Neben der Frauenkapelle geht es die bemoosten Stufen hinauf, rund 600 weitere werden noch folgen. Die Dämmerung taucht die Baumwipfel in graublaues Licht. Narzissen lassen den Kopf hängen an dem ersten der sechs Häuschen, in denen bemalte Holzfiguren die bekannteste Kreuzigung der Geschichte nacherzählen: Jesu Passion. Mutter Maria rinnen Tränen über die Wangen, sie ahnt, was ihrem Sohn passieren wird. Es ist der Kreuzweg in Wolfratshausen, dem katholisch geprägten Städtchen vor den Toren Münchens.
Schnell nimmt das Unheil seinen Lauf. Nur 20 Stufen sind es bis in den aufgemalten Garten Getsemani, wo Jesus kniend und mit blutunterlaufenen Augen zum Herrgott betet, kurz bevor der abtrünnige Jünger Judas ihn an die Soldaten verrät.

„An einem Kreuzweg können wir selbst zu Figuren der Passionsgeschichte werden“, sagt Thomas Schärtl-Trendel, Lehrstuhlinhaber für Fundamentaltheologie an der LMU München. „Wir steigen in die Geschichte ein, schlüpfen in die Rolle der Jünger oder der trauernden Frauen am Grab. Und erkennen dabei vielleicht Gefühle aus unserem eigenen Leben wieder.“ Nach den Weltkriegen hätten Mütter dort oft ihre gefallenen Söhne betrauert, so wie Maria den Gekreuzigten.
„Wir kommen nicht um den Tod herum“
Kreuzwege sind angelehnt an die frühen Pilgerfahrten nach Jerusalem. Gläubige schritten dort die Stationen ab, an denen sie die Geschehnisse aus den Evangelien verorteten. Die Häuschen in Wolfratshausen mit den Holzfiguren wurden im 18. Jahrhundert errichtet, Einheimische halten sie bis heute instand.
Treppensteigen. Durchatmen. Im dritten Häuschen haben die Häscher den unliebsamen Wanderprediger in ihrer Gewalt: Hämisch dreschen sie mit Ruten auf seinen schutzlosen Körper ein, der nur von einem Lendenschurz bedeckt ist. Die nächsten Stufen, die nächsten Häuschen – und die perfide Tortur der römischen Hinrichtung steigert sich noch: Eine Krone aus Dornen bohrt sich in den Kopf des Nazareners, den seine Peiniger als „König der Juden“ verspotten. Dann trägt der Gottessohn sein Kreuz zum Berge Golgota.

„Das Christentum birgt hier eine Zumutung“, sagt Schärtl-Trendel. „Wir glauben nicht an Unsterblichkeit, sondern an Auferstehung. Das bedeutet auch: Wir kommen nicht um den Tod herum.“ Am Ende finde man, so der Glaubensgrundsatz, das Glück nicht im Diesseits, sondern erst bei Gott.
Vom Treppengeländer blättert der Lack ab. Jesu Leidensweg kulminiert oben auf einer Anhöhe. Die roten Lichtleisten an dem baumhohen Kruzifix durchdringen die Dämmerung, der Gekreuzigte hängt hoch im Nachthimmel.

„Dann hoffen wir auf Gottes Gnade“, sagt Schärtl-Trendel. Der Tod markiere gerade nicht den Schlusspunkt der Geschichte, im Gegenteil: „Der Kreuzweg mündet klassischerweise vor dem Altar, wo das Abendmahl gefeiert wird.“ Dabei würden Gläubige die Gegenwart des lebendigen Christus erleben. „Wir finden den Auferstandenen, wo immer wir das Brot brechen.“
Wer glaubt noch an die Auferstehung?
Durch das kahle Geäst kann man von der Anhöhe aus die Stadt überblicken. Ende der 1980er-Jahre waren in Wolfratshausen noch neun von zehn Einwohnern Mitglied in einer der beiden großen Kirchen. Heute gilt das noch für etwa die Hälfte der Bevölkerung. Die evangelischen Kirchengemeinden der Region haben wegen der Finanznot schon fusioniert. Aber auch der weit größere Bevölkerungsanteil der Katholiken im Ort schwand allein zwischen 2011 und 2022 um zehn Prozentpunkte. Wenn sich der Trend im selben Tempo fortsetzt, wird 2040 nur noch jeder fünfte Wolfratshauser katholisch sein. Und selbst unter Kirchenmitgliedern tut sich Befragungen zufolge rund die Hälfte schwer mit dem Glauben an ein Leben nach dem Tod. Ist die Osterhoffnung angezählt?

„Die Auferstehung ist kein Verkaufsschlager mehr“, sagt Schärtl-Trendel. „Aber aussterben wird der Glaube daran nicht – solange wir begründen können, warum er im Zentrum des Christentums steht.“ Heute sei es nicht mehr selbstverständlich, religiös zu sein. „Floskeln wie aus dem Poesie-Album genügen also nicht, um zu beschreiben, was wir eigentlich mit der Auferstehung meinen.“
„Wir sind nicht bei The Walking Dead“
Nicht selten stehe dem Osterglauben ein naturwissenschaftlich geprägtes Weltbild entgegen, sagt Schärtl-Trendel: „Wie soll das biologisch überhaupt gehen, ein Leben nach dem Tod?“ Dabei brauche man die Auferstehung eigentlich nicht wörtlich zu nehmen wie einen historischen Bericht, findet Schärtl-Trendel. „Wir sind nicht in der Serie The Walking Dead.“
Doch was bleibt ohne den Glauben an die leere Grabhöhle hinter dem weggerollten Stein? Um sich der atheistischen Kritik zu erwehren, würden manche Prediger die biblische Ostergeschichte heute bloß noch als Gleichnis deuten – dafür, dass Gott das menschliche Leben wertschätzt und Gläubige es ihm gleichtun sollten. Das wiederum findet Schärtl-Trendel zu abstrakt, zu weit entfernt vom Kreuzweg, zu weit weg vom Osterwunder.

Seine Lesart ist eine Art Mittelweg: „Jesus lebt und wirkt weiter, auch ohne weggerollten Grabstein am dritten Tage – das haben die Jünger und die ersten Gemeinden gespürt.“ In den Sakramenten wie der Taufe und dem Abendmahl sei seine Gegenwart bis heute greifbar. So stünden der Karfreitag und der Ostersonntag für eine Umkehrung der irdischen Gesetzmäßigkeiten. Und für die Hoffnung, „dass Gott auch unsere Identität bewahren wird – durch den Tod hindurch“.

Am Fuße des Hügels, wo der Kreuzweg mit seinen 649 Stufen beginnt, steht die Pfarrkirche St. Andreas, deren Zwiebelturm die Altstadt überragt. Drei einsame Stabkerzen flackern im Eingangsbereich bei den wenigen Bankreihen, die nicht wie die anderen unter einer Abdeckplane verschwunden sind. Seit 2024 wird das Dach renoviert, Gerüste durchziehen das Kirchenschiff, kalte Strahler illuminieren die Baustelle. Die Wolfratshauser Stadtpfarrkirche ist im Umbruch – der Auferstehungsglaube ist es auch. Als die Turmuhr schlägt und die Sonne versunken ist, entlässt einen der Kreuzweg in die Nacht.

