Die Bergwacht hat bekanntermaßen ein breites Aufgabenspektrum, bei dem es sich im Wesentlichen um die Rettung aus unwegsamem Gelände, großen Höhen und den Naturschutz dreht. Auch wenn es in den meisten Fällen Wanderer, Mountainbiker, Gleitschirmflieger und Bergsteiger sind, denen die Bergwacht in der Not zu Hilfe kommt, so ist die Arbeit der Ehrenamtlichen nicht alleine auf Menschen beschränkt. Die Mitglieder der Bergwacht Lenggries etwa rücken nach eigenen Angaben durchschnittlich auch ein- bis zweimal im Jahr aus, um einen verirrten oder verletzten Hund zu retten. Und es geht noch eine Nummer größer. Etwa dann, wenn eine Kuh in alpinem Gelände Hilfe braucht. Till Gudelius hat in seinen mehr als 18 Jahren bei der Bergwacht Lenggries schon zwei Kühe und zehn Hunde gerettet. Und erst vor wenigen Tagen kam ein Jungrind im Karwendel vom Weg ab und verunglückte in einem Gebirgsbach. Für Gudelius und seine Kameraden der nächste außergewöhnliche Einsatz - mit einem Tierbergenetz im Gepäck und dem Heli Tirol am Himmel.
SZ: Herr Gudelius, was ist denn am wichtigsten bei einer Kuh-Rettung im Gebirge, worauf müssen Sie und Ihre Kollegen besonders achten?
Till Gudelius: Immer mit dem Landwirt selber sprechen! Der weiß am besten, was zu tun ist. Die Kühe kennen den Landwirt und merken zum Beispiel, ob der Landwirt oder ein x-beliebiger Wanderer an die Alm kommt. Auf den Landwirt reagieren die Kühe. Dieses Mal konnte das Landwirtspaar zusammen vor Ort sein und das Tier beruhigen.
Was ist bei einer Tierrettung in alpinem Gelände der größte Unterschied zu der Bergung eines Menschen?
Egal ob Mensch oder Tier, die müssen sich beruhigen, denn wir bergen oft im Absturzgelände. Ich kann zwar auf das Tier einwirken, aber ich kann keine spontane Ansage machen. Zum Menschen kann ich auch mal sagen: "Jetzt reiß dich mal für fünf Minuten zusammen" - natürlich ohne es böse zu meinen. Der Mensch kann reagieren, aber das Tier versteht mich ja nicht.
Hängt eine Kuh, die sie letztlich mit einem Helikopter aus ihrer misslichen Lage befreien, bei der Bergung dann ganz alleine am Tau?
Ja, die Kuh wird mit einem Lastentransport in einem Tierbergungsnetz ins Tal geflogen, hängt also alleine am Tau.
Die Vorstellung, alleine an einem Seil unterhalb eines Helikopters in großer Höhe durch die Luft zu baumeln, macht ja schon manchen Menschen Angst. Haben Kühe da keine Panik?
Nein, wir haben die Kuh circa eineinhalb Stunden vorher beruhigt, ihr Wasser und Heu gebracht, damit sie sich an uns, an das Netz und die Situation gewöhnt. Kurz vor Abflug eine kleine Spritze und 15 Minuten später stand sie schon wieder, etwas wacklig, auf der Weide.
Also bekam die Kuh vor ihrem Abflug ein Beruhigungsmittel...
Ja, sie bekommt eine leichte lokale Betäubung. Dafür muss nicht mal der Tierarzt vor Ort sein. Der Tierarzt spricht die Dosierung telefonisch mit den Landwirten ab und die verabreichen das Beruhigungsmittel dann. Das Mittel wirkt in zehn bis fünfzehn Minuten, die Flugzeit war in diesem Fall maximal zwei bis drei Minuten.
Die Kuh war doch aber abgestürzt, braucht es da keinen Tierarzt?
Nicht zwingend, wenn die Kuh unverletzt ist. Das entscheidet dann der Landwirt. Wir können nicht in die Kuh hineinschauen und die Landwirte sind Profis. Die Kuh, die wir jüngst geborgen haben, muss allerdings 30 bis 50 Meter gestürzt oder teils gestürzt sein und hatte ein paar offene Wunden.
Erst ein Absturz, dann der erste Flug ihres Lebens - wie ging es der Kuh danach?
Die Kuh war noch benommen bei der Landung und ist ein bisschen herumgestolpert, wie man es sich nach einer Narkose vorstellt.