Landarzt - keine leichte Aufgabe Was fehlt uns denn?

Hausbesuche dauern zehn bis 20 Minuten und werden bei Patientinnen und Patienten gemacht, die zu krank oder nicht mobil genug sind, um selbst in die Praxis zu kommen.

(Foto: Nora Schumann)

Statistisch gesehen ist der Landkreis mit Haus- und auch mit Kinderärzten überversorgt. Nur leider sind die Praxen nicht gleichmäßig auf die Region verteilt. Zudem fehlt oft der Nachwuchs

Von Nora Schumann

"Ich könnte in Rente gehen, aber A machts noch Spaß und B müsste ich dann in nächster Zeit weniger arbeiten", sagt Bodo Ermoneit lächelnd. Mit Schwung wuchtet der 66-Jährige seinen Arztkoffer in den Kofferraum seines Dienstwagens. Es ist Mittwochnachmittag und der Allgemeinmediziner ist auf dem Weg zu Hausbesuchen. Dabei ist Ermoneit keiner, dessen Traumberuf es schon immer war, Arzt zu werden. Zunächst studierte er jahrelang auf Lehramt, verfolgte eine Tenniskarriere und entschied sich erst spät zu einem Medizinstudium. Eigentlich strebte er die Laufbahn zum Kardiologen an, arbeitete drei Jahre an einer kardiologischen Klinik. "Dann gab es eine Niederlassungssperre. Mir hat jemand angeboten, in Bad Heilbrunn eine Kurklinik zu übernehmen. Im Sanatorium Strauß hatte ich Räume, dann kam die Gesundheitsreform von Herrn Seehofer." Er sei schließlich 1991 in der eigenen Praxis gelandet, erzählt Ermoneit. Vor Kurzem ist seine Tochter mit in die Praxis in Bad Heilbrunn eingestiegen.

"Der Büroaufwand wird zunehmend mehr", sagt Ermoneit. "Lauter Formulare! Wegen jedem Mist kriegen sie eine Anfrage", sagt er. "Wir haben eine gewisse Zeit pro Patient, sagen wir mal 20 Minuten. Wenn ich mich da aber hinsetze und seine Karte bearbeite, sind zehn Minuten schon rum. Dann habe ich nur noch zehn Minuten für den Patienten", erklärt er.

Zu viel Büroaufwand, zu wenig Zeit für den Patienten, lange Anfahrtszeiten: Das klingt anstrengend. Wie steht es im Landkreis um die hausärztlicher Versorgung? Bodo Ermoneit kann vom Gefühl her keine Unterversorgung feststellen: "Die hausärztliche Versorgung ist hier okay", sagt er. "Ich glaube, im Bayerischen Wald, in Sachsen, da eben, wo die Strecken noch länger sind, da ist es schlimmer", so Ermoneit. "Wir haben hier keine Schwierigkeiten mit der Versorgung, aber mit der Nachbesetzung schon."

Auch laut dem Versorgungsschlüssel der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB) gibt es keinen Mangel, sondern sogar eine Überversorgung. 119,4 Prozent beträgt der Versorgungsgrad mit Hausärzten in Bad Tölz, 109,1 Prozent im Raum Wolfratshausen und Geretsried. Der Versorgungsgrad wird von der KVB berechnet. Er beschreibt das Verhältnis von der Anzahl der niedergelassenen Ärzte zur Anzahl der in der Bedarfsplanung vorgesehenen Ärzte in einem bestimmten Gebiet.

"Die Kollegen arbeiten am Limit"

Matthias Bohnenberger, Sprecher des Vereins Hausärzte Tölzer Land, zeichnet ein anderes Bild. "Die Kollegen arbeiten am Limit", sagt er. Es würden immer mehr ältere Hausärzte aufhören und keine Jüngeren mehr nachkommen, denn "lukrativ ist das nicht". Er hat zwei grundlegende Problem für die Nachwuchsprobleme ausgemacht: Nicht nur die Ärzte, sondern auch die Patienten würden immer älter und hätten dementsprechend einen erhöhten Bedarf an medizinischer Versorgung. Noch dazu gebe es aufgrund der besseren schulischen Leistungen immer mehr Frauen, die den Beruf als Medizinerin ergreifen würden. Und die stünden vor der Herausforderung, Beruf und Familie zu vereinen. "Die Praxen sind voll", sagt Bohnenberger.

Die unterschiedlichen Erfahrungen von Ermoneit und Bohnenberger lassen sich mit einem Blick auf die Verteilung der Arztpraxen besser verstehen. So hat beispielsweise die recht kleine Gemeinde Bad Heilbrunn vier niedergelassene Hausärzte, das weitaus größere Lenggries aber auch nur fünf Praxen. Bei den Kinderärzten sind die Unterschiede sogar noch gravierender. Mitunter wartet man bis September auf den nächsten Vorsorgetermin.

Dass die ambulante hausärztliche Versorgung in Bayern "nur auf den ersten Blick" noch zufriedenstellend ausschaut, das hat auch die KVB selbst festgestellt. Pedro Schmelz, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der KVB, sieht außerdem eine weitere große Versorgungslücke auf Bayern zukommen: Einen Facharztmangel, beispielsweise bei Hals-Nasen-Ohren-Ärzten. "Die Situation wird noch dadurch verschärft, dass die Bedarfsplanung, nicht mehr der tatsächlichen Versorgungsrealität entspricht", schreibt Schmelz in einem Statement. Die Bedarfsplanung legt bundesweit gesetzlich fest, wie viele Ärzte sich in einem bestimmten Gebiet niederlassen dürfen. Die KVB sei jedoch letztlich nur für die Umsetzung der Bedarfsplanung zuständig, für eine Veränderung der Kriterien des Versorgungsschlüssels müsse der Gesetzgeber sorgen, sagt Birgit Grain, Pressesprecherin der KVB.

Eine Anpassung des Versorgungsschlüssels ist auch für Patienten wichtig, die auf Hausbesuche angewiesen sind. Frau M. ist eine patente Seniorin mit durchsetzungsstarker Stimme und Wasser in den Beinen. Bodo Ermoneit erkundigt sich nach Gewicht, Befinden und verbindet die Beine der Seniorin. "Halten Sie hier noch mal", fordert er sie auf. Frau M. weist ihn zurecht: "Wenn da so ne Falte am Klebestreifen ist, die geht auf und es löst sich ab!" Nachdem er die Sauerstoffsättigung des Bluts gemessen hat, verabschiedet sich Bodo Ermoneit. "Bis Dienstag! Machen Sie so weiter mit den Wassertabletten."

Verbände anzulegen gehört zum Alltag eines Hausarztes.

(Foto: Nora Schumann)

Dass keine jungen Ärzte nachkommen oder diese eine andere Arbeitseinstellung haben, sieht auch Ermoneit als Herausforderung. "Wenn jetzt in Tölz Ärzte aufhören, die haben 1500 bis 2000 Scheine und haben bis zum 70. Lebensjahr wahrscheinlich 60, 70 Stunden in der Woche gearbeitet. Dann kommt eine junge Frau und übernimmt die Praxis, die will nicht 70 Stunden arbeiten. Die besetzt die Praxis, das gilt dann im Versorgungsschlüssel auch als ein Sitz, aber es ist nur die Hälfte der Stunden", erläutert Ermoneit und fügt an: "Ich will meiner Tochter nicht sagen, sie soll 60 Stunden arbeiten."

Der Gesetzgeber hat den Gemeinsamen Bundesausschuss damit beauftragt, die Bedarfsrichtlinie zu überarbeiten und ein Gutachten zu erstellen. Der Ausschuss ist das höchste Beschlussgremium der gemeinsamen Selbstverwaltung im deutschen Gesundheitswesen. Mitglieder sind unter anderem die kassenärztliche Bundesvereinigung und der Spitzenverband Bund der Krankenkassen. Das Gutachten wurde im April 2019 vorgestellt. Eine Empfehlung darin lautet: "Signifikante Veränderungen des Versorgungsbedarfs, etwa im Zuge der Alterung der Gesellschaft, sollten in den Verhältniszahlen berücksichtigt werden."

Das Gutachten sei jedoch nur ein Baustein der neuen Bedarfsplanung, so die Ausschuss-Sprecherin Kristine Reis. Die weitere Beratung werde bis Juli 2019 andauern. Dann sollen die neuen Richtlinien vom Gesetzgeber geprüft werden und gegebenenfalls in Kraft treten.

Bodo Ermoneit sitzt wieder im Auto und öffnet das Fenster. "Beim nächsten Patienten kann man ein bisschen erschrecken", sagt er. "Der ist tumorkrank, da muss ich mal kurz reinschauen, da war ich heute morgen und er hatte ein riesig angeschwollenes Auge. Er kriegt Chemotherapie aber er hat sie ausgesetzt, weil er so schlecht beieinander ist", sagt Ermoneit.

Beim Haus des Patienten angekommen, kramt Ermoneit zwischen den Schuhen im Regal, um den Haustürschlüssel zu finden. "Seine Frau ist gar nicht da, die muss zur Dialyse", sagt er. "Der Mann war aktiv, hat rumgewerkelt", überlegt er. "So möchte man nicht enden." Es ist der zweite Hausbesuch am Tag bei diesem Patienten - das ist im Abrechnungssystem nicht vorgesehen. Ermoneit wird dafür nicht bezahlt. Die wahren Probleme der Medizin sind für ihn jedoch andere: "Die Abhängigkeit der Ärzte von der Pharmaindustrie und fehlendes Wissen bei den Therapien durch fehlende objektive Fortbildungen."

Der Arztkoffer enthält alles, was für Hausbesuche nötig ist.

(Foto: Nora Schumann)