Süddeutsche Zeitung

"Kunst trifft Kloster":Staunen, anfassen, Platz nehmen

Lesezeit: 3 min

Wenn die Künstler im Co-Haus Schlehdorf ihre Ateliers öffnen, zeigen sich dem Besucher geheimnisvolle Klausen, berührende Bilder und versponnene Möbel

Von Barbara Szymanski

Noch sind kaum Besucher da, am Sonntag um kurz vor 11 Uhr in den Gängen des Klosters Schlehdorf. Stimmen sind zu hören, Geschirrklappern, rasche Schritte auf den Solnhofener Marmorplatten. Eine Tür schlägt zu. Zeit zur Orientierung für die ersten Besucher auf mehreren Ebenen bei den Offenen Ateliers mit dem Titel "Kunst trifft Kloster" im Rahmen der Murnauer Ateliertage. Das sogenannte Co-Haus mit seinen Fassadenfarben in Mint und Weiß, dem Rosengarten und den würdevollen Heiligen Schränken wirkt wie ein Gesamtkunstwerk. Zumal in diesen dicken, Ruhe ausstrahlenden Mauern nun auch Künstler arbeiten, zum Teil sogar leben. Viele verschlossene Räume, irgendwie geheimnisvoll, aber dort ist eine Tür offen: Anna Schölß bittet herein.

Die akademische Malerin aus München hat sich in Schlehdorf niedergelassen. Hat das Blaue Land sie angezogen? Irgendwie schon, sagt sie. Aber nichts ist auf den Bildern blau, sondern schwarz: fotografierte und mit Siebdrucktechnik reduziert in Szene gesetzte Moorhütten, die überall in der Landschaft stehen, verfallend, gut erhalten, verlassen oder noch bewirtschaftet. Anna Schölß hat diesen Holzgebäuden ein Denkmal gesetzt nach dem Motto "Gesichter einer Landschaft". Neben diesem Projekt stellt sie Ölbilder aus, die sie als abstrakte Farbmalerei bezeichnet. Hier im Kloster sei ihr ein Aufbruch gelungen, eine neue Wildheit und Freiheit, erklärt die Künstlerin. Sie spüre mit ihren großformatigen Farbkörpern Naturphänomenen nach.

In der Dichterklause

Geheimnisvoll auch eine Dichterklause, die als Installation verstanden werden soll. Eingerichtet hat sie die Autorin Nannina Matz, und zwar im alten Schwesternbüro. Wie sonst lässt sich Schreiben veranschaulichen wie zum Beispiel Matz' Reportage "Idomeni. Bericht von der Grenze", im Hanser Verlag schienen. Darf man? Ja, Besucher sollen Platz nehmen vor der alten Typenhebelschreibmaschine. Auf kleinen Zettelchen steht, dass man schreiben solle. Aber was? "Die Walze läuft wie geschmiert", steht da. Trotz dieses Verlegenheitssatzes werden auf diese Weise die Besucher zum Teil der Ausstellung und dem Gesamtkunstwerk Kloster. Die Autorin ist genauso wenig zugegen wie Eva Kiss, die in den USA weilt. Der weiße Raum mit Deckengewölbe ist ebenfalls eine Installation mit Exponaten von Kiss, die allesamt Solitäre sind: eine golden angemalte kleine Kiste, ein schwarzes Haarteil, genähte Botschaften auf alten Leinhemden oder bestickte Kissen, Ton in Ton.

Mit Stoff beschäftigt sich auch Michael Wallace mit dem Künstlernamen Singhi Vanith. Er entwickelt mit Druckgrafik oder Collagen Fantasiegestalten, die sich fröhlich und selbstbewusst zwischen zwei Welten eingerichtet haben: Bayern und Südostasien. Wie der Bierzelt-Buddha mit einer Breze als drittes Auge oder die kugelrunde, frivole Hindu-Göttin Ganesha. Singhi hat diese Figuren auf T-Shirts gedruckt und auf die Fahne, unter der die Besucher am Eingang hindurchschlüpfen, was den Kindern besonders Spaß macht: Was gibt es zu entdecken?

Die ruhige, harmonische Tanzdarbietung am Samstag vielleicht. Die Performance-Künstlerin Nele Adam erinnerte an den japanischen Butoh-Tanz, den die kürzlich verstorbene Schauspielerin Hannelore Elsner in dem zauberhaften Film "Kirschblüten - Hanami" so selbstvergessen nachvollzog. Nele Adam aber ging noch einen Schritt weiter und entblätterte sich von mysteriös raschelndem Einwickelpapier. Und viele staunten.

Vielleicht auch über Thomas Geggerle, den Geschäftsmann aus Schwaben, der hier in seinem Klosteratelier so leidenschaftlich großformatige Landschaftsbilder mit Acryl schafft. Zurückgenommen in den Farben, äußerst reduziert in der Formensprache und deshalb so anziehend. Sein Stil? Der Maler, der seine Bilder nicht so gerne verkauft "weil ich so wenig Zeit habe zum Malen", sagt eher zurückhaltend, dass man seine Werke als magischen Realismus einordnen könne. Berührend sind auch seine Akte, Veduten und Porträts, die er mit raschen Strichen mit Grafit schraffiert oder mit einem nicht abgesetzten Strich genial auf Papier gebracht hat.

Der englische Möbeldesigner und Bildhauer Richard Brockbank lebt hingegen zusammen mit seiner Frau in einem Raum im Kloster. Brockbanks Stühle oder Schreibtische sind aber weniger designt als irgendwie versponnen künstlerisch gestaltet, mit auserlesenen Hölzern wie Ahorn, Kirsche, Esche oder dem afrikanischen Moringa-Holz. Staunen, freuen und anfassen, Platz nehmen, reden und fragen: Die Kunst hat das Kloster wirklich getroffen.

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SZ vom 27.05.2019
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