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Kultur-Aktion in Geretsried:Himmelfahrts-Kommando

Es ist alles andere als eine Luftnummer: Der Kulturverein Isar Loisach und die Geltinger Kulturbühne Hinterhalt erklären sich zu einer Fluggesellschaft, weil solche bislang schneller und unbürokratischer Hilfe vom Staat erhalten. Unterstützer können Anteile erwerben

Von Wolfgang Schäl, Geretsried

Kreativer und origineller könnte ein Hilferuf aus der Kulturszene kaum sein. Unter dem kryptischen Schlagwort "Nutzungsänderung", das doch eigentlich dem spröden Baurecht entstammt, haben die Geltinger "Kulturbühne Hinterhalt" und der Kulturverein Isar Loisach (KIL) eine gemeinsame Aktion gestartet, die in ihrer Kühnheit ihresgleichen sucht: die satirische Umwidmung des Geltinger Kellerlokals zu einem Flugplatz. Ganz ohne behördlichen Segen, wohl aber mit sehr viel materiellem Aufwand und riesigem Engagement.

Die erste Maschine mit dem zweideutigen Namen "Himmelfahrt" hat von hier aus jetzt zu einem Höhenflug der besonderen Art abgehoben: Es ist ein in monatelanger Arbeit selbstgebautes Flugzeug, mit einer Crew in echten Stewardessen-Uniformen aus dem Kostümverleih und einer Anzeigetafel samt Abflugzeiten und Reisezielen, die insbesondere für Bierliebhaber attraktiv und erreichbar erscheinen. Zur Klosterbrauerei Reutberg geht es da, nach Andechs und Jever, nach Pilsen und zum Tegernsee, jeweils in der Hoffnung, dass solvente Brauereien diese virtuelle ökonomische Unterstützung zu würdigen wissen. Zusteigen soll nach entsprechender Voranmeldung auch Ministerpräsident Markus Söder (CSU), der aufgefordert wird, der neuen Airline und der jungen Aktiengesellschaft, als die die Fluglinie firmiert, finanziell unter die Arme zu greifen.

Dies erscheint dringend nötig, nachdem der Hinterhalt seit einem Jahr für Präsenz-Veranstaltungen geschlossen ist und jegliche Aktivitäten nur unter strengsten hygienischen Sicherheitsmaßnahmen möglich sind. Auf die akute kulturelle Notlage aufmerksam zu machen, das sei "nach mehr als einem Jahr ohne analoge Kultur das erklärte Ziel", sagt die Kulturvereins-Vorsitzende Assunta Tammelleo. Ihr Angebot an die bayerische Staatsregierung: "Sehr geehrter Herr Dr. Söder, Sie können die kleine, neu gegründete Fluggesellschaft mit ihrem Flieger kaufen und dann natürlich sanieren. Dann sind wir alle Sorgen los." Es ist eine satirische, gleichwohl aber ernst gemeinte Aktion vor dem Hintergrund, dass der Staat ja auch nicht zögere, eine real existierende internationale Fluglinie wie die Lufthansa mit Milliardenbeträgen zu unterstützen. Leider gelte eine Vereinigung wie der Kulturverein Isar Loisach nicht als systemrelevant. "Wären wir eine richtige Fluggesellschaft, hätte man uns schon längst gerettet", mutmaßt Tammelleo. "Aber auch unser Flieger muss fliegen". Ein Jahr lang einfach nichts zu machen, "das geht nicht, und deshalb machen wir weiter und lassen den Kopf nicht hängen."

Weil der Hinterhalt seit einem Jahr in großem Umfang Musik, Kabarett und Comedy per Livestream anbietet, wendet sich der KIL aber an alle, die den Aktivitäten im Hinterhalt wohlgesonnen sind und weist diskret darauf hin, dass die kleine Fluglinie doch schließlich eine Aktiengesellschaft sei. In der könne jeder nicht nur mitfliegen, sondern sogar Anteile erwerben und so zur Rettung der kleinen Fluggesellschaft beitragen. Wer 30 Euro an den gemeinnützigen Kulturverein Isar Loisach überweist, Stichwort "Gelting one" (IBAN DE 49 7016 9543 0002 7374 77 ), der erhält eine Bescheinigung und ein nicht näher erklärtes "Überlebenspäckchen". Die ersten zehn "Aktionäre" bekommen es über die Belegschaft der neuen Fluggesellschaft zugestellt, danach ist eine Abholung jeweils vor den Livestreams möglich.

© SZ vom 03.05.2021
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