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Saisonauftakt in den Bergen:Was auf Hütten erlaubt ist - und wie es wirklich aussieht

Toelzer Huette neu; Tölzer Hütte am Schafreuter

Die Tölzer Hütte am Schafreuter - fotografiert im Herbst 2020. Derzeit führt der Weg hinauf noch durch Schneemassen. Die Außengastronomie öffnet am 25. Juni.

(Foto: Andrea Rosin)

Planen in der Pandemie? Kompliziert. Theoretisch dürften Hüttenbetreiber mancherorts wieder aufsperren - doch viele behelfen sich erstmal mit Take-away-Angeboten. Ein Überblick.

Von Benjamin Engel

Die Temperaturen der ersten Maiwoche waren alles andere als frühlingshaft. Und doch ist der Mai für die Hütten des Deutschen Alpenvereins (DAV) in der Region der Auftakt in die Wandersaison. Die Pandemie macht die Öffnungspläne schwer kalkulierbar. Im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen dürften die Berghütten die Außengastronomie von diesem Montag, 10. Mai, an bei einer stabilen Inzidenz von weniger als 100 aufsperren. Die Realität sieht anders aus.

Tölzer Hütte am Schafreuter

Sylvia und Alexander Schrempf mussten sich vor Kurzem zu ihrer neuen Wirkungsstätte regelrecht vorkämpfen. So hart gefroren war die noch meterdicke Schneedecke auf 1825 Höhenmetern, dass "eine Motorsäge" nötig war, um die Ein- und Zugänge freizubekommen, erzählt Alexander Schrempf. Der Gasteiner hat die frisch sanierte, schon auf österreichischem Boden liegende Tölzer Hütte mit seiner Frau neu zur Pacht übernommen. Am 29. Mai will er mit dem Take-away-Verkauf durchs Fenster beginnen. Am 25. Juni soll die Gastronomie und der Übernachtungsbereich komplett anlaufen. Früher ginge es auch gar nicht, sagt Schrempf. "Die Küche und die Terrasse sind jetzt noch Baustelle."

Die wechselnden Pandemie-Auflagen und die Ungewissheit für die Gastronomie, versucht Schrempf gelassen zu sehen. "Wir sind sehr positiv gestimmt", sagt er. Zwar räumt er ein, dass die Vorschriften im vollen Betrieb nicht ganz so leicht zu handhaben seien. Schließlich müsse er dann womöglich kontrollieren, dass jeder einen negativen Test vorweisen könne oder eine Impfbestätigung mithabe. Er müsse auf die Abstände achten und mehr. "Aber ich sehe das sehr entspannt. Es geht jedem gleich", sagt Schrempf.

Er und seine Frau werden von Mitte Mai an fest am Berg auf der Tölzer Hütte sein - und das bis zum Herbst. Schließlich verpflegen sie die Handwerker in der Schlussphase der 1,5 Millionen Euro teuren Sanierungsarbeiten. Aus dem Fenster verkaufen sie vom 29. Mai an Getränke aus der Flasche und Kleinigkeiten wie Landjäger oder heiße Würste. Mehr lässt die Küche bis zum 25. Juni nicht zu. Wenige Tage vorher stoßen der Koch und der Serviceleiter zum Team hinzu. Mitarbeiter für die Tölzer Hütte zu finden, sei generell schwer. Denn dort zu arbeiten bedeute, monatelang am Berg zu bleiben. Kein Fall für jedermann.

Lenggrieser Hütte

Wie sie die neuen bayerischen Bestimmungen zur Öffnung der Außengastronomie umsetzen soll, weiß Michaela Durach momentan noch nicht. "Das ist ja am Berg gar nicht durchführbar", sagt die Wirtin. Generell sei es zermürbend, dass es seit mehr als einem Jahr ständig wieder neue Pandemie-Beschlüsse gebe. Wie sie und ihr Mann Florian Durach dann auch noch kontrollieren sollen, ob jemand von einer Infektion genesen, geimpft oder negativ getestet sei, sei ihr ein Rätsel. Das könne schnell chaotisch werden, fürchtet Durach. Außerdem gibt es auf der Lenggrieser Hütte nur Selbstbedienung. Die Gäste müssten also in das Haus hinein, an die Theke, bestellen und wieder hinaus. Das mit Einbahnregeln zu organisieren, sei aufwendig. Und richtig problematisch werde es, wenn die Inzidenz womöglich wieder auf über 100 steige.

Wie schon den Winter über bleibt es erst einmal beim Verkauf von Getränken und Essen durch das Fenster, jeweils freitags bis sonntags, an Christi Himmelfahrt ist ebenfalls geöffnet. Ob der Fenster-Verkauf täglich angeboten werden könne, wollten sie und ihr Mann kurzfristig entscheiden, sagt Durach. "Rentabel ist das nicht. Aber es ist besser wie nichts. Wir wollen ja auch den Kontakt mit den Gästen halten." Mit der Bewirtung in der Außengastronomie wollen sie womöglich bis Juni warten, wenn auch klar sei, ob Übernachtungen möglich seien.

Eine Woche dauert es, die Hütte vollständig in Betrieb zu nehmen. Zwei Mitarbeiter der Durachs bleiben vorerst in Kurzarbeit. Zur Not könnten bewährte 450-Euro-Kräfte einspringen. Änderungen gibt es auf der Speisekarte. Die Gäste verlangten in jüngster Zeit immer mehr vegetarische Gerichte. Darauf hat sich das Wirtepaar eingestellt. "Das ist fast gefragter als die fleischlastigen Sachen", sagt Michaela Durach. Sogar ein veganes Essen bereitet ihr Mann Florian Durach mittlerweile in der Lenggrieser Hütte zu. Dabei sei ihr Mann nicht nur Koch, sondern gelernter Metzger.

Tutzinger Hütte

Als hätten sie sich abgesprochen, hat das Wirte-Trio von der Tutzinger Sektion auf der Facebook-Homepage das Foto eines veganen Kichererbsen-Spinat-Currys gepostet. "Die Nachfrage steigt", berichtet Thomas Jauernig. Der Trend gehe zu vegetarischen Speisen wie Knödel in verschiedenen Variationen mit Spinat oder als Kaspressknödel. Natürlich gebe es die klassische Hüttenküche mit Wurstsalat oder Gulasch. Das Schnitzel hätten sie aber schon vergangenes Jahr von der Karte genommen. Die Fleischqualität habe sie einfach nicht mehr zufrieden gestellt, sagt Jauernig.

Normalerweise öffnet die Tutzinger Hütte Ende April. In diesem Jahr müssen sich die Gäste aber noch gedulden, bis sie einkehren können. Essen und Getränke zum Mitnehmen aus dem Fenster zu verkaufen, sei derzeit nicht praktikabel, sagt Jauernig. Um die Hütte liege noch zu viel Schnee. Die Gäste müssten im Schnee stehen, um die Speisen außerhalb des vorgeschriebenen 50-Meter-Radius um die Ausgabestelle zu verzehren. Außerdem sei der logistische Aufwand hoch und extrem wetterabhängig, erklärt Jauernig.

Dass die Politik noch vor Kurzem eine Notbremse angemahnt habe und jetzt schnell gelockert werden soll, sei ärgerlich. "Ich habe aber nichts anderes erwartet", sagt Jauernig. Erst für Juni hat er sein Personal zur Verstärkung auf der Hütte eingeplant. "Es ist nicht realistisch, dass wir vor Pfingsten aufmachen." Die ersten Gäste hätten schon lange Übernachtungen gebucht. Bis 21. Juni habe er alle Buchungen wieder storniert. Um die Hütte in Betrieb zu nehmen, brauche es ein paar Tage Vorlaufzeit. Vieles in den Bestimmungen sei unklar formuliert, etwa dass die Öffnung der Außengastronomie von einer "stabilen" Inzidenz abhängig sei. Nun bleibe nichts übrig, als das Beste aus der Situation zu machen.

Wolfratshauser Hütte

Auf dem Tiroler Grubigstein bei Lermoos ist Andreas Lehner ganz froh, sich nicht mit Inzidenzwerten wie in Bayern auseinandersetzen zu müssen. Von Mittwoch, 19. Mai, an ist es in Österreich wieder möglich, für die Gastronomie und Übernachtungen zu öffnen. "Das ist ein bisschen einfacher", sagt der Hüttenwirt.

Zum Mitnehmen verkaufen er und sein Sohn Mathias schon seit dem Wochenende Speisen und Getränke. Der Winter sei frustrierend gewesen. Als Pächter haben Andreas und Mathias Lehner die Hütte erst Ende vergangenen Jahres übernommen. Die Lifte fuhren, aber der Gastbetrieb musste geschlossen bleiben. Mehr als das Haus warm und instand zu halten, blieb ihnen deshalb nicht zu tun. "Das zehrt schon an den Nerven, das ist kein Spaß", sagt Andreas Lehner.

Immerhin haben Vater und Sohn im Gegensatz zu anderen Kollegen durchgehalten. Zwei Mitarbeiter aus dem Team sind abgesprungen, haben sich laut Lehner eine andere Arbeit gesucht. Personal zu finden und zu halten, zähle zur schwierigsten Herausforderung. Jetzt wünscht sich Lehner, dass die Grenzen zwischen Bayern und Tirol bald wieder ohne Beschränkungen offen sind und irgendwann auch wieder die Maskenpflicht ende. "Das geht doch auf Dauer nicht."

© SZ vom 10.05.2021/infu
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