe hat Brandhofer zusammengezählt mehr als eineinhalb Jahre seines Lebens allein gesessen. Das macht je nach Wetter mal mehr und mal weniger Spaß. An diesem Märzabend freut sich der Lenggrieser über perfekte Bedingungen. Der Schnee hat bei den leichten Minustemperaturen genau die richtige Konsistenz zum Präparieren. Der weiße Untergrund ist nicht so weich, dass die Pistenraupe zu tief einsinkt - wie häufig im Frühjahr - oder so hart, dass er nur schwer zu glätten ist. "Der Schnee ist jeden Tag anders", schildert Brandhofer. Das mache es abwechslungsreich. Wer gerne in der Natur arbeite, habe bei der Bergbahn den richtigen Job.

Um eine Pistenraupe zu lenken, reicht ein Autoführerschein. Der Rest funktioniert autodidaktisch. Wer am Steuer sitzen wolle, müsse etwas von Technik verstehen und Fingerspitzengefühl haben, sagt Brandhofer. Eine Pistenraupe ändert die Fahrtrichtung schon bei der kleinsten Lenkbewegung. Auf den Kettengliedern kann sich der Koloss auf einer Stelle um die eigene Achse drehen. Eine Bremse gibt es nicht, die Raupe stoppt, sobald der Fahrer vom Gas geht.

Mit seiner Familie lebt Brandhofer nur 800 Meter von der Talstation der Brauneckbahn entfernt. Schon als Jugendlicher im Alter von 15, 16 Jahren arbeitete er am Streidlhang im Lifthäuschen seines Onkels. Als er volljährig wurde, fragte ihn sein Onkel, ob er nicht als Pistenraupenfahrer arbeiten wolle. Richtig mulmig ist Brandhofer seitdem nur einmal geworden.

Als wegen der vielen Schneefälle im Winter 2018/19 im Landkreis der Katastrophenfall galt, war auch das Skigebiet geschlossen. In dieser Zeit walzte Brandhofer mit seinen Kollegen die Pisten, um der weißen Massen Herr zu werden. "Im Wald hat es überall geknackt und gekracht", beschreibt er die Szenerie. Das Steilseil der Winde habe er an einem der Ankerpunkte befestigt. Als er kurze Zeit später mit der Pistenraupe wieder zurückfuhr, war ein mächtiger Baum auf die Stelle gekracht. Er habe Glück gehabt, sagt Brandhofer. Er hätte auch genau in dem Moment am Ankerpunkt sein können.

Um die Seilwinde zu befestigen braucht es viel Einsatzkraft.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Manche Kollegen haben im Sommer andere Jobs, einer arbeitet etwa als Baggerfahrer. Brandhofer ist das ganze Jahr fest bei der Bergbahn angestellt. Er arbeitet auch mit, wenn das Skigebiet zu Saisonbeginn künstlich beschneit wird. Über den Sommer gibt es immer etwas aufzuräumen oder die Liftanlagen zu warten. Dann ist er auch einmal froh, nicht Pistenraupe zu fahren. "Im Frühjahr bin ich froh, wenn ich die Kiste nicht mehr anschauen muss", erzählt Brandhofer. Aber wenn der Winter angeht, "freue ich mich genauso wieder."

© SZ vom 14.03.2020/vfs
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