Kultur in Egling:"Die eigene Stimme finden"

Kultur in Egling: "Wenn ich singe, bin ich echt": Melanie Kemser in ihrem Studio.

"Wenn ich singe, bin ich echt": Melanie Kemser in ihrem Studio.

(Foto: Privat)

Die Jazzsängerin und Gesangspädagogin Melanie Kemser ermutigt zur Emotion

Von Stephanie Schwaderer, Egling

Melanie Kemser hat an diesem Morgen schon vier Stunden gesungen - mit Privatschülerinnen und -schülern, die sie derzeit online unterrichtet. Die 39-jährige diplomierte Jazzsängerin und Gesangspädagogin gehört seit zwei Jahren zum Kollegium der Wolfratshauser Musikschule und hat sich auf moderne Gesangstechnik spezialisiert: Pop, Jazz, Musical. Mit ihrem Mann, dem Jazzpianisten Max Osvald, und ihren drei Kindern lebt sie seit sechs Jahren in Egling.

SZ: Frau Kemser, Singen macht bekanntlich glücklich. Wäre es gerade die ideale Zeit, um damit anzufangen und dem Lockdown-Blues etwas entgegenzusetzen?

Melanie Kemser: Wer noch nie gesungen hat, tut sich derzeit wohl eher schwer. Normalerweise würde ich sagen: Such dir einen Chor, das ist für den Anfang immer das Beste. Das gemeinschaftliche Singen hat auch eine ganz eigene Qualität. Aber grundsätzlich stimmt das natürlich: Singen tut auf jeden Fall gut.

Wenn ich zu Hause für mich anfangen wollte, was würden Sie mir raten?

Suchen Sie sich ein Stück auf Youtube oder einer CD, das Ihnen gefällt, und lassen Sie es wirken, hören Sie es mal richtig laut an, so dass Sie die Schwingung spüren. Vielleicht wollen Sie sich auf den Boden legen, vielleicht dazu tanzen, und dann können Sie mitsummen, schauen, ob die Stimme kommt.

Viele Leute sagen ja, dass sie nicht singen können.

Jeder kann singen, im Rahmen seiner Möglichkeiten. Natürlich haben manche mehr und manche weniger Talent. Es darf nicht zu schwierig sein. Singen soll Spaß machen und Druck abbauen. Es ist Arbeit mit dem eigenen Körper und macht jeden stolz, wenn man es einmal beherrscht.

Seit wann singen Sie?

Laut meiner Mutter, seit ich zwei Jahre alt bin. Angeblich konnte ich eher singen als sprechen. Mein Vater hat klassisches Klavier gespielt, und ich habe schon als kleines Mädchen Bachfugen und Mozart mitgesungen.

Wann haben Sie den Jazz für sich entdeckt?

Das kam eher spät, so mit 19, zuvor hatten es mir neben der Klassik Rock und Grunge angetan. Dann hatte ich plötzlich einen Zugang zum Jazz, habe entdeckt, wie sehr er die Individualität und Kreativität fördert, wie man sich entfalten kann. Jazz erfordert sehr viel Technik, aber dann ist er auch eine unglaubliche Befreiung. Du kannst die Musik so gestalten, wie du sie im Moment fühlst.

Wen unterrichten Sie derzeit?

Es beginnt bei Zwölf-, Dreizehnjährigen, oft mit Chorerfahrung, die ihre Stimme entwickeln und sich solistisch mehr trauen wollen. Sie entdecken sich, wollen sich ausprobieren. Einige Mädchen sind Youtuberinnen oder wollen bei Castingshows mitmachen. Ich habe aber auch Schülerinnen, die einfach nur für sich singen möchten. Dann junge Leute, sie sich aufs Musikstudium oder eine Aufnahmeprüfung vorbereiten. Und natürlich viele erwachsene Chormitglieder, die sagen: Ich höre mich nicht gut genug in der Gruppe, ich möchte an mir arbeiten. Meine älteste Schülerin ist 72. Zudem arbeite ich mit Menschen, die ihre Stimme im Beruf brauchen, aber zu hektisch sind oder schnell kurzatmig werden. Dann geht es um Stimmbildung, Körperarbeit und Bühnenpräsenz. Das Spektrum ist also sehr breit. Ich möchte jedem die Chance geben, die eigene Stimme zu finden. Deshalb binde ich mich auch nicht an eine einzige Gesangsmethode, sondern wähle diejenige Technik, die in diesem Moment am besten hilft.

Sie strahlen selbst auf Ihren Lehrvideos Kraft und Lebensfreude aus. Lässt sich das auch trainieren?

Wenn ich singe, bin ich echt. Ich verstelle mich nicht. Natürlich musste ich lernen, souverän mit dem Publikum oder der Kamera umzugehen. Aber dann blende ich das Drumherum aus und versetze mich ganz in eine Rolle oder Stimmung. Ob Wut oder Freude, in diesem Moment ist es ein echtes Gefühl und macht meine Stimme groß und mächtig oder fein und zerbrechlich. Singen funktioniert nur über Gefühle, ansonsten ist es ein bloßes Erzeugen von Tönen.

Singen ist also auch emotional anstrengend?

Ja, vor allem wenn ich im Unterricht stundenlang durch die verschiedensten Emotionen hüpfe. Das geht manchmal schon sehr tief. Es ist ja nicht damit getan, dass ich diese Gefühle empfinde, ich muss sie auch bei meinen Schülerinnen und Schülern wachrufen. Gerade ältere Leute haben da bisweilen Hemmungen. Dann reicht es nicht zu sagen: Jetzt sei mal wütend, stell dir vor, dass gerade etwas wirklich Blödes passiert ist, dann muss ich es auch vormachen. Bei manchen dauert das sehr lang, weil sie vom Typ her eher steif oder verkopft sind, dann muss ich schon ein paar Tricks anwenden. Aber irgendwie klappt es immer, und dann sind die Leute auch immer sehr dankbar, weil sie spüren, dass sich etwas bewegt.

Das klingt fast nach Therapie: Sie öffnen einen Zugang zu Gefühlen, die es zum Singen braucht?

Ja, so kann man das sagen. Dieser Zugang muss natürlich dosiert sein. Es ist schon öfters passiert, dass Leute zu weinen beginnen, dann stockt die Stimme und man kann gar nicht mehr singen. Aber auch das sind schöne Momente.

Es geht aber nicht in jeder Stunde so ans Eingemachte?

Nein, wir arbeiten natürlich auch viel an der Technik, an Rhythmus, Ausdruck, Stimmfärbung. Es nützt ja nichts, wenn das Gefühl da ist, aber die Grundlagen fehlen. Intuition und Technik müssen Hand in Hand gehen.

Sie unterrichten derzeit nahezu ausschließlich online. War das eine schwere Umstellung?

Es ist noch immer komisch und ein reines Provisorium, keine Alternative. Zugleich bin ich natürlich froh, dass es diese Möglichkeit gibt, sonst wäre ich arbeitslos. Die größte Einschränkung ist die Zeitverzögerung. Man kann nicht gleichzeitig singen, ich kann die Sänger nicht begleiten. Deshalb muss ich mich auf kürzere und einfachere Übungen beschränken. Insgesamt ist alles etwas unmusikalischer. Aber gerade meine jungen Schüler kommen sehr gut damit zurecht. Die üben nur so.

Was täten Sie, wenn morgen die Pandemie vorbei wäre?

Ich würde verreisen und meinen Bruder besuchen.

© SZ vom 15.02.2021
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