Kurzkritik Pralle Leidenschaft

Konzertante "Carmina Burana" im Maierhof

Von Sabine Näher, Benediktbeuern

"O Fortuna! Velut luna": Der archaisch anmutende Eingangschor zu Carl Orffs "Carmina Burana" verfehlt seine Wirkung nie. Mit dem ersten Takt besteigt der Zuhörer gleichsam eine Zeitmaschine und fühlt sich um Jahrhunderte zurückversetzt. Umso stärker ist dieser Effekt an jenem Ort, wo Orff auf die Liedersammlung gestoßen ist, die ihn zu seinem Welterfolg inspirierte. Denn "Carmina Burana" heißt nichts anderes als "Lieder aus Benediktbeuern", von denen der in Dießen am Ammersee lebende Komponist allerdings nur die Texte vorfand; die Musik dazu war nur in Einzelfällen und ansatzweise überliefert. Orffs Vertonung ist also der Blick aufs Mittelalter durch die Brille des 20. Jahrhunderts.

Im Rahmen der Jubiläumsfeier "300 Jahre Maierhof" hatte Andrea Fessmann mit ihren Chören KlangKunst aus Iffeldorf und Lassus aus München sowie dem Iffeldorfer und Bichler Kinderchor zum Open-Air am Sonntagvormittag geladen. Das überaus beliebte Werk existiert in verschiedenen Fassungen: mit großem sinfonischen Orchester wie Blasorchester, aber auch in der kammermusikalischen Version für zwei Klaviere und Schlagwerk. Letztere wurde aus Platz- und vermutlich auch Kostengründen für Benediktbeuern gewählt. An den Flügeln saßen Anne Horsch und Klaus Fessmann; hinzu trat das Carl Orff Percussion Ensemble Salzburg.

In seiner prallen Sinnlichkeit passt dieses Werk viel besser unter freien Himmel als in einen Konzertsaal. Dass die freie Umgebung, die zu den Freizügigkeiten des Inhalts passt, auch ihre Tücken hat, erwies sich schon im Eingangschor, als ein Flugzeug die leise Stellen übertönte. Doch das nächste Tutti-Fortissimo ließ zum Glück nicht lange auf sich warten.

Der Sängerschar unter der Leitung von Fessmann gelangen die wiederholten Wechsel Frauen-Männer-Chor, die das ewige Thema vorgeben, und die Passagen mit zartem Sprechgesang ebenso eindrucksvoll wie die wuchtigen Nummern. Thomas Hamberger gestaltete seine Bass-Partie subtil (Omnia sol temperat) oder deftig aus (Ego sum abbas), konnte in die hinteren Reihen, akustisch aber nicht immer vordringen. Erstaunlicherweise ging auch der Klang der beiden Flügel manchmal etwas unter, während das Schlagwerk sich gut durchsetzen konnte. Das galt auch für die Sopranistin Anna Karmasin, die wie gewohnt eine Augen- und Ohrenweide gleichermaßen war.

Als "gebratener Schwan" brillierte Tenor Martin Petzold, der sich zunächst noch mit dem Zwölf-Uhr-Läuten duellieren musste, seine komödiantischen Fähigkeiten dann aber voll unter Beweis stellen konnte. Zu den Höhepunkten zählte "Floret silva", das mit Emphase eröffnete und dann im Frauenchor die verlangte Bangigkeit (Quis me amabit?) brachte. "In taberna" lässt sich mit Blick auf die Klosterwirtschaft wohl besonders gut singen; dem Männerchor wie dem Bass-Solisten wird dabei das Kunststück abverlangt, besoffen zu wirken, aber rhythmisch akkurat zu agieren. Orff, der auf eigenen Wunsch seine letzte Ruhestätte im Kloster Andechs gefunden hat, hätte an dieser Nummer wohl seine diebische Freude gehabt. Nachdem im Chor "Ave formosissima" der Zielpunkt des Werkes erreicht ist, wird der Bogen zurück zum Anfang geschlagen. "O Fortuna!" Das Schicksalsrad dreht sich erneut. Und das mit Wucht! Prasselnder Beifall für alle Beteiligten trotz sengender Mittagshitze.