Landtag:Der Neue vom Land

Maximilianeum in München, 2013

205 Abgeordnete aus sechs Fraktionen bilden den 18. Bayerischen Landtag. Mit 38 Abgeordneten sind die Grünen zweitstärkste Kraft im Maximilianeum.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Seit 5. November sitzt Hans Urban für die Grünen im Maximilianeum. Der Biobauer aus Eurasburg muss als Abgeordneter nun zeigen, wie er sich auf landespolitischem Parkett bewegt. Die SZ hat ihn einen Tag lang begleitet

Von Katharina Schmid

Wo er kann, nimmt er die Treppe. Zur Ausschusssitzung hoch in den vierten Stock des Maximilianeums geht es Stufe für Stufe. In der U-Bahn-Station wird auf der Rolltreppe links überholt. Hans Urban wählt den schnellen und unbequemen Weg. Wer so will, könnte dies sinnbildlich für den politischen Aufstieg des Biobauern aus Eurasburg sehen. Schnell - in gerade mal vier Jahren - ging es für den 40-Jährigen auf der Karriereleiter nach oben: vom politischen Niemand über den Gemeinderat von Eurasburg zum Landtagsabgeordneten der Grünen. Unbequem will er als Oppositionspolitiker im Landtag sein, "nicht mit Gewalt", aber immer dann, wenn es nötig ist. Unbequem kann es für ihn in seiner neuen Rolle aber auch schnell werden. Beides zeigte sich bei seinem ersten Auftritt als jagd- und forstpolitischer Sprecher seiner Partei im Ausschuss für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten kurz vor den Feiertagen.

9.15 Uhr, Saal N 401. Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber (CSU) macht die Runde, freundliches Händeschütteln, Lächeln, Small Talk. "Bericht der Staatsministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten, MdL Michaela Kaniber, zu den Ergebnissen der Forstlichen Gutachten 2018" steht auf der Tagesordnung. "Mit Aussprache" heißt es weiter. 18 Mitglieder der sechs im bayerischen Landesparlament vertretenen Parteien sitzen im Hufeisen um die Tische. Drei Vertreter kommen von den Grünen, darunter Urban, den Oberkörper nach vorne gelehnt, die Arme verschränkt. Angespannt sieht er aus, während die Staatsministerin vom Waldumbau als Mammutaufgabe spricht und davon, wie das Trockenjahr 2018 gezeigt habe, "wie sehr wir auf stabile Wälder angewiesen sind". Zwar bereite ihr manches Sorgen - der Wildverbiss ist leicht gestiegen, besonders im Bergwald hat der Verbiss an der Tanne extrem zugenommen, ist seit 2015 von 13 auf 21 Prozent angewachsen -, die generelle Entwicklung aber stimme. Kanibers Vortrag und der folgende Redebeitrag des CSU-Sprechers stimmen positiv.

Hans Urban im Landtag

In vier Jahren vom Gemeinderat zum Landtagsabgeordneten: Hans Urban auf der Haupttreppe im Maximilianeum.

(Foto: Katharina Schmid)

Dann ist Urban an der Reihe, die grüne Sicht der Dinge kund zu tun. Und die Lobreden haben schlagartig ein Ende. Warum die Ausschussmitglieder das Gutachten nicht früher bekommen hätten, wo doch der bayerische Jagdverband schon am Vorabend eine Pressemitteilung zum Thema verschickt, das Gutachten also schon gekannt haben müsse? Überhaupt, der Befund zeige in erster Linie auf, dass es Zeit sei zu handeln. "Beim Verbiss treten wir auf der Stelle." Ziele müssten neu definiert, Jagdzeiten ausgedehnt, die Jagd grundsätzlich erleichtert werden. Radikal vertritt Urban die Position eines Waldbauern. Der Wald dürfe nicht in erster Linie als Rohstofflieferant und Wirtschaftsfaktor gesehen werden, der Wald sei vor allem Klimaschützer. Urban lässt Dampf ab. Und sitzt, nachdem er geendet hat, ganz anders im Stuhl: zurückgelehnt, einen Arm über der Stuhllehne - entspannt.

"Das ist wie im Tierpark", vergleicht er wenig später in der Landtagskantine die Situation im Sitzungssaal. "Alle Augen richten sich gleichzeitig auf dich." Natürlich sei da eine gewisse Anspannung zu spüren. Den Gegenangriff des CSU-Abgeordneten und Rechtsanwalts Alexander Flierl, der auf Urbans Statement folgt, erklärt sich der Neuling im Landtag so: "Die haben Angst, weil ich von der Basis komme." Zu denken gibt ihm die verbale Attacke des Christsozialen trotzdem noch eine Weile. Doch auch das lerne man im Landtag: mit Situationen zurecht zu kommen, "wenn einer voll drauf haut". Das sei eben auch eine politische Taktik.

Urban, der Direktkandidat der Grünen aus dem Stimmkreis 111 (Bad Tölz-Wolfratshausen und Garmisch-Partenkirchen), ist seit 5. November einer von 38 Grünen-Abgeordneten im Bayerischen Landtag. 20 Sitze hat seine Partei bei den Wahlen am 14. Oktober dazugewonnen, auf einem davon sitzt Urban. Es ist der vorläufige Höhepunkt einer steilen politischen Karriere, die der Biobauer vom Packlhof in Oberherrnhausen hingelegt hat. Im Wahlkampf mauserte er sich zum Hoffnungsträger der Grünen im Stimmkreis, und er enttäuschte seine Partei nicht: Obwohl nur auf Position 36 der Liste in Oberbayern, erreichte Urban mit 20,6 Prozent der Erststimmen genug Gesamtstimmen, um auf Platz 16 vor zu rutschen und in den Landtag einzuziehen.

Dann kam der erste Tag im Maximilianeum. "Ich müsst' zu den Grünen", meldete er sich an der Ostpforte. Die Reaktion: "Auweh, ein Neuer." Und dann erst die Stockwerksbezeichnungen, im Altbau anders als im Nord- und Südbau - verwirrend. Dafür bewegt sich Urban sechs Wochen nach Dienstantritt jedoch recht routiniert durch die Flure. "Jeder tut hier so souverän", das sei ihm gleich am Anfang aufgefallen. Nun, dann tut Urban eben einfach souverän mit. Auch das Landtagspersonal kennt den Eurasburger schon. Deutlich wird das in der Kantine, in der er vor dem nächsten Besprechungstermin zum Espresso bittet. Ein Herr im bordeauxroten Sakko der Landtagsangestellten zwinkert: "Vier bis fünf Espressi am Tag, das schaffen Sie schon, oder?" Und als Urban ein paar Münzen zu viel aus dem Geldbeutel kramt, scherzt die Dame hinter der Theke: "Das mit dem Preis kommt mit der Zeit auch noch."

Beim Kaffee erzählt Urban, wie er den Politikstart auf Landesebene erlebt hat: viel Papierkram, ein Bombardement mit Formularen. Seine Zutrittskarte zum Gebäude habe er erst heute erhalten. Und je tiefer er in die Interna der Fraktion eintauche, desto besser lerne er auch die menschlichen Verstrickungen kennen, die es eben in jeder Partei gebe, also auch bei den Grünen. "Aber das interessiert mich nicht", erklärt er. "Mir geht es um die Sache." Im Rampenlicht stehen, um das eigenen Fortbestehen in der Partei und im Landtag zu sichern - nicht sein Ding. Sollte er in fünf Jahren wieder rausfliegen aus dem Gremium, dann sei das eben so: "Mich schmeißt das nicht aus der Bahn, ich komme aus dem richtigen Leben."

Mit dem richtigen Leben meint der Landwirtschaftsmeister seinen Hof, seine Frau und die drei Buben, die 25 Pinzgauer Mutterkühe samt Nachwuchs daheim im Stall, die 500 Hennen, die Biogasanlage, die er morgens um halb sechs, bevor er in den Landtag gefahren ist, noch gefüttert hat. Dieses Landleben, abseits von Politik und politischen Ämtern, ist Urbans Basis, eine Herkunft, die er gerne betont. Trotz Bodenhaftung und Allürenfreiheit - unbedarft agiert Urban in seiner neuen Rolle als MdL nicht. Ihm ist durchaus bewusst, dass es in der Politik auch darum geht, eine Marke zu bilden, um erfolgreich zu sein. Seine könnte die des Grünen vom Land à la Sepp Daxenberger werden, den die Partei seit dessen Tod 2010 schmerzlich vermisst.

Bevor am Nachmittag die Fraktionssitzung und abends die Weihnachtsfeier anstehen, seilt sich Urban über Mittag ab. Treppab, treppauf geht es auf den Weihnachtsmarkt am Wittelsbacherplatz. Ein Freund von ihm verkauft dort Schupfnudeln. Urban wählt die klassische Variante mit Sauerkraut und Speck. "Bio-Speck vom Packlhof", wie der Standbesitzer augenzwinkernd mitteilt, oder zumindest aus der zugehörigen Metzgerei. Schon wieder so ein Stück Basis mitten in München.

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