Digitalisierung in der Landwirtschaft:Tierwohl per Tablet

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Digitalisierung in der Landwirtschaft: Landwirt Anton Huber mit seiner Kuh Enrosa und dem Tierwohl-App-Entwicklungsteam des LKV im Hintergrund.

Landwirt Anton Huber mit seiner Kuh Enrosa und dem Tierwohl-App-Entwicklungsteam des LKV im Hintergrund.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Mit einer neuen App sollen Landwirte besser erkennen, wie gesund ihre Tiere sind. Bauer Anton Huber aus Oberherrnhausen zählt zu den ersten Nutzern.

Von Benjamin Engel, Eurasburg

Die Möglichkeiten der Digitalisierung haben zumindest einige Menschen schon soweit gebracht, sich permanent selbst zu optimieren. Das Fitness-Armband misst die Herzfrequenz, zählt Schritte und soll sogar erfassen, wie erholsam der eigene Schlaf denn ausfällt. Schließlich soll der Mensch ja besonders gesund und damit leistungsfähig für die Gesellschaft sein. Das Gleiche gilt natürlich für die Tierhaltung - ganz nach dem Motto "Geht es der Kuh gut, geht es auch dem Bauern gut." In diesem Fall soll den Milchviehhaltern jetzt eine neue Tierwohl-App weiterhelfen, damit ihre Tiere besonders gesund bleiben. Das Landeskuratorium der Erzeugerringe für die tierische Veredelung in Bayern (LKV) hat dieses neue Instrument entwickelt. Wie es funktioniert, will ein Mitarbeiterteam auf dem Hof der Familie Huber in Oberherrnhausen bei Eurasburg vorführen.

Dafür hat der 28-jährige Anton Huber seine vierjährige Kuh Enrosa aus dem Laufstall geholt. Sie ist ein echtes Fleckvieh-Musterexemplar, das den Menschenauftrieb um sich herum stoisch-gelassen hinnimmt. Direkt daneben hat sich Sabine Rudin positioniert, in den Händen hält sie ein Tablet. Mit Hilfe der darauf installierten App kann die für die LKV tätige Tierärztin alle wichtigen Tierschutzindikatoren erfassen: von der Körperkondition über die Sauberkeit bis zum Gangbild der Kuh. "Unser Anspruch ist es, so professionell wie möglich das Tierwohl zu unterstützen", sagt die Veterinärin. Anhand von Beispielbildern und Videos der in Bayern am meisten verbreiteten Rassen Fleck- und Braunvieh sowie Holstein können die Landwirte mit der App vergleichen, wie gesund ihr Vieh ist. Es gibt sogar einen Lernmodus.

Der wäre zumindest für den Laien hilfreich, etwa wenn das Wort Schwanzgrube fällt. Expertin Rudin erklärt, dass darunter die Kuhle links und rechts des Schwanzansatzes am Hinterteil der Kuh gemeint ist. Und dass diese bei einem gesunden Tier zwar sichtbar, aber nicht zu ausgeprägt sein sollte. Dann habe habe die Kuh ihr Idealgewicht, sei also weder zu mager noch zu fett, sagt Rudin.

Digitalisierung in der Landwirtschaft: Beim Präsentationstermin mit dabei waren LKV-Tierärztin Sabine Rudin, LKV-Vorsitzender Josef Hefele, der Geschäftsführer der bayerischen Staatsgüter Anton Dippold, Landwirt Anton Huber, LKV-Geschäftsführer Ernest Schäfer und Georg Beck vom bayerischen Landwirtschaftsministerium.

Beim Präsentationstermin mit dabei waren LKV-Tierärztin Sabine Rudin, LKV-Vorsitzender Josef Hefele, der Geschäftsführer der bayerischen Staatsgüter Anton Dippold, Landwirt Anton Huber, LKV-Geschäftsführer Ernest Schäfer und Georg Beck vom bayerischen Landwirtschaftsministerium.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Doch warum braucht es eine App, um festzustellen, wie gut es einer Kuh geht? Das Tierschutzgesetz schreibt seit 2014 vor, dass Landwirte das Tierwohl in ihren Betrieben erfassen und bewerten sollen. Bislang ist allerdings nicht konkret definiert, was alles dokumentiert werden soll und wie häufig. Die Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL) hat daher gemeinsam mit Landwirten im Forschungsprojekt "Inzeit" zwischen 2017 und 2021 untersucht, welche Tierschutzindikatoren möglichst praxisnah umgesetzt werden können. Daraus entwickelte der LKV die Tierwohl-App. Laut Geschäftsführer Ernest Schäffer bleiben die anonymisierten Daten der Höfe bei der LKV und werden nicht weitergegeben. Der einzelne Landwirt könne die Indikatoren seiner Kühen so mit denen anderer vergleichen. Die App helfe den Bauern, den Blick auf die Gesundheit ihrer Tiere zu schärfen, sagt Schäffer. Denn: "Man wird schnell betriebsblind."

Genau deshalb hält der Bio-Bauer Anton Huber die neue Tierwohl-App, die auf seinem Hof präsentiert wird, für praxistauglich. "Man sieht die Kuh mit anderen Augen", sagt er. Der junge Landwirtschaftsmeister und Agrarbetriebswirt hatte sich schon am Forschungsprojekt "Inzeit" beteiligt und ist für die LKV zudem als Fütterungsberater tätig. Durch die neue App achte er nun mehr auf Kleinigkeiten, sagt Huber. Immer wieder seien ihm beispielsweise bei einigen seiner Kühe wunde Stellen an den Beininnenseiten aufgefallen. Daraufhin habe er die Liegeboxen höher mit Matratzen aufgepolstert. Seitdem habe sich das Problem gelöst.

Auf ihrem Naturland-Hof hält die Familie 50 Kühe. Anton Huber hat den Betrieb offiziell im Jahr 2019 übernommen, bewirtschaftet den Hof aber noch gemeinsam mit seinen Eltern. Seit knapp 60 Jahren ist der Familienbetrieb schon Mitglied beim LKV Bayern. Der vom Freistaat geförderte Verein versteht sich laut Geschäftsführer Schäffer als Dienstleister für die Landwirte. Um die 20 000 Mitgliedsbetriebe hat der LKV Bayern, darunter vor allem Milchkuh-, aber auch Mastrinder- sowie Ziegen-, Schaf-, Schweinehalter und Fischzüchter. Mit seinen 1500 Mitarbeitern berate und informiere der LKV Bayern seine Mitgliedsbetriebe in vielen Fragen, etwa zur der Fütterung, zum Melken oder zur Milchanalyse.

Die neue Tierwohl-App stellt LKV nur für Mitgliedsbetriebe, aber kostenlos zur Verfügung. Ende dieses Jahres soll sie in die Testphase gehen. Landwirt Anton Huber aus Oberherrnhausen ist einer der ersten Anwender. Die beispielhaften Bilder der Kühe in der App stammen aus den Staatsgütern Almesbach und Achselschwang, sowie aus dem Lehr- und Versuchsgut Oberschleißheim der Ludwigs-Maximilians-Universität München, die ihre Stallungen für die Aufnahmen geöffnet hatten.

Für den Kreisobmann des Bayerischen Bauernverbandes Peter Fichtner ist das neue digitale Instrument indes eher eine "technische Spielwiese", wie er sagt. Die App nützt aus seiner Sicht eher solchen Betrieben, die wachsen wollen. Er selbst, sagt Fichtner, brauche sie nicht. Als Nebenerwerbslandwirt kenne er seine zehn Kühe ganz genau. Er wisse, wie sich seine Tiere bewegten und wie es ihnen gehe. Um das zu beurteilen, benötige er kein Programm auf dem Tablet.

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