Süddeutsche Zeitung

Ausstellungsreihe "Transformationen":Pro Cura

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Im aufgelassenen Kloster Schlehdorf zeigen Künstlerinnen und Künstler Werke zum Thema "Care".

Von Felicitas Amler, Schlehdorf

Ein kleiner roter Alarmknopf, auf dem eine herbeieilende Krankenschwester zu sehen ist, eröffnet den Weg in den Tod. Das ist das erste von 14 Fotos, die wie ein Fries angeordnet eine Leidensgeschichte dokumentieren. Aber auch eine Geschichte der Fürsorge. Ein metallisch-kühles Krankenbett ist da zu sehen, eine mit groben Stichen vernähte Wunde, eine Art Totenhemdchen in einer Ruine; schöne schlanke Hände liegen über bunten Blumen - tote Hände; schließlich ein silberner Schriftzug "HAPPY" neben der Schaltanlage eines Krematoriums, auf der zwischen einem Dutzend Tasten die Wörter "Beschickung", "Muffelschieber" und "Einfahrmaschine" stehen.

Die Münchner Künstlerin Kirsten Kleie präsentiert hier Assoziationen, Fragmente, Impressionen einer Sterbebegleitung. Der Titel "farewell and take care of yourself - für Lisa 1965-2016" weist darauf hin, dass es eigene Erfahrungen sind, die sie in der palliativen Betreuung einer Freundin gesammelt hat. Kleies Werk hängt im letzten Raum einer umfangreichen bewegenden Ausstellung in der früheren Krankenstation des Dominikanerinnen-Klosters Schlehdorf.

Unter dem Titel "Care" setzen sich hier Künstlerinnen und Künstler auf medial ganz unterschiedliche Weise mit "Betreuung, Fürsorge, Kümmern und Pflege" auseinander - mit diesen Begriffen umschreibt Kuratorin Anna Schölß das englische Wort, das sie eben deswegen gewählt habe, weil es so viel mehr enthalte als das deutsche "Pflege". Schölß sieht in "Care" nach ihren eigenen Worten den Gegenentwurf zu Gleichgültigkeit; eine Einladung, sich berühren zu lassen; eine Hommage an die Fürsorge und einen Aufruf zur Geschlechtergerechtigkeit. Den Gedankensprung von der Fürsorge zur Gleichstellung können Besucherinnen und Besucher der Schau bald nachvollziehen, wenn sie die ersten Arbeiten gesehen haben.

Zum Beispiel das Video von Gabi Blum. In einer von ihr gebauten Kulisse, die einen Krankenhausflur darstellt, schieben Männer unentwegt Babys in Rollwagen hin und her. Eine Geburtsstation, auf der ausschließlich Männer die Sorge um die Neugeborenen tragen? Gabi Blum hat hier eine Vision inszeniert, die eben nur ein schöner feministischer Traum ist. Denn, so erzählt sie, als sie selbst im Krankenhaus von ihrer Tochter entbunden war, konnte sie drei Tage lang das Zimmer nicht verlassen, ihr Mann übernahm es, die Kleine auf dem Gang spazierenzufahren. Auf ihre Frage aber, wem er da draußen begegnet sei, sagte er: Ausschließlich Frauen.

Diese ernüchternde Erfahrung der immer noch realen Rollenverteilung hätten alle Künstlerinnen gemacht, sobald sie Kinder bekamen, sagt die Kuratorin. Auch sie selbst. Schölß ist 39 Jahre alt, gehört einer Generation an, die im Bewusstsein aufgewachsen ist, dass Frauen längst emanzipiert sind und theoretisch alles tun und erreichen können, was Männern offensteht. "Aber das Kinderkriegen ist für viele ein Schock", sagt Schölß, ein Rückfall in die Fünfzigerjahre. Denn die Fürsorge für die Kinder bleibe doch überwiegend den Frauen überlassen.

Die Kuratorin trägt eine Installation zu "Care" bei, die eine andere den Frauen zugeschobene Arbeit reflektiert. Auf einer Wäschespinne ("Das war für mich immer der Inbegriff der Spießigkeit") scheinen Handtücher und Küchentücher zu flattern. Tatsächlich sind es aus Acryl gefertigte Rechtecke, die nach unten hin geschmolzen sind. Das scheinbare Spießeridyll ist in Wirklichkeit der Spiegel eines anderen Problems, dem die Sorge der Menschheit gelten müsste: der Erderwärmung.

Eine ganze Ansammlung von Assoziationen zum Thema "Care" findet sich in der ehemaligen Küche und dem früheren Badezimmer der Krankenstation. Die Räume sind als solche nicht mehr zu erkennen, denn diese Station ist gerade eine riesige Baustelle, mit aufgebrochenen Böden, Löchern in den Wänden, heraushängenden Kabeln und freigelegten Rohren. Die Etage wird umgebaut und künftig wie das ganze Kloster zum Wohnen, Lernen und Arbeiten genutzt. Es ist ein umfassender und noch andauernder Prozess, worauf die Ausstellungsreihe, die im vergangenen Jahr eröffnet wurde, mit dem Übertitel "Transformationen" anspielt.

Der Baustellencharakter wiederum gibt der aktuellen Schau einen eigenen Reiz. 45 Künstlerinnen und Künstler haben nun den aufgerissenen Boden in eine Art Grabungsstätte verwandelt. Darin gibt es Fundstücke zu entdecken, deren Aussagen "von humoristisch bis schwere Kost" reichen, so die Kuratorin, von einer Donald-Duck-Collage bis zu einer Auswahl realer Reliquien.

Vom Video einer stillenden Mutter bis zu einer Choreografie, die den Arbeitsalltag indonesischer Altenpflegerinnen in Japan in Szene setzt; von einem die Suppe verkleckernden Care-Roboter bis zu Lieblingslieder singenden Alten; von der Kunst-Grabungsstätte bis zur fotografisch interpretierten Sterbebegleitung - wer die Fülle an Exponaten dieser Ausstellung wahrgenommen und sich auf sie eingelassen hat, wird für deren Schlusspunkt dankbar sein. Dies ist ein fast leerer Raum, nur ein Stuhl darin, auf den man sich setzten kann, um durch das geöffnete Fenster auf einen riesigen grünen Baum zu blicken. Ruhe, Entspannung, Nachdenken - "Selbstfürsorge", wie Anna Schölß sagt. Und so schließt sich der Kreis.

Care. Eine künstlerische Auseinandersetzung über den Wert und Wertewandel der Fürsorge. Gruppenausstellung in der ehemaligen Krankenstation des Klosters Schlehdorf. Vernissage am Samstag, 9. Juli, 14 Uhr; dazu um 16 Uhr Klang-Performance aus Alltagsgeräuschen von Stephanie Müller und Klaus Erika Dietl mit den Dominikaner-Schwestern Susanne und Nicole, begleitet von Live-Filmprojektion von Schwester Josefa. Ausstellung geöffnet jeweils von 14 bis 19 Uhr an folgenden Tagen: Samstag und Sonntag, 9. und 10. Juli, Freitag, 15. bis Sonntag, 17. Juli, Freitag. 22. bis Sonntag, 24. Juli. Informationen zum Rahmenprogramm und Anmeldung zu einzelnen Veranstaltungen unter www.cohaus-schlehdorf.de/care

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