Süddeutsche Zeitung

Kunstausstellung in Bad Tölz:Generalist der Kreativität

Die Galerie für zeitgenössische Kunst im Tölzer Stadtmuseum bietet einen Einblick in das umfangreiche Oeuvre des Iffeldorfers Klaus Fessmann. Neben Bildern und Grafiken lässt er Besucher dort auch seine einzigartige Klangsteinkunst erleben

Von Petra Schneider, Bad Tölz

Wie geschmeidige Kiementiere sehen manche der polierten Klangsteine aus. Wenn Klaus Fessmann die Hände mit warmem Wasser befeuchtet und über die Lamellen streicht, dann beginnen die Steine zu schwingen. Ein Raunen und Sirren erfüllt den Raum, das unerwartet kräftig ist. Nie gehörte Klänge, gleichermaßen sphärisch und archaisch, eine Art Urklang des Universums. Ohne Druck streichen die Hände über den Wasserfilm, und die bis zu 300 Kilogramm schweren Granit-Kolosse beginnen zu klingen. Eine Lamelle entspricht einer Saite, jede kann zwei Töne erzeugen. "In dem Stein verbirgt sich ein Klang, der nur durch die Kooperation mit dem Spieler entlockt werden kann", sagt Fessmann.

Seit mehr als 30 Jahren beschäftigt sich der 69-jährige emeritierte Professor, Pianist, Komponist, Autor und Maler mit Klangsteinen. Hören, sehen und fühlen gehören für ihn zusammen. Fessmann ist ein Universalkünstler, der Musik und Poesie in Bildern ausdrückt und Klang durch Berührungen erzeugt. In der Galerie für zeitgenössische Kunst im Tölzer Stadtmuseum sind in drei Räumen seine Bilder und Grafiken zu sehen und seine Klangsteinmusik zu hören. "Wie sieht das aus, was ich höre?", so beschreibt er seine Arbeiten. Mozarts Oper "Don Giovanni" zum Beispiel: Bei Fessmann wird daraus ein Zyklus mit expressiven, großformatigen Bildern, die aus mehreren Schichten bestehen.

Auch Gedichte von Erich Fried oder Gertrude Stein setzt er in Bilder um, verwendet dabei oft Gold und Silber. Oder die Serie "Entfaltung der Sinne": Eruptive Kompositionen auf Papier und deren "Transformationen", die sich durch den Abdruck des Papiers auf den Holzrahmen ergeben haben. Vor das Fenster gehängt wirken sie wie von hinten beleuchtet. Vieles sei aus Träumen und Unterbewusstem entstanden, sagt er, vieles sei noch im Prozess. Fessmann ist ein manisch Kreativer, dessen Inspirationsquellen vielfältig sind. Er erzählt von seiner Liebe zu Indien, den Gedichten Hölderlins, von Don Giovanni, den er eines Tages umschreiben will, weil er den Schluss der Oper zu harmonisch findet.

Oder von den tibetischen Mönchen, die auf geschlossenen Steinen ohne Lamellen spielen und durch Untertöne einen "Hurrican" erzeugen, der die tonnenschweren Steine auf Sand wie von Geisterhand meterweit bewegt. Fessmann ist ein Kind der 1968er Generation. Eine Zeit des "totalen Aufbruchs" sei das gewesen: Zen-Buddhismus, Karl Marx, indianische Sprachen, Anthroposophie, Bewusstseinserweiterung. Ein Ausprobieren und Ausschweifen, das ihn geprägt hat. "Im Leben zu sein mit der Kunst, das ist es, was ich am liebsten mache." Neun Bücher hat er bislang über die Klangsteine geschrieben, deren therapeutische Wirkung er zufällig entdeckt habe. Er hat eine Klangstein-Akademie gegründet, eine eigene Notenschrift entwickelt, Hunderte von Kompositionen verfasst, die rege aufgeführt werden, Ausstellungen gemacht.

Der SWR hat ihn ein Jahr lang begleitet und darüber die Reportage "Wie Klänge heilen" gedreht, beim BR gibt es einen Podcast über seine Klangsteinkunst. Im blauen Kabinett im zweiten Stock sind Fessmanns frühe Arbeiten aus den 1970er Jahren zu sehen. Grafische Kompositionen, die den synästhetischen Kunstbegriff des 69-Jährigen deutlich machen: Die Notenschrift ist nicht linear, nicht durch Noten oder eine Instrumentierung festgelegt. Seine Musik folgt Linien, Kreisen, Zeichen, Formen. Feine Tuschezeichnungen, die, für sich genommen, visuelle Kunstwerke sind. Gespielt werden sie mit Flügel, Schlagwerk, Violinen, gesungen oder getanzt, "was eben verfügbar ist". Die kreisförmigen Notationen werden im Uhrzeigersinn gespielt, "oder auch dagegen". Das basiere auf Vereinbarungen unter den Musikern. "Eingegrenzte Freiheit" nennt Fessmann das.

Zur Musik kam er früh: Mit vier Jahren der erste Klavierunterricht, die Mutter sei streng gewesen, eine klassische Pianistin. Eine Woche nach dem Abitur fing er an, Klavierunterricht zu geben, unterrichtete Jahrzehntelang 70, 80 Stunden die Woche. Der gebürtige Nürtinger studierte an der Musikhochschule Stuttgart Schulmusik und Germanistik, anschließend Komposition und Musikwissenschaften. Nach dem Studium wurde er Dozent an der Musikhochschule Stuttgart und erhielt 1997 eine Professur an der Universität Mozarteum in Salzburg, seit eineinhalb Jahre ist er emeritiert. Er wurde mit verschiedenen Kompositionspreisen ausgezeichnet, darunter 2009 mit dem Echo-Klassik-Sonderpreis für Nachwuchsförderung.

Die nüchternen Daten seiner Vita sagen wenig über diesen mitreißenden Menschen und kreativen Tausendsassa aus, der durch die Räume des Stadtmuseum fegt, dass der graue Zopf nur so wippt. Mit überbordender Energie erzählt und erklärt er, lacht schallend und legt ein Tempo vor, bei dem man kaum mitkommt. Sein Schlafpensum hat er schon vor Jahren auf vier Stunden reduziert. "Ich wollte immer alles machen", sagt Fessmann, der drei Kinder hat und mit seiner zweiten Frau, der Chorleiterin und diesjährigen Tassilo-Preisträgerin Andrea Fessmann in Iffeldorf lebt.

Über die Lyrik ist er zu den Steinen gekommen. Der Gedicht-Zyklus "Höhlensprache" des 2008 verstorbenen Schriftstellers und Lyrikers Werner Dürrson sei die Initialzündung gewesen. Wie korrespondiert die Sprache der Gedichte mit dem Klang der Höhle? Das habe Dürsson erkunden wollen. Fessmann stellte eigene Versuche an, kam auf die in Asien verbreiteten Klangsteine. Über vier Jahrtausende war dort eine große Kultur des Klangs der Steine entstanden. Ohne Fessmann wäre sie wohl in Vergessenheit geraten.

Ausstellung "Vom Klang der Steine zum Klang der Bilder", bis 30. September im Stadtmuseum Tölz, geöffnet Dienstag bis Sonntag, 10 bis 17 Uhr. Dienstags, donnerstags und samstags jeweils von 15 Uhr bis 17 Uhr spielt Fessmann auf den Klangsteinen

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Quelle:
SZ vom 14.06.2021
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