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Kunstpreis des Landkreises 2020:Blitzblanke Illusionen

"Apate", die Täuschung, hat Antonia Leitner diese Arbeit genannt, die in der Interaktion mit dem Betrachter eine fesselnde Wirkung entfaltet. Die 28-jährige Bildhauerin begeistert sich für Physik, moderne Technik - und das uralte Verfahren des Metallgießens.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Die 28-jährige Bildhauerin Antonia Leitner aus Reichersbeuern liebt das Spiel mit der Wahrnehmung. Ihre Bronzen entstehen in einem schwebenden Prozess und verraten nichts von der Knochenarbeit, die in ihnen steckt

Von Petra Schneider, Reichersbeuern/Waakirchen

Der 400 Jahre alte Meserhof in Waakirchen ist das kreative Zentrum von Antonia Leitner. Seit zehn Jahren arbeitet die 28-Jährige im Haus des renommierten Bildhauers Otto Wesendonck, ihres Mentors und Lehrers. Lebensgroße Aktzeichnungen, Gipsplastiken, die wie Muscheln aussehen, Feuersteine aus Bronze, matt glänzende Formen, die sich ineinander schmiegen - es ist ein anregendes Universum. Leitner führt in einen Nebenraum. Dort steht ihr Meisterstück, eine Installation, die den Namen einer Figur aus der griechischen Mythologie trägt: "Apate," die Täuschung.

Vor einem Hohlspiegel schwebt eine Art Tropfen aus Edelstahl, glatt und glänzend. Die Rückseite aus Silberbronze ist aufgebrochen, wirkt wie eine knochenartige Struktur. Im Spiegel erscheinen drei Objekte, die mit jeder Bewegung des Betrachters Größe und Form verändern, verschmelzen, den zerklüfteten Kern offenbaren und ein Eigenleben entwickeln. Man möchte sie berühren, aber sie sind eine Illusion. Es ist ein fesselndes Spiel mit der Wahrnehmung, an dem man sich nicht sattsehen kann. Und das ohne den Betrachter nicht funktioniert; denn erst in der Interaktion entfaltet das faszinierende Kunstwerk seine Wirkung.

"Die Illusion und die Effekte finde ich spannend", sagt Leitner. "Spannend" - das ist ein Wort, das sie oft verwendet. Die junge Frau aus Reichersbeuern, die seit gut zwei Jahren als freischaffende Künstlerin arbeitet und nun mit dem Kunstförderpreis des Landkreises ausgezeichnet wird, orientiert sich bei ihren Objekten oft an der Natur. Organische Formen und optische Verfremdungen - das sind die beiden Pole, zwischen denen sich Leitners Schaffen bewegt. Technik und Physik interessieren sie, ihre Kunst ist modern. "Ich gehöre einer Generation an, in der virtuelle Realitäten dazugehören", sagt sie. Auch der Arbeitsprozess selbst ist schwebend. "Ich habe kein festes Bild im Kopf", erklärt Leitner. Sie macht keine Skizzen, sondern formt Modelle aus Gips, verändert sie, lässt sich treiben. Bis eine Arbeit fertig ist, vergehen oft Monate.

Im Meserhof gibt es eine eigene Gießwerkstatt. Das sei gut, weil sie "mit dem Otto" dann viel mit Legierungen experimentieren könne. "Die Arbeit am Schmelzofen ist eine Drecksarbeit", sagt Wesendonck. "Aber wir lieben das Feuer." Leitner strahlt eine heitere Ruhe aus. Wenn sie vom komplizierten Entstehungsprozess ihrer Plastiken erzählt - von Gipsnegativformen, Silikonhäuten, Hohlräumen und Wachsformen - dann sprudelt sie und man spürt, wie sie brennt. Schon in der Grundschule habe sie gewusst, dass sie Steinmetzin werden wolle, erzählt die zierliche junge Frau. Woher dieser Wunsch kam? So genau weiß sie das gar nicht, vielleicht, weil es in ihrem Bekanntenkreis eine Steinmetzin gab. Impulse für die eigene Kreativität habe wohl auch ein Künstler geliefert, der in ihrem Elternhaus gewohnt habe. Dessen surreale Bilder hätten sie schon als Kind fasziniert. Leitner machte zunächst eine Lehre bei einem Steinmetzbetrieb in Bad Tölz. "Das Handwerk ist für mich ganz wichtig", sagt sie. Aber gefehlt habe ihr das Künstlerische, das freie Modellieren.

Sie ging auf die Rainer-Werner-Fassbinder-Fachoberschule für Gestaltung in München. "In der Zeit bin ich zu Otto gekommen", erzählt sie. Wesendonck erinnert sich genau an jenen Tag, als die damals 18-Jährige mit ihrer Mutter vor der Tür stand. Er sei "wenig begeistert gewesen", weil er bereits schlechte Erfahrungen mit Praktikanten gemacht hatte. Aber Antonia - wie angewurzelt sei sie da gestanden, paralysiert von den Bronzeskulpturen. "Da habe ich eine Flasche Champagner geholt und gesagt, wir machen das", erinnert sich der 81-Jährige.

Aus dem halbjährigen Praktikum sind inzwischen zehn Jahre geworden. "Der Otto lässt mich machen", sagt Leitner. Von ihm lernte sie alles über die Arbeit mit Bronze. Die junge Bildhauerin liebt das ungewöhnliche Material, das zwar sehr teuer sei, aber viele Möglichkeiten biete. Anders als das vergängliche Holz, das Leitner weniger spannend findet. 2012 wurde sie an der Akademie der Bildenden Künste in München angenommen und schloss das fünfjährige Studium mit ihrer "Apate" als Diplomarbeit ab. Seit vorigem Jahr ist sie Mitglied der Künstlervereinigung Lenggries, inzwischen auch zweite Vorsitzende. Die Ausstellungen, an denen Leitner mitgewirkt hat, beschränken sich noch auf die Region: Irschenberger Kunstausstellung, Kunstwoche Lenggries, GmundArt, Kunstmeile Wolfratshausen, Schlierseer Kulturherbst. Als junge Künstlerin sei es nicht leicht, aber sie bekomme viel Unterstützung. Über den Kunstförderpreis sei sie "überglücklich", sagt sie und strahlt. "Der hat in meinem Leben eine ganz besondere Bedeutung."

© SZ vom 12.12.2020
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