Konzertrezension:Der musikalische Superspreader

Konzertrezension: Der in Straubing geborene Künstler Mathias Kellner zog im Tölzer Rosengarten viele Register.

Der in Straubing geborene Künstler Mathias Kellner zog im Tölzer Rosengarten viele Register.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Mathias Kellner entführt in die Tiefen der bayerischen Seele

Von Arnold Zimprich, Bad Tölz

"Du klingst wie eine sterbende Katze", kommentiert Youtube-Nutzer "Pinguin49" ein Video Mathias Kellners - ein Verdikt, das bei seinem Auftritt im Rahmen von Wolfgang Ramadans "Kanapee Musik Open Air" am Samstag nicht zu bestätigen ist. Die Stimmgewalt des Niederbayern ist legendär, Kellner gehört inzwischen zum kabarettistisch-musikalischen Inventar des Freistaats. Kellner bewegt sich mit schlafwandlerischer Sicherheit in seinem Metier, nachdem Impresario Ramadan bei der Eröffnung des Abends noch vor Rührung um Worte gerungen hatte und dem Publikum sagte: "Ohne Euch hätt's uns z'riss'n!"

Das Panoptikum des Mathias Kellner in der gebotenen Kürze zu umreißen, ist eine Herausforderung. Der in Straubing geborene Künstler zieht viele Register, einige oft, andere weniger oft. Kraftausdrücke liegen dem 36-jährigen Niederbayern besonders am Herzen. Gleich im ersten Stück appelliert er an das Publikum, das Idiom "Oaschlo" - ohne ch! - so laut mitzusingen, "dass si' oana beim Spaziergeh' wundert". Doch die Mauer um den Tölzer Rosenpark und die flankierende Ladenzeile ist hoch genug, um den Schall im Zaum zu halten. Kraftausdrücke sind das eine, Anekdoten das andere. In der ersten taucht Kellner tief in seine Kindheit und Jugend ab, als das Aufnehmen und Abspielen eines bestimmten Songs - "Hotel California" von den Eagles - noch mit einem gewissen Aufwand verbunden war. Kellner führt das mühselige Unterfangen, den Song auf Kassette zu bannen, auf so urkomische Art vor Augen, dass im Publikum nur wenige Augen trocken bleiben.

Kellner taucht daraufhin in die niederbayerische Seele ab - und besingt auf geradezu hinreißende Weise die Schönheit des Lebens, denn "jeder Tag ist ein guter Tag außerhalb der Gruam". Wobei er, um das Lied auch für "Preißn" verständlich zu machen, "Gruam" mit "Grube" übersetzt. Mit seiner Theorie des "Mittelelends" entlarvt er das bayerische Grantlertum als Pandemie-ähnliches Virus - und biedert sich Josef Bierbichler an. Ein Routineausflug zum Wertstoffhof wird zum Grantl-Superspreading-Event, innerhalb einer Woche ist das ganze Dorf am Grantln, obwohl doch eigentlich "ois passt". Das Publikum biegt sich vor Lachen.

Die Nacht ist über das Tölzer Kurviertel hereingebrochen und Kellner im verruchtesten Winkel der bayerischen Seele angekommen, der Wirtshauskultur. Im Heimatort spendiert die Wirtin der Dorfjugend, die sich an der Bushaltestelle bereits mit Zigaretten eingedeckt hat, mehrere "Spruz", wie der Schnitt in Mathias Kellners Heimat genannt wird. Später, als auf Drängen der Eltern die alte Maschine vom Opa und der Mofaführerschein von der Oma spendiert wurde, entflieht die Jungsclique ihren Heimatdörfern. Ziel ist der rund zehn Kilometer entfernte Sündenpfuhl Straubing und dort wiederum das "Kairo", wo Nirvana gespielt wird und der DJ gleichzeitig den Sandwich-Apparat bedient. Nach mehreren Runden Goaßn-Maß mit Kirschlikör wird über einen "Promilleweg", einem von Streifenwagen unerreichbaren Schleichweg über die Felder, wieder zurückgeschlingert. Leider hat "Börni" bei Kellner zu Hause die Idee, noch Schnapspralinen "zu melken" und einen grün gewordenen "Eierlikör mit Pelz" zu leeren: "Es ist Mittwoch und i wach wieder auf, es ist das letzte Mal, dass i so sauf'." Am Ende wird es etwas viel Alkohol, der sich in den Rosengarten ergießt. Auch die Zugaben saufen nach dem Alkohol-Exzess etwas ab. Genie und Wahnsinn, sie liegen eben auch bei Kellner nah beieinander.

© SZ vom 02.08.2021
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