Lebensmittelhandel Abschied der Bioladen-Pioniere

Das Geschäft am Deininger Stollhof war eine Institution im Oberland. Kunden kauften dort 31 Jahre lang Fleisch und Milch, Nudeln und Holzspielzeug. Nun gibt Ingrid Köglsperger auf, den Laden will keiner übernehmen

Von Claudia Koestler, Egling

Sie kommen aus München, Grünwald, Straßlach oder dem Landkreis, setzen kurz hinter Deining den Blinker und rollen über eine Allee vorbei an einem verwunschenen Garten: zum Stollhof. Immer hübsch langsam, denn schließlich könnten an einem der ersten Öko-Betriebe der Region jederzeit Frösche, Hühner oder andere Tiere den Weg kreuzen. Städter und andere Besucher wollen dort nachhaltigen Einkauf mit Erlebnis verbinden: im Hofladen biologisch erzeugte Waren erstehen, während die Kinder glücklich mümmelnde Kälber, Kühe und Pferde streicheln. Doch die Fahrt ins Idyll ist derzeit vergebens, das Schild an der Eingangstüre unmissverständlich: "Nach 31 Jahren vertrauensvoller Zusammenarbeit" ist der Hofladen "Naturkost am Stollhof" geschlossen.

Ingrid Köglsperger will dort nicht länger hofeigene und weitere biologische Grundprodukte an den Mann bringen. Während andere Landwirte in der Region die Direktvermarktung ausbauen, sagt die 76-Jährige: "Die Zeit dafür ist bei uns einfach vorbei."

Die Zäsur am Deininger Stollhof hat sich bereits seit längerem angekündigt. So veranstaltet die Familie Köglsperger schon seit Jahren keine Hoffeste mehr, die einst bis zu 4000 Besucher anlockten. "Der Aufwand stand in keinem Verhältnis, und als es dann auch noch einmal sprichwörtlich ins Wasser fiel, haben wir entschieden, dass Schluss ist", sagt Ingrid Köglsperger. Den Hof führt seit 2005 ihr Sohn Thomas. Der strebe eine Abkehr vom "Erlebnisbauernhof" an und wolle sich auf das Kerngeschäft der ökologischen Milchviehaltung im Bioland-Verband konzentrieren, sagt sie. Doch vor allem sei es der zunehmende Arbeitsaufwand und der Mangel an Nachwuchs gewesen, der Ingrid Köglsperger zur Ladenschließung bewogen habe: "Es wollte keiner das Geschäft übernehmen, weder aus der Familie noch jemand von den Angestellten. Und ich selbst kann es einfach nicht auf Dauer weitermachen."

Der erste Laden am Stollhof entstand 1986, später wurde für ihn ein eigenes Gebäude gebaut. Von Beginn an kamen Kunden aus der Region. Viele sind von der Schließung erschüttert.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Seit 1751 ist der Stollhof in Besitz der Familie, 1976 stellten sie auf organisch-biologischen Landbau um. Aus Überzeugung und aus pragmatischem Eigeninteresse: Zum einen, weil ihr Mann Sebastian Köglsperger auf die Chemikalien, die damals in der Landwirtschaft angewendet wurden, allergisch reagierte. Zum anderen, weil sie ihren Kindern nur das Beste mitgeben wollten. Auch wenn sie anfangs für ihre Vision von tiergerechter Haltung und den Leitgedanken, dass jeder Organismus nur so gesund ist wie die Organismen, von denen er sich ernährt, belächelt wurden, wie sich Köglsperger erinnert: Der Deiniger Stollhof wurde zum Leuchtturm und zum Demonstrationsbetrieb für ökologischen Landbau. Da blieb es nicht aus, dass immer wieder Besucher nach Produkten fragten und so einer der ersten Direktvermarkter-Hofläden im ganzen Oberland entstand. "Anfangs hatten wir eine legendäre weiße Schublade, aus der sich Kunden etwas herausnehmen konnten", sagt Köglsperger.

Der entscheidende Impuls, einen eigenen Laden zu eröffnen, kam schließlich 1986 durch die Reaktorkatastrophe in Tschernobyl. Weil sie damals noch große Futtervorräte hatten und die Kühe von belasteten Weiden fernhalten konnten, war ihre Milch deutlich weniger radioaktiv belastet als die anderer Landwirte. Das sprach sich rum, teilweise wurden ihre Becquerel-Werte gar im Radio verkündet - und die Kunden strömten en masse auf den Hof. Die Landwirte räumten einen kleinen Raum frei und versorgten dort die Kunden notdürftig mit dem, was der Betrieb hergab, vorwiegend mit Milch und Fleisch. Nach und nach kamen noch Nüsse, Honig und weitere Produkte hinzu. "Erst dachten wir, nach Tschernobyl machen wir wieder zu. Aber das ging nicht mehr, es war wie eine Lawine", erinnert sich Köglsperger. Weil der Zulauf immer stärker, der Platz aber immer enger wurde, entschlossen sie sich 1992, einen größeren Laden zu bauen. Dort verkauften sie bis vor wenigen Wochen ihre Milch, ihr Fleisch und ihre Würste, alles aus Eigenproduktion. Ergänzt wurde das Sortiment durch Backwaren, Getreide, Bauernnudeln, Eier, Gemüse und alles, was man im Haushalt täglich braucht. Aus dem alten Raum wurde zusätzlich eine "bunte Stube", in der eine Bekannte Kleidung für Kinder und Erwachsene, Bio-Kosmetika, Öko-Waschmitteln und Holzspielzeug feilbot. Doch vor drei Jahren musste dieser Laden bereits schließen. "Die Kunden haben sich lange beraten lassen und sind dann gegangen, ohne etwas zu kaufen, um es im Internet billiger zu bestellen", seufzt Ingrid Köglsperger.

Ingrid Köglsperger kann den Laden nicht mehr weiterführen.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Die Entscheidung, nun auch den überregional bekannten und beliebten Hofladen zu schließen, sei ihr nicht leicht gefallen. Dass nun viele Kunden traurig, ja erschüttert seien, sei auch für sie schwer: "Die Leute haben den Laden geliebt, und manche sind ja schon seit Jahrzehnten Kunden, von denen kamen inzwischen die Kinder und Enkel". Sie werde es das vermissen, weiß die Landwirtin. Und es ergibt sich noch eine Frage: wo künftig die Produkte vom Stollhof erhältlich sind. Die Milch gehe weiterhin zur Molkerei Scheitz, sagt Ingrid Köglsperger. Aber da wäre noch das Fleisch. Und plötzlich blitzt da etwas auf in ihren Augen, aller Entschlossenheit zum Trotz: "Vielleicht überlege ich es mir ja noch einmal. Vielleicht mache ich mit einem ganz kleinen Laden weiter - in dem es dann aber nur die Produkte vom Hof gibt, keine weiteren, und der nur an einem Tag in der Woche auf hat", sagt sie. Bis zu dieser Entscheidung will sie aber noch ein paar Wochen Ruhe einkehren lassen.