Vorweihnachtliches Spektakel in Bad TölzSchaurige Gestalten suchen den Christkindlmarkt heim

Lesezeit: 4 Min.

Perchten, Krampusse – die Zahl der Hörner gibt  Auskunft, wer wer ist.
Perchten, Krampusse – die Zahl der Hörner gibt  Auskunft, wer wer ist. (Foto: Manfred Neubauer)
  • Zum siebten Mal findet der Krampuslauf auf dem Christkindlmarkt in Bad Tölz statt, bei dem tausende Schaulustige das vorweihnachtliche Spektakel verfolgen.
  • Krampusse, Perchten und Hexen aus Oberbayern und Tirol ziehen mit dem heiligen Nikolaus durch die Marktstraße und interagieren mit den Zuschauern.
  • Die fellbehangenen Gestalten schlagen sanft mit Birkenreisig auf Waden, streicheln Kinder und machen Selfies mit Touristen, bevor das einstündige Spektakel endet.
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Zum siebten Mal laufen Krampusse, Perchten und Hexen über den Christkindlmarkt in Bad Tölz. Tausende Schaulustige verfolgen die Brauchtumsveranstaltung.

Von Alexandra Vecchiato, Bad Tölz

Der Nebel senkt sich über die Tölzer Altstadt und verleiht der von Lichterketten erstrahlten Marktstraße ein mystisches Flair.  Zum siebten Mal stattet der heilige Nikolaus in Begleitung von Krampussen, Perchten und Hexen der Kurstadt einen Besuch ab. Nun fehlen nur noch die Protagonisten dieses Abends. Doch die lassen auf sich warten.  Der Krampuslauf startet mit halbstündiger Verspätung. Tausende sind gekommen, um dieses vorweihnachtliche Spektakel zu bestaunen.

Wer noch eine gute Sicht auf das Treiben erhaschen möchte, muss sich sputen. An einem Samstagabend bei bestem Winterwetter ist der Tölzer Christkindlmarkt ohnehin ein Besuchermagnet. Der Lauf der schaurigen Gesellen lockt zusätzliches Publikum in die Fußgängerzone. Die Leonhardifahrt-erprobte Kurstadt ist den Ausnahmezustand gewohnt. Eine Stunde vor dem Beginn des Events stauen sich Autos Stoßstange an Stoßstange vor dem Zentralparkhaus, deren Fahrer hoffen, doch noch einen Stellplatz darin zu ergattern. Auch die übrigen Parkplätze in Innenstadtnähe sind belegt. Wer den Krampuslauf sehen möchte, sollte sich auf einen längeren Fußmarsch einstellen.

Der heilige Nikolaus ist die eigentliche Hauptperson. Doch ihm stehen schaurige Gestalten beim Krampuslauf in Bad Tölz die Schau.
Der heilige Nikolaus ist die eigentliche Hauptperson. Doch ihm stehen schaurige Gestalten beim Krampuslauf in Bad Tölz die Schau. (Foto: Manfred Neubauer)

Vor dem Durchgang zum Bürgergarten am alten Rathaus scharen sich die Menschen. Die Menge wartet auf den Krampuslauf, der sich mittlerweile zum Höhepunkt des Tölzer Christkindlmarktes gemausert hat. Um 17.45 Uhr soll es losgehen. Doch nichts tut sich, außer dass zwei Security-Kräfte den Zugang verwehren. Irgendwann macht es die Runde, dass sich eine der Brauchtumsgruppen verspätet hat.

Mit Birkenreisig schlagen die wilden Kerle auf Waden

„Was ist denn hier los?“, fragt eine junge Frau, die an diesem Abend selbst zum Hingucker wird. Hanna Fremd ist Geigenbauerin und auf der Walz. In ihrer Kluft fällt die 22-Jährige auf. Bad Tölz ist eine Station auf ihrer Reise, die drei Jahre und einen Tag dauern wird. Vor zwei Monaten ist Hanna Fremd, die vom Bodensee stammt und in Mittenwald ihr Handwerk gelernt hat, gestartet. Dass sie sich mitten in einem Spektakel wiederfinden wird, das christliche mit heidnischen Traditionen vereint, wusste sie nicht. Die 22-Jährige hat ganz andere Sorgen. Ihr fehlt ein Schlafplatz für diese Nacht.

Krampusse aus Oberbayern und Tirol kommen zum Lauf über  den Tölzer Christkindlmarkt.
Krampusse aus Oberbayern und Tirol kommen zum Lauf über  den Tölzer Christkindlmarkt. (Foto: Manfred Neubauer)

Eine Einheimische erklärt ihr, dass es sich um den Krampuslauf handele. „Heuer wollte ich nicht kommen“, sagt die Tölzerin. „Und nun stehe ich wieder da.“ Lange wolle sie nicht bleiben. Die Kälte fahre ihr in die Knochen. In der Tat wird es unangenehmer – nichts, was Glühwein und Jagertee nicht lindern könnten.

Die Tölzerin erzählt von Rutenschlägen, was Hanna Fremd verunsichert. Die Kluft auf der Wanderschaft ständig tragen zu müssen, bringe ihr zwar viele nette Kontakte, erzählt die 22-Jährige, „aber man ist halt auch sehr exponiert“. Dass sich ein Krampus wegen ihrer auffälligen Erscheinung auf sie stürzen könnte, bereitet ihr Unbehagen.

Brave Kinder, böse Kinder

Plötzlich sind Schellen und Glocken zu hören. Ein Getöse bricht sich Bahn. Handys schnellen in die Höhe. Dann sind sie da. Der heilige Nikolaus in gold-rotem Ornat schreitet mit seinem Bischofsstab würdevoll voran. Der Zug führt die Marktstraße runter zum Marienbrunnen und wieder zurück. Ihm folgen fellbehangene Kerle, die sich sofort in die Menge stürzen, an den Zuschauern entlangwirbeln – auch Hanna Fremd wird mit schaurigen Blicken fixiert und sucht schnell das Weite. Mit Birkenreisig-Bündeln schlagen die Krampusse, deren Hörner die Köpfe der Zuschauer überragen, meist sanft auf Waden, verwuscheln Haare. Besonders rücksichtsvoll gehen die finsteren Gestalten mit Kindern um. Sie streicheln Wangen, schütteln kleine Hände. Körperkontakt scheint Pflicht. Manche kommen einem so nah, dass  Nase an hölzerne Nase stößt.

Die hölzernen Larven sind schaurig-schön.
Die hölzernen Larven sind schaurig-schön. (Foto: Manfred Neubauer)

Bevorzugte Opfer sind Frauen und Mädchen. Wie eine Gruppe asiatischer Touristinnen, die keineswegs eingeschüchtert sind von den schaurigen Larven, sondern schallend lachen. Selfie-Wünsche werden gewährt, müssen allerdings manchmal mit Ruß geschwärzten Wangen beglichen werden. Manch junger Bursche wird am Arm gepackt, wirklich verschleppt wird niemand. Mitten in den Christkindlmarkt-Massen ist Gekreische zu hören – mehr feixen als Hilferuf. Das Gedränge wird dichter. Platzangst darf man hier nicht haben.

Dass der heilige Nikolaus von einem Krampus, auch Knecht Ruprecht genannt, begleitet wird, ist typisch für christliche Bräuche, die Heiligenverehrung mit heidnischen Ritualen verbinden. Das adventliche „Good cop/bad cop“-Gespann ist unterwegs, brave Kinder zu belohnen und böse zu bestrafen. Es gab Zeiten, in denen es pädagogisch nicht verwerflich war, Kindern wegen einer kleinen Schwindelei mit dem Abschneiden der Zunge und dem anschließenden Stecken in den Sack zu drohen.

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Der Mann mit Bischofsmütze und weißem Bart scheint damit nichts am Hut zu haben. Er geht seiner Wege – und hat nicht nur Krampusse im Schlepptau. Inzwischen zählt es fast schon zum Grundwissen, dass ein Krampus maximal zwei Hörner haben darf, Perchten vier und mehr. Sie haben mit christlicher Tradition nichts zu tun. Perchten sind Gestalten aus dem alpenländischen Brauchtum, die in der dunklen Jahreszeit von Ende November bis Januar auftreten, um den Winter und böse Geister mit Lärm zu vertreiben. Ob Krampusse oder Perchten– sie alle tragen hölzerne Masken mit hauergleichen Zähnen, schwarzen oder roten Augen und teils ausgestreckten Zungen.

Zum siebten Mal fand der Krampulauf am Christjindlmarkt ind Bad Tölz statt.
Zum siebten Mal fand der Krampulauf am Christjindlmarkt ind Bad Tölz statt. (Foto: Manfred Neubauer)

Manche der Gesellen haben keine Hörner. Sie sehen aus wie überdimensionierte, komplett mit Fell verhüllte Schaumküsse. Ein Mädchen fragt, ob zwischen den langen Zotteln wohl Flöhe leben würden. Ein Bub sieht Ähnlichkeiten mit dem Familienhund, einem Bobtail. Andere Gesellen wiederum ähneln Orks aus dem „Herrn der Ringe“. Wer da wen inspiriert haben mag, bleibt offen. Auch die Bärbele aus dem Allgäu sind gekommen: Hexen mit starren Gesichtern aus Moos oder Flechten. Die archaischen Gestalten tragen Tierknochen an Gürteln. Mit ihren riesigen Glocken sorgen sie für höllischen Lärm. Eines ist sicher: Böse Geister werden sich in naher Zukunft bestimmt nicht mehr in Bad Tölz sehen lassen.

Nach circa einer Stunde ist das Spektakel vorbei. Die Masse zertreut sich, strömt zu den Ständen, um sich mit Flammkuchen und Glühwein zu stärken, oder nach Hause. Wie die wilden Kerle und grausigen Hexen, die im Durchgang zum Bürgergarten in der Nacht verschwinden.

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