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Kreisklinikum:Bittere Beruhigungspille

Die Debatte über die Gesundheitsversorgung im Landkreis darf nicht im Hinterzimmer geführt werden

Kommentar von Florian Zick

Es ist eine große Beruhigungspille, die da verabreicht werden soll - so nach dem Motto: Wir schaffen die Kreisklinik in ihrer jetzigen Form zwar ab, aber schaut her, an drei Standorten entsteht jeweils ein Gesundheitscampus, nicht nur in Wolfratshausen, sondern auch in Lenggries und in Kochel am See. Dass einem ein paar Klemmpflaster und ein steriler Verband aber nicht helfen, wenn man zum Beispiel einen schweren Schlaganfall erleidet, ist dabei nicht erwähnt. "Time is brain", sagen Ärzte in so einem Fall, Zeit ist Gehirn. Denn mit jeder Minute ohne fachkompetenter Hilfe sterben bei einem Schlaganfall mehr Gehirnzellen ab. Wenn man in Wolfratshausen in Zukunft aber nach Starnberg oder nach Bad Tölz gebracht werden muss, um umfassend versorgt werden zu können: Natürlich vergeht da mehr Zeit.

Diese konkreten Gedankenspiele zum Klinikumbau wurden der Öffentlichkeit bislang vorenthalten - und das zur Zeit einer weltweiten Pandemie, in der jeder Bürger besorgt auf die Auslastung der Intensivbetten bei sich in der Region blickt. Erst aufgeschreckt durch SZ-Recherchen hat Landrat Josef Niedermaier die Belegschaft des Kreiskrankenhauses lose über die anstehende Umstrukturierung informiert und für kommende Woche ein Pressegespräch angesetzt.

Regelrecht zynisch wirkt es in diesem Zusammenhang, wenn die Beratungsfirma Vicondo in ihrer Studie es als einzigen Vorteil dieser Variante auflistet, dass bei einem Erhalt der defizitären Kreisklinik in seiner jetzigen Form wohl keine öffentliche Kontroverse zu erwarten sei. Diese Kontroverse aber braucht es - und zwar in breiter Form. Ein Krankenhaus gehört schließlich zur Daseinsvorsorge und geht damit einen jeden an. Überlegungen zu einer Privatisierung dürfen deshalb nicht irgendwo im stillen Hinterzimmer eines Lenkungsausschusses angestellt werden. So etwas gehört in die Öffentlichkeit - auch, wenn es weh tut.

© SZ vom 30.04.2021
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