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Konzertrezension:Köttbullar-Blues statt Katze im Sack

Musikkabarett mit Erich Kogler

Ein politischer Liedermacher will Erich Kogler nicht sein, doch so manche Spitze konnte er sich bei seinem Auftritt in Lenggries doch nicht verkneifen.

(Foto: Manfred Neubauer)

Der Musikkabarettist Erich Kogler besingt in Lenggries mit lässigen Alltagsgeschichten das Ende der Kultur-Quarantäne

Von Petra Schneider, Lenggries

Das Konzert, das Musikkabarettist Erich Kogler neulich gegeben hat, fand in einem Autokino statt. 150 Autos, kein Applaus, dafür Lichthupen. Nun ja, immerhin. Aber natürlich nichts gegen ein Live-Open-Air Konzert. So wie am Freitagabend im Biergarten des Lenggrieser Arabella Brauneck Hotels. Ein lauer Sommerabend unter einer mächtigen Kastanie, ein Aperol mit Freunden, schräge Geschichten und tolle Gitarrenmusik. Die Freude ist Sabine und Stefan Pfister vom KKK anzumerken, die tapfer durchgehalten haben. Es ist ihre erste Veranstaltung seit Wochen, freilich mit den üblichen Auflagen; nur 50 Leute durften kommen, nach einer Stunde musste Schluss sein, damit die Hotelgäste wieder in den Biergarten konnten.

Um "beim Publikum die Nervosität zu nehmen", beginnt Kogler mit einem kleinen Lied: "Servus", ganz gechillt, für das richtige Scheiß-drauf-Gefühl, das den 48-Jährigen trägt, seitdem ihn eine Altersmilde erfasst hat. "Tief in mir" hat er seinen Song zur Altersbewältigung genannt, der mit einem virtuosen Vorspiel beginnt und in einem fetzigen Rock' n' Roll endet, bei dem der orange Mundschutz, der an seiner Gitarre baumelt, zittert. Der Haushamer ist ein sympathischer Chronist des Alltäglichen. Seine Lieder und Geschichten handeln von Parkern auf der Abbiegespur, Leuten, die ihr Handy auf dem Kleinkind ablegen, damit sie es nicht auf dem Supermarktparkplatz vergessen. Das Kleinkind, wohlgemerkt. Im "Köttbullar Blues" beschreibt er einen beziehungsschädlichen Ausflug zu einem skandinavischen Möbelhaus, samt obligatorischem Teelichter-Gag. "Is echt schad, dass sie im Småland keine Erwachsenen nehmen", singt Kogler in dem rotzigen Blues.

Er hat einen Liederzyklus über die fünf Phasen einer Beziehung geschrieben, "Kennenlernen und Anbandeln" spielt er am Freitag. Aus gegebenem Anlass, denn wie soll man mit Mundschutz anbandeln? "Da kaufst praktisch die Katze im Sack." Aber eh wurscht.

Ein politischer Liedermacher will Kogler nicht sein, aber einmal kann er sich eine Spitze nicht verkneifen: "Wenn das Wirtschaftssystem wegen Corona kaputt geht, weil jeder drei Monate nur das kauft, was er wirklich braucht, ist das vielleicht das falsche Wirtschaftssystem." Aber eh wurscht. Dass Kogler ein toller Musiker ist, zeigt sich nicht nur beim Song "Ich mecht einfach bloß da sitzen": Eine geschmeidige Nummer mit Trompeten-Zwischenspiel, ganz ohne Trompete.

Kogler ist studierter Musiker und Leiter der Musikschule Tegernseer Tal. Er spielt in diversen Formationen, etwa mit Roland Hefter oder Ciao Weißblau und war Mitglied beim Stimmungsbüro Kreitmeier. Am Freitag gibt er auch Kostproben aus seinem zweiten Soloprogramm, schnappt sich die Bluesharp bei den Songs mit Country-Geschmack oder spielt einfühlsame Balladen wie "Heit Nacht" oder "Dahoam". Die Amsel in der Kastanie singt beizeiten ihr Abendlied mit, die BOB auf den benachbarten Gleisen steigt im Halbstundentakt mit einer satten Basslinie ein, der Sound eines Motorrads auf der B 13 fährt dazwischen. Die Zuhörer genießen den lässigen Abend, Scherze fliegen von den Tischen zur Bühne; denn was in dieser langen Kultur-Quarantäne gefehlt hat, war das Spiel mit dem Publikum, die unmittelbare Interaktion zwischen Akteuren und Zuschauern. So gespreizt würde Kogler das vermutlich nicht ausdrücken wollen. Aber eh wurscht.

Sein kabarettistisches Talent blitzt an diesem Abend in der ersten von insgesamt zwei Zugaben auf: "Weihnachten in den Bergen", so der Titel. In sechs Monaten sei es schließlich wieder soweit, und er habe da eine CD dabei... "Weihnachten in den Behergen, da ist das Herz leicht amal schwer", singt er tirolerisch aus tiefster Kehle. Fast so schön wie Weihnachten.

© SZ vom 29.06.2020

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