Süddeutsche Zeitung

Kunst in Bad Tölz:Wo kein Span fällt

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Daniel Fuchs hat eine Technik entwickelt, mit der er Holzplatten in faszinierende Reliefs verwandelt. Im Tölzer Stadtmuseum zeigt er erstmals seine Arbeiten

Von Barbara Szymanski, Bad Tölz

Eine Dreischichtplatte aus Fichtenholz und eine Dekupiersäge: Was mit diesen profanen Gegenständen aus dem Baumarkt geschaffen wurde, lässt den Betrachter bewundernd erschauern und gibt ihm gleichzeitig Rätsel auf. Wie entstehen diese Relieffiguren, die sich zu bewegen scheinen? Aufeinander zu, sich voneinander abwendend, tanzend, liebend, trauernd. Auch Daniel Fuchs, der mit seiner selbst entwickelten Technik magische Werke schafft und diese von Freitag, 18. Oktober, an im Tölzer Stadtmuseum ausstellt, ist schwer festzulegen. Wie lässt er sich einordnen in der Kunstwelt?

Ist er vielleicht ein "Transformator", weil er Holzplatten transformiert? Seine Technik beschreibt er so: Zunächst sägt er in eine Fichtenholzplatte Kreise oder Ovale und dann innerhalb dieser viele immer kleiner werdende Kreise oder Ovale. Am Schluss packt er den innersten, um ihn zu einer Figur hochzuziehen. Oder ist er gar "Morphologe", weil die Formen und Figurinen so amorph wirken. Der 45-Jährige weiß es selbst nicht: "Ich bin kein Bildhauer", sagt er. Denn er nehme nichts weg vom Material, sondern gehe mit einem Brett und einer mechanischen Laubsäge seinen Visionen nach.

So etwa bei der Entstehung des zwei mal einen Meter messenden Reliefbildes mit dem Titel "Fibonacci" nach der gleichnamigen Spirale. Vor mehr als tausend Jahren beschrieb der italienische Mathematiker Leonardo Fibonacci eine unendliche Zahlenfolge, mit der sich auch der Goldene Schnitt berechnen lässt. Die Natur hat sich dieses Prinzip zu einer ihrer Grundformen erkoren und Gebilde hervorgebracht wie den Farn oder Schnecken. Und dann kam Daniel Fuchs, um dieses Prinzip für sein schwebend leichtes, ebenso irritierendes wie faszinierendes Relief anzuwenden.

Zunächst versinke er im Aufzeichnen für das Platzieren der einzelnen Figuren, sagt er. "Fünf Tage lang, wie ein Zombie." Um dann in oft monatelanger Arbeit und mit gut 5000 Schnitten ein Werk wie "Fibonacci" zu formen. Oder einen dreidimensionalen Stier. "Der musste sein, ich bin von Sternzeichen doppelter Stier."

Susanne Löffler, die ehemalige Inhaberin der Tölzer Buchhandlung Urban, stellt dem Bildhauer nicht nur eine Werkstatt zur Verfügung, sondern ist bislang Fuchs' größte Bewunderin: "Ich will, dass er Erfolg hat. Da steckt viel drin." Als Kunsthistorikerin und Kunstliebhaberin sei sie von der Qualität der Schöpfungen überzeugt. Im Gegensatz zu Fuchs: "Ich bin mein größter Kritiker, bin nie zufrieden."

Größer, noch größer möchte er arbeiten. So wie bei der verwitterten Wurzel, die er auf dem Kalvarienberg fand. Klein ist diese, zeigt aber fantastische Strukturen. Nun hat Fuchs diese transformiert für ein Relief, das 2,50 mal 2,20 Meter misst.

Zu seiner Technik fand er durch Forschung, eine Vision und Zufall, erzählt er. Vor vielen Jahren kaufte er eine kleine Bandsäge, stellte sie in der Küche auf und fing an, ein Holzstück zu drehen und zu wenden. Dann gab es die Initialzündung: Wie war das mit den Visualisierungen im Mediaplayer von Windows, bei dem aus einem Teil immer neue Formen entstehen? Geht das auch mit Holz?

Holz ist der Werkstoff seiner Träume. Aufgewachsen in der thüringischen Stadt Greiz, fand Fuchs nach der Wende keine Stelle als Schreinerlehrling und wurde stattdessen Schornsteinfeger-Geselle. Zugleich arbeitete er weiter für sich mit Holz, brachte sich Techniken bei: Drechseln, Intarsienarbeiten, Möbelrestaurationen.

"Nun ist mir wohl ums Herz", sagt er. Seine Visionen, die spannende hölzerne Wirklichkeit wurden, stellt er zum ersten Mal öffentlich in seiner Wahlheimatstadt aus.

Reliefkunst von Daniel Fuchs, Stadtmuseum Bad Tölz, Marktstraße 48, Vernissage am Freitag, 18. Oktober, 19 Uhr; bis Sonntag, 3. November, geöffnet Dienstag bis Freitag, 10 bis 17 Uhr

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Quelle:
SZ vom 17.10.2019
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