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Psychiatrie:"Schizophrene sind nicht gefährlich"

RPK Nina Guttenberger

Seit mehr als zwei Jahren lebt Nina Guttenberger im Reha-Zentrum Isarwinkel in Bad Tölz, wo sie von Psychiater Stefan Mathias behandelt und betreut wird. Nun darf die 37-Jährige, die an Schizophrenie leidet, in die Wohngruppe im "Haus Florida" umziehen.

(Foto: Manfred Neubauer)

Nina Guttenberger leidet an der Krankheit und will mit Vorurteilen aufräumen. Denn während Depressionen mittlerweile akzeptiert werden, gilt das für Psychosen nicht.

Nina Guttenberger wollte Erzieherin werden. Das war ihr Traum, doch diesen Beruf wird sie nicht ausüben können. Nicht bald, nicht in halbwegs absehbarer Zeit, niemals. Langsam, über Jahre hinweg, hat sie sich von diesem Lebensziel verabschieden müssen. "Inzwischen ist mir klar, dass das nicht mehr geht", sagt die 37-Jährige und senkt ein wenig traurig den Kopf. Der Grund: Sie leidet an Schizophrenie. Aber anders als die meisten anderen Menschen mit einer solchen Psychose möchte sie darüber reden. Vor allem deshalb, um verzerrte Bilder von dieser Krankheit zu korrigieren. Schizophrene, sagt sie, seien keine gespaltene Persönlichkeiten, sie hielten sich auch nicht für Napoleon. Außerdem seien sie weder faul noch kriminell. "Die meisten sind lieb und harmlos", sagt sie. Alles andere als gefährlich. Das ist ihr ganz wichtig. Sie hat es eigens in roter Schrift in ihrem Schreibblock notiert.

Das Heft liegt neben ihr auf dem Bett in ihrem Zimmer im Reha-Zentrum Isarwinkel in Bad Tölz. Der Raum mit der hellen Fensterfront hat trotz des Wohnheimcharakters etwas Fröhliches. Eine künstliche Blume, die vom Flohmarkt im Moraltpark stammt, rankt sich mit großen roten Blüten vom Bettgestell aus die Wand empor, an der Tür hängt die Zeichnung eines chinesischen Drachens. Die hat Nina Guttenberger von einem anderen Patienten bekommen. Sie bat ihn um das Bild, nicht wegen des Drachenmotivs, sondern weil es ihr überhaupt gefiel.

Seit zwei Jahren und zwei Monaten lebt sie nun schon in der Einrichtung des ReAL-Verbunds (Rehabilitation, Arbeit, Leben), der sich um psychisch kranke Menschen kümmert. "Ich bin inzwischen ganz zufrieden mit meinem Leben", sagt die 37-Jährige. Aber andererseits möchte sie auch gerne raus hier. Das Leben in einer Wohngruppe mit 16 Leuten, sagt sie und seufzt, sei "nervenaufreibend".

In Herten in Nordrhein-Westfalen geboren, kam Nina Guttenberger mit anderthalb Jahren zusammen mit ihren Eltern nach Wolfratshausen. Als sie fünf war, zog die Familie nach Geretsried um. Sie ging dort in die Grundschule, dann auf die Realschule. Ihre psychische Krankheit machte sich schon früh bemerkbar. Sie fühlte sich depressiv, schwermütig. "Ich war schon immer unglücklich", sagt sie. Manchmal lag sie abends im Bett, hörte hinter der Tür die Eltern und glaubte, dass beide schlecht über sie redeten. Als sie fragte, erklärten Vater und Mutter, dass sie gar nicht über sie gesprochen hatten.

Wann sie anfing, Stimmen zu hören, vermag Nina Guttenberger nicht genau zu sagen: "Das war fließend, das kann man wirklich nicht so sagen." Solch akustische Halluzinationen, die für Schizophrenie typisch sind, erleben die Betroffenen oftmals als bedrohlich. Die Stimmen, meist von Verwandten oder Bekannten, verschwören sich, planen Böses: "Leute, die ich kenne und die viel über mich wissen, bedrohen mich oder wollen mich umbringen."

Außerhalb der Familie war sie als Mädchen weitgehend isoliert. "Ich hatte keine Freunde und wenig Kontakt zu Gleichaltrigen." Mit 19 ging sie nach München, später für sechs Jahre nach Berlin. "Weil ich weit weg wollte, dachte ich, das ist eine coole, kreative Stadt." Sie war jung, sie wollte Party machen, wie sie sagt. Zunächst lebte sie von ihren Eltern, später von Sozialhilfe. Das Geld habe nicht zum Leben und nicht zum Sterben gereicht, sagt sie. "Das war wirklich zum Kotzen." Und dazu ihre Krankheit. Manchmal ging sie alleine in den Park, manchmal zum Einkaufen. Die meiste Zeit saß sie jedoch daheim. "Ich war fast nur in der Wohnung." Dann holte sie ihre Mutter zurück und brachte sie ins Reha-Zentrum Bad Tölz.

Wer Nina Guttenberger zuhört, merkt immer wieder, dass sie mit ihrer Krankheit kaum auf Verständnis stieß. Obwohl auch ihre Oma unter Schizophrenie litt, hätten ihre Mutter und ihr Vater gemeint, da könne man sowieso nichts machen. "Meine Mutter wollte nicht wahrhaben, dass es bei mir auch so ist." Eine Kinderpsychiaterin habe ihr nur Johanniskraut verschrieben, sagt sie. Später in Berlin suchte sie nach eigenen Angaben eine psychiatrische Klinik auf, als es ihr sehr schlecht ging. "Ich sagte, ich möchte mich am liebsten umbringen, und eine Krankenschwester antwortete: Dann tun Sie's doch." Einen Suizidversuch habe sie dann auch unternommen. Sie erzählt, dass sie einen Starkstrommast angefasst habe, vier Meter in die Tiefe gestürzt sei und sich fast das Genick gebrochen habe. Die meisten Leute, sagt sie, seien "eher verständnislos", was Schizophrenie anbelangt. "Sie haben gedacht, dass ich zu faul zum Arbeiten bin."

Das Krankheitsbild Depression findet in der Gesellschaft langsam mehr Akzeptanz, ebenso das Burn-out-Syndrom. Bei Psychosen wie Schizophrenie ist das nicht so. "Da wird man in der Bevölkerung schräger angeguckt", weiß Stefan Mathias, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Die Patienten wirken häufig auch ganz normal, bis der nächste Schub einsetzt. Für den leitenden Oberarzt des Reha-Zentrums ist die Behandlung ein steter Balanceakt. Gegen die Stimmen verschreibt er Medikamente, die allerdings müde machen. "Wenn ich die Tabletten nehme, höre ich die Stimmen gar nicht, wenn ich sie drei Tage nicht nehme, fangen sie sofort wieder an", sagt Guttenberger. Allerdings vermindern die Tabletten die Energie und den Antrieb eines Schizophrenen erheblich. Einen Acht- oder zumindest einen Vier-Stunden-Arbeitstag kann er deshalb nicht oder nur schwer durchhalten. Würde er die Einnahme reduzieren, überanstrengten sich die Patienten, dann sei das Risiko hoch, dass die Stimmen zurückkehren und der nächste Schub kommt, sagt der Arzt.

Im Reha-Zentrum hat Nina Guttenberger einen geregelten Alltag. Frühstück, Mittagessen, Abendbrot, dazwischen Ergo- und Beschäftigungstherapien, einzeln oder in der Gruppe. In der Kunsttherapie malen die Klienten Bilder und sprechen darüber, in der Musiktherapie probieren sie Instrumente aus. In der Produktionswerkstatt des ReAL-Verbunds an der Osterleite erledigen die Rehabilitanden Aufträge aus der Industrie, zum Programm gehören auch Holz- und Metallarbeiten. Facharzt Mathias findet beispielsweise das Taschenflechten nicht schlecht. Dabei werden Milchtüten in Streifen zerschnitten, daraus Einkaufstaschen geflochten. Dies sei langweilig, aber gut für die Konzentration, sagt der Psychiater: "Eine Serientätigkeit, bei der man ziemlich aufpassen muss, dass man nichts falsch macht."

Nina Guttenberger wird das Reha-Zentrum bald verlassen. Anfang August siedelt sie in das "Haus Florida" über, das der ReAL-Verbund im Tölzer Kurviertel unterhält. Dort bekommt sie ein kleines Zimmer und eine Bezugsperson, die sich um sie kümmert. In dem alten Kursanatorium gibt es auch eine gemeinsame Küche und einen Gemeinschaftsraum. Die nächsten Stufen wären eine therapeutische Wohngemeinschaft, die sich vorwiegend selbst organisiert, und das betreute Einzelwohnen in einem eigenen Quartier. Ziel sei größtmögliche Autonomie, sagt Facharzt Mathias. "Man muss aber aufpassen, dass man das Kind nicht mit dem Bade ausschüttet."

Für seine Klientin beginnt damit so etwas wie ein neuer Lebensabschnitt. Der ist allerdings kein Schritt näher zum Beruf einer Erzieherin. Der Abschied von diesem Ziel "war ein großer Schlag für sie", sagt der leitende Arzt. "Wir mussten viel daran arbeiten." Das ist nachvollziehbar, wenn jemand keine eigene Familie, keine Wohnung und nicht mal die Aussicht auf einen Job hat. Nina Guttenberger müsse "verarbeiten, dass sie trotzdem ein lebenswertes Leben leben kann", sagt ihr Psychiater. An diesem Nachmittag, den Schreibblock neben sich auf dem Bett, hat sie einen Anflug davon. Schizophrene sind nicht faul und nicht gefährlich - ihre Botschaft auf den Mauern des Reha-Zentrums hinaus senden zu können, reicht für ein paar freundliche Stunden.