Fast 270 000 Menschen haben in Deutschland pro Jahr einen Schlaganfall. Davon sind knapp 80 Prozent älter als 60 Jahre, so die Stiftung Deutsche Schlaganfall Hilfe. Gerade diese Bevölkerungsgruppe wird im Landkreis laut Prognosen stark wachsen, auf mehr als ein Drittel der Einwohnerzahl im Jahr 2040. Daher ist ein flächendeckendes Netz schnell erreichbarer Krankenhäuser mit für diese Notfälle spezialisierten Abteilungen essenziell.
Doch damit wird es in der Region kompliziert. Laut dem jährlich aktualisierten bayerischen Krankenhausplan soll es pro Landkreis "grundsätzlich" eine in ein telemedizinisches Schlaganfall-Netzwerk integrierte Kooperationsklinik geben. Das wäre im Landkreis mit der Asklepios Stadtklinik Bad Tölz sichergestellt, doch wirbt die Kreisklinik Wolfratshausen ebenfalls mit ihrer Schlaganfalleinheit ( Stroke Unit). Die ist jedoch im Gegensatz zur Tölzer Klinik nicht zertifiziert, denn sie hat dafür zu wenig Patienten im Jahr und nicht die nötige Mindestzahl an Betten.
Wie entscheiden aber die Rettungsdienste, in welche Klinik die Patienten im Notfall kommen - und dauert es damit für Patienten im Nordlandkreis länger, um medizinisch angemessen versorgt zu werden? "Es geht darum, die nächstgelegene, adäquate Klinik für jeden zu finden", sagt der Sprecher des Bayerischen Roten Kreuzes (BRK) Sohrab Taheri. Dessen Organisation betreibt die für Bad Tölz-Wolfratshausen sowie die Nachbarlandkreise Weilheim-Schongau und Garmisch-Partenkirchen zuständige Integrierte Leitstelle (ILS) Oberland. Deren Team nutzt das Computersystem Ivena (interdisziplinärer Versorgungsnachweis). Das schlägt algorithmengesteuert unter anderem nach Kriterien wie Diagnose, Alter und Dringlichkeit für Notfallpatienten geeignete Krankenhäuser mit freien Betten vor.
Könnte es damit zusammenhängen, dass Rettungsdienste gerüchteweise die Wolfratshauser Kreisklinik bei Schlaganfällen eher meiden? Dem widerspricht BRK-Sprecher Taheri. Es sei vielmehr herausfordernd, dass sich das Krankenhauswesen spezialisiere. "Umso breiter es aufgestellt ist, desto besser für Rettungsdienst." Allerdings berichtet der Wolfratshauser Kreisklinik-Geschäftsführer Ingo Kühn auf Nachfrage selbst davon, dass Patienten mit Schlaganfall oder Verdacht darauf laut einer Regel innerhalb von 30 Minuten in einer zertifizierten Stroke Unit sein sollten. Das sind im näheren Umkreis die Tölzer Stadtklinik, aber auch das etwa von Icking ganz im Norden des Landkreises Bad Tölz-Wolfratshausen nur knapp 20 Kilometer entfernte Klinikum Starnberg oder das nur wenig mehr entfernte Klinikum München-Großhadern der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU).
Dennoch wirbt Kreisklinik-Geschäftsführer Kühn dafür, die Stroke Unit in Wolfratshausen unbedingt zu erhalten. "Damit wertvolle Zeit - insbesondere bei akuten Schlaganfällen - zum Wohle des Patienten nicht verloren geht und die Therapie umgehend begonnen werden kann." Denn der Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen sei flächenmäßig groß, bei den Zeitvorgaben bis zur Klinik handele es sich um theoretische Werte. Die Praxis auf den Landstraßen sei oft anders zu bewerten. "In der Schlaganfallversorgung gilt der Grundsatz: Time is Brain (Zeit ist Gehirn)", so Kühn. Er argumentiert, dass die Schlaganfalleinheit in Wolfratshausen ohnehin schon wie ein zertifiziertes Zentrum arbeite. Die Kreisklinik sei zwar kein offizielles Mitglied, kooperiere aber mit dem von der LMU geleiteten telemedizinischen Netzwerk Nevas (Neurovaskuläres Netzwerk Südwestbayern). In der Kreisklinik existiert eine 24-Stunden-Computertomograf-Bereitschaft. Mittels Live-Videokonferenzen können sich die Kliniken austauschen.
Um sich zertifizieren lassen zu können, müsste die Kreisklinik allerdings wachsen. Das heißt, mehr Schlaganfall-Patienten pro Jahr versorgen und die Bettenzahl in der Stroke Unit aufstocken. Innerhalb der vergangen fünf Jahre wurden dort laut Kühn jährlich bis zu 185 Personen versorgt. Die Wolfratshauser Schlaganfalleinheit hält zwei Betten bereit. Die Zertifizierungskriterien sind nach Angaben der Deutschen Schlaganfall Gesellschaft (DSG) mindestens vier Betten und mehr als 250 versorgte Schlaganfallpatienten pro Jahr - und weitere Voraussetzungen mehr, so der Vorsitzende der DSG-Stroke-Unit-Kommission und Direktor der Klinik für Neurologie am Klinikum Fulda, Professor Tobias Neumann-Haefelin. Für das Zertifizierungsverfahren sind die DSG gemeinsam mit der LGA Intercert (TÜV) und die Stiftung Deutsche Schlaganfallhilfe zuständig.
Zur künftigen Ausrichtung der Kreisklinik Wolfratshausen laufen politische Debatten. Die örtliche CSU widmet sich am Donnerstag, 15. September, im Gasthaus Löwenbräu bei der Diskussionsveranstaltung "Red' mit" diesem Thema. Beginn ist um 19.30 Uhr. "Wir werden uns für den Erhalt der Kreisklinik einsetzen", sagt der stellvertretende CSU-Ortsvorsitzende und Zweite Bürgermeister Günther Eibl.
