Yoga in Indien, Reggae in Jamaika, die Flößerei oder die Tölzer Leonhardifahrt – all dies zählt zum „Immateriellen Kulturerbe“ der Menschheit. Mit diesem Titel möchte die Unesco kulturelles Erbe und altes Wissen für künftige Generationen bewahren. Auch die Almwirtschaft in den Alpenlandkreisen sollte als immaterielles Weltkulturerbe anerkannt werden, geht es nach dem Wunsch des Verbands der Forstberechtigten im Chiemgau, dessen Vorsitzender der Traunsteiner Landrat Siegfried Walch ist. Er bat den Landkreis um Unterstützung für eine Bewerbung bei der Unesco. Doch der Kreistag Bad Tölz-Wolfratshausen hatte nur eine Antwort: ein eindeutiges Nein.
Eigentlich hatte die Kreisverwaltung folgenden Beschlussvorschlag dem Gremium vorlegen wollen: „Der Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen unterstützt die Bewerbung des Landkreises Traunstein zur Aufnahme der Almwirtschaft in den Alpenlandkreisen als immaterielles Kulturerbe der Unesco.“ Landrat Josef Niedermaier (Freie Wähler) sollte beauftragt werden, falls der Kreistag sein Plazet erteilt, eine entsprechende Erklärung abzugeben. Doch schon im Vorfeld gab es Diskrepanzen, da die Almbauern – sprich: die eigentlich Betroffenen – keinen großen Sinn in einer Bewerbung sahen. Daher werde man den Beschlussvorschlag „etwas abändern“, wie Geschäftsleiter Wolfgang Krause jüngst in der Kreistagssitzung sagte. Die modifizierte Formulierung lautete, dass der Landkreis die Bewerbung „wohlwollend zur Kenntnis“ nehme. Doch selbst für diese abgemilderte Variante fand sich letztlich keine Mehrheit.
Traunstein erhofft sich Schutzstatus für Almen
Der Traunsteiner Landrat Walch hatte in seinem Schreiben hervorgehoben, dass die Aufnahme als immaterielles Kulturerbe nicht bedeute, dass es um materielles Eigentum gehe. Vielmehr sollten Wissen, Traditionen, Bräuche und Handwerkskünste, die von Generation zu Generation weitergegeben und neu gestaltet würden, gewürdigt werden. „Der Titel schützt unsere Almen als wertvollen Teil unserer Kulturlandschaft. Neben der weiteren Imagestärkung könnte die Anerkennung zum Beispiel auch einmal für die Güterabwägung bei der Entnahme von Wölfen eine höhere Wertigkeit der almwirtschaftlichen Belange bedeuten“, so Walch. Eine entsprechende Bewerbung sei vom Verband der Forstberechtigten und dem Sachgebiet „Kultur und Heimatpflege“ im Landratsamt Traunstein gemeinsam mit Helmut Groschwitz vom Institut für Volkskunde der Bayerischen Akademie der Wissenschaft in München erarbeitet worden. „Ich würde mich freuen, wenn Du die Bewerbung in Form einer Unterstützungserklärung bestärken würdest“, schreibt Walch an den Tölzer Landrat Niedermaier.

Im vorangegangenen Kreisausschuss war ein Beschluss vertagt worden. Das Landratsamt Bad Tölz-Wolfratshausen wollte zunächst den für die Almwirtschaft zuständigen Almwirtschaftlichen Verein Oberbayern mit Sitz in Holzkirchen befragen. Der Verein vertritt Almbauern aus dem Berchtesgadener Land sowie den Landkreisen Garmisch-Partenkirchen, Miesbach, Rosenheim, Bad Tölz-Wolfratshausen, Traunstein und Weilheim-Schongau. Zur Sitzung des Kreistags lag dessen Stellungnahme vor. Das Thema sei unter den Mitgliedern kontrovers diskutiert worden, heißt es darin. Letztendlich hätten die Almbauern keinen „konkreten Nutzen für die Bewirtschaftung der Almen“ erkannt. Man werde aber den Antrag aus Traunstein auf Nachfrage fachlich unterstützen.
Trotz dieser eindeutigen Aussage wollte Kreisrätin Christine Mayr (Grüne) eine Lanze für das immaterielle Kulturerbe brechen. Der Wunsch nach einem Schutzstatus für die Almen sei nachvollziehbar. Allein deswegen plädiere sie dafür, der Bewerbung eine Chance zu geben. Mayr bat darum, den Tagesordnungspunkt zu vertagen, um mehr Informationen zu sammeln und die Almbauern eventuell doch noch mit ins Boot zu holen. Was sich Mayr wünsche, könne die Kreisverwaltung nicht leisten, erwiderte Niedermaier. „Warten wir ab, was weiter passiert“, sagte er. Dann könne sich der Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen immer noch engagieren. Die Vertagung wurde mehrheitlich abgelehnt.
Warum die Almbauern derart Kritik an der Bewerbung üben, könnte die Wortmeldung Michaels Häschs (CSU) erklären: Der Vorschlag, meinte er, stamme nicht von den Almbauern selbst, sondern von einer Gruppe, die nicht selbst betroffen ist und andere Interessen verfolge. Klaus Rauchenberger (CSU) nannte es sogar „anmaßend“, eine Bewerbung für den gesamten Alpengürtel abgeben zu wollen.

