Sabine Pfister weiß, was Laune macht. Deshalb hat sie die alte Rosi zum Fest bestellt. Rosi, 40 Jahre, ist ein knallroter VW-Bus, kuschlig ausstaffiert und mit einer verführerischen Leuchtschrift gekrönt. An diesem Abend funkelt sie wie ein frisch gelandetes Ufo vor dem Arabella-Brauneck-Hotel in Lenggries. Die Straßen rundherum sind dunkel und wie ausgestorben, aber bei der Foto-Rosi lacht das Leben. Zehn Jahre KKK werden in dieser Nacht gefeiert. Sollte man ein Bild dafür finden, was die Pfisters mit dem KKK nach Lenggries gebracht haben - das leuchtende Rosi-Raumschiff an diesem Oktoberabend wäre nicht das schlechteste.
Gerade haben sich die Gastgeberin, ihr Mann Stefan und ihre Tochter Nina auf die Rückbank des mobilen Foto-Studios gequetscht und sich mit allerlei Requisiten ausstaffiert. Melpomeni Martzoukos, Rosi-Chefin und Fotografin, gibt das Kommando. Noch drei Sekunden, zwei, eins: Dann schießt der Automat das erste Bild - und den drei Pfisters bleiben genau sieben Sekunden, um sich Perücken vom Kopf zu reißen, Brillen zu tauschen, sich die aufblasbare Gitarre oder den Heiligenschein zu schnappen und eine neue Pose einzunehmen. Eine Riesengaudi, auch für die Umstehenden. Die Anspannung, der Alltag fallen ab.
Drinnen, im Foyer des "Creaktivum" (so heißt das Tagungshaus des Brauneck-Hotels), stehen Grüppchen, plaudern, lachen. Auch die Kaminstub'n, das jüngste KKK-Domizil, ist bereits gut gefüllt. In einer Ecke haben es sich die Älteren gemütlich gemacht. Die Jüngsten flitzen um die Tische. Bei einem großen Familienfest würde es nicht anders zugehen. Auch wenn vermutlich nicht jeder an diesem Abend exakt sagen könnte, wofür genau die drei gefeierten "Ks" stehen (ursprünglich "Keramik Kunst & Kleckserei", mittlerweile "Kleinkunst & Kultur"), weiß doch jeder, worauf er heute anstoßen möchte.
Friedrich von Uthmann, zum Beispiel, Ingenieur im Ruhestand, formuliert es so: "Das, was die Sabine hier gemacht hat, ist eine kleine Sensation. Zuvor hatten wir in Lenggries ja nur den Alpenfestsaal mit bayerischer Musik." Seine Tischnachbarin, Ilse Raeder, bekannt für ihr ehrenamtliches Engagement bei der Lebenshilfe, in der Seelsorge und beim Umweltschutz, zählt ebenfalls zu den Stammgästen. Sie genießt den Wechsel von renommierten Künstlern und Newcomern. "Wir sind froh, dass wir das KKK hier haben", sagt sie. "Da sind immer Überraschungen dabei." Angelika Klauß ist erst vor drei Jahren nach Lenggries gezogen. In München, erzählt sie, sei sie gar nicht mehr ausgegangen. Da sei sie vom Kulturprogramm erschlagen worden. "Hier schätze ich das kleine, exquisite Angebot."
Zum Geburtstagsfest spielt das Trio Ciao Weiß Blau in der Kaminstub'n auf. Die Texte sind nicht ganz so bitterböse wie angekündigt, bewegen sich zwischen Baumarkt-Wahn und Freibad-Wunder und kreisen immer wieder gerne um den Lendenbereich ("Ich will Blümchen-Sex"). Aber das, was Tobias Öller (Gitarre, Gesang), Wolfgang Hierl (Gitarre, Flöte) und vor allem Erich Kogler am Kontrabass musikalisch anstellen, ist mitreißend: Die Brüche in Melodie, Tempo und Rhythmus, der dreistimmige Gesang - das alles sitzt und hat Witz. Obwohl die Kaminstub'n proppenvoll und überhitzt ist und manche Gäste auf den Bänken stehen, wird es erstaunlich still während der Sets.
Von der Lokalpolitik ist niemand gekommen, um zu gratulieren. Aber Paul Schwarzenberger - laut Selbstauskunft: alteingesessener Lenggrieser, Architekt und Revolutionär - fühlt sich spontan zum Abgeordneten berufen. Er hat eine Laudatio in Gedichtform auf Hotel-Papier gekritzelt, die er nun als (nicht näher strukturiertes) Lied vorbringen möchte. Das macht er dann auch, begleitet von einem stoischen Erich Kogler an der Steirischen. Die Performance, in manchen Passagen rätselhaft, zeichnet die Stationen der "Wanderbiene Sabine" nach - Marktstraße, Bahnhof, Kramerwirt, Brauneckhotel. Sabine Pfister sei ein "Marsmensch", raunt Schwarzenberger und beendet sein Lied mit dem Appell: "Weiterpfistern!"
Und die Besungene? Steht lächelnd im Gedränge, eine zarte, gleichwohl energische Frau in hochhackigen Sandalen. Sollte sie tatsächlich vom Mars kommen, hat sie die Einheimischensprache verdammt gut adaptiert: "Schee dass do seids!", sagt sie immer wieder. "Badzts eich nei, wenn's eng is, werd's gmiatlicher."
