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Lasten der Vergangenheit:Verdrängt oder verworfen

In vielen Gemeinden wurden Nazi-Größen und ihre Wegbereiter zu Ehrenbürgern ernannt. Nur wenige haben sich bisher in aller Form davon distanziert. In Dietramszell wird nach dem verheerenden Votum erneut abgestimmt

Bürgermeisterin Leni Gröbmaier (BLD) sagt, sie wolle den "Spuk so schnell wie möglich beenden": Nachdem der Gemeinderat Dietramszell es am vergangenen Dienstag mit acht zu acht Stimmen abgelehnt hatte, sich von der in der Nazi-Zeit verliehenen Ehrenbürgerwürde für Adolf Hitler und Paul von Hindenburg zu distanzieren, will Gröbmaier an diesem Dienstag noch einmal abstimmen lassen: "Ich habe von einigen Gemeinderäten gehört, dass sie ihr Votum zutiefst bedauern." Nach einer Erklärung, die Barbara Regul (CSU) im Namen der acht Gemeinderäte vorlesen wird, die gegen eine Ablehnung gestimmt hatten, werden die Dietramszeller Autoren Amelie Fried und Peter Probst ihre Einschätzung darlegen.

Die beiden hätten angeboten, im Gemeinderat zu sprechen, sagt Gröbmaier. Fried entstammt einem jüdischen Elternhaus und beschreibt in ihrem Roman "Schuhhaus Pallas" die Schikanen, denen ihre Familie in der NS-Zeit ausgesetzt war. Ihr Ehemann Peter Probst engagiert sich seit Jahren gegen Rechtsextremismus. Er arbeitet im Tölzer Arbeitskreis an einem Konzept für ein begehbares Mahnmal in der dortigen Hindenburgstraße mit. Dass Historiker wie der Tölzer Archivar Sebastian Lindmeyr, der die Ehrenbürger-Belege für Hindenburg gefunden hatte, im Gemeinderat sprechen, sei nicht geplant. Viele Rückmeldungen erhält die Bürgermeisterin von entsetzten Bürgern. Der Tenor laute immer gleich: "Wie habt ihr nur so abstimmen können?"

Die SZ erkundigte sich, wie es in anderen Gemeinden mit Hinterlassenschaften aus der NS-Zeit aussieht.

Icking

Im Jahr 2005 kam heraus, dass Paul von Hindenburg und Ritter Franz von Epp in Icking Ehrenbürger sind. Wellen habe das damals nicht geschlagen, sagt Gemeindearchivar Peter Schweiger. Von der Verleihung hat sich die Gemeinde nicht distanziert; ob das Thema dem Gemeinderat vorgelegt wird, hat Bürgermeisterin Margit Menrad (UBI) noch nicht entschieden.

Egling

Hubert Oberhauser, Zweiter Bürgermeister (FW), glaubt zu wissen, dass Egling derlei Ehrenbürgerschaften nicht verliehen hat. Sollte sich jedoch beim Sichten des Archivs etwas finden, "dann werden wir nicht so verfahren wie in Dietramszell", sagt er. So wie er den Eglinger Rat einschätze, würden sich alle distanzieren.

Eurasburg

In Eurasburg ist Bürgermeister Michael Bromberger (GWV) "heilfroh", dass die Gemeinde keine Ehrenbürger aus der Nazi-Zeit hat. Er habe die Archivarin nach der Abstimmung in Dietramszell nochmals beauftragt, die Gemeinde-Unterlagen durchzuforsten. Gefunden habe sie nichts.

Königsdorf

Bürgermeister Anton Demmel (FW) erklärt, er würde sofort nachschauen lassen, ob es Ehrenbürgerschaften von Hindenburg oder Nazi-Größen gebe. Doch das Rathaus ist wegen Neubaus in die Schule gezogen, das Archiv in großen Blechcontainern im Hof untergebracht. Demmel sagt: "Wenn wir was finden, werde ich dem Gemeinderat vorschlagen, dass wir uns ganz klar distanzieren."

Kochel am See

Der Kochler Bürgermeister Thomas Holz (CSU) sagt, er habe seine Mitarbeiter "in die Niederungen des Archivs" geschickt, wo sie nach Nazi-Ehrenbürgern suchen sollen. "Ich glaube nicht, dass es eine Gemeinde gibt, in der solche Beschlüsse 1933 nicht gefasst worden sind", sagt Holz. Er hofft darauf, dass sie womöglich schon wieder aufgehoben wurden.

Schlehdorf

In Schlehdorf könnten Unterlagen aus den entsprechenden Jahren vor langer Zeit getilgt worden sein, vermutet Bürgermeister Stefan Jocher (WGL). Er werde aber die fürs Archiv zuständige Mitarbeiterin fragen.

Benediktbeuern und Bichl

Die Bürgermeister von Benediktbeuern und Bichl, Georg Rauchenberger (parteilos) und Benedikt Pössenbacher (Unabhängige Bichler Bürger), sind sicher, dass es in ihren Orten keine Nazi-Ehrenbürger gebe. Geforscht wurde in Benediktbeuern aber nicht danach. Pössenbacher weist darauf hin, dass für Bichl erst eine Chronik erstellt worden sei. Rauchenberger findet die Diskussion überflüssig, man müsse mal "den Deckel zumachen", sagt er.

Lenggries und Gaißach

Ob es Ehrenbürgerschaften für Hindenburg oder Nazi-Größen in Lenggries gegeben hat, ist nicht bekannt. Vor einigen Jahren habe er Archivarin Manuela Strunz recherchieren lassen, sagt Bürgermeister Werner Weindl (CSU). Das Ergebnis sei gewesen, dass es kaum Unterlagen aus den Jahren 1933 bis 1945 gebe. Nachdem das Thema erneut aufgekommen sei, habe er nochmals suchen lassen - Strunz habe das Ergebnis bestätigt. "Ich bin mir aber sicher, dass der Gemeinderat nicht zögern würde, bei einer symbolischen Abstimmung sich von der Ehrenbürgerschaft von wem auch immer zu distanzieren", betont Weindl. Die Gemeinde Gaißach habe keine Ehrenbürger aus der Nazizeit, sagt Verwaltungsleiter Hubert Schweiger.

Bad Heilbrunn

Adolf Hitler war Ehrenbürger von Bad Heilbrunn. In nicht-öffentlicher Sitzung habe der Gemeinderat sich davon distanziert, sagt Bürgermeister Thomas Gründl (CSU). In die Öffentlichkeit sei man nicht gegangen, weil die juristische Auskunft des Bayerischen Gemeindetags lautete, dass eine Ehrenbürgerschaft mit dem Tod der geehrten Person erlösche. Die Frage sei für ihn: "Muss eine Gemeinde symbolisch tätig werden, wenn die Ehrenbürgerschaft mit dem Tod endet?"

Wackersberg

Bürgermeister Alois Bauer (Wählergemeinschaft Oberfischbach) sagt, aus der Nazizeit gebe es keine Ehrenbürger in Wackersberg.

Geretsried

In Geretsried sind wegen der jungen Geschichte der Stadt, die nach dem Zweiten Weltkrieg Flüchtlingslager, dann Gemeinde wurde, keine Ehrenbürger aus der NS-Zeit zu erwarten. Anders im ehemals eigenständigen Gelting, das 1978 eingemeindet wurde. Gezielt gesucht wird im Geretsrieder Rathaus jedoch nicht nach Altlasten. Anika Zieger, für das Stadtarchiv zuständig, sagt, sie habe am Computer eine Stichwort-Recherche durchgeführt und nichts gefunden. Eine Anweisung zur gründlichen Suche habe sie nicht bekommen.

Jachenau

In Jachenau wurde bislang erst eine Ehrenbürgerwürde vergeben, sagte der Gemeindeangestellte Georg Aschenloher: 1949 an Pfarrer Joseph Conrad.

Reichersbeuern

Bürgermeisterin Maria Fährmann (CSU) sagt, ihr sei nicht bekannt, dass die Ehrenbürgerwürde in Reichersbeuern an Nationalsozialisten vergeben worden wäre.

Wolfratshausen

Wolfratshausen ernannte Hindenburg, Gauleiter Adolf Wagner und Hitler in der NS-Zeit zu Ehrenbürgern, berichtet Stadtarchivar Manfred Wegner. Die Stadt habe allen dreien in den 1990er Jahren die Ehrenbürgerwürde per Beschluss entzogen.

Schäftlarn, Bad Tölz, Münsing

Einstimmig hat der Schäftlarner Gemeinderat im Juli die Ehrenbürgerschaft von Hitler, Hindenburg, Adolf Wagner und von Epp aufgehoben. Münsing hat sich von den Ehrenbürgerwürden für Hitler, Hindenburg und von Epp distanziert; Bad Tölz von der Ehrenbürgerschaft Hindenburgs. In der Tölzer Hindenburgstraße soll ein Mahnmal an historische Zusammenhänge erinnern.