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Konzertkritik:Und es ward Licht

Die Schöpfung Joseph Haydn

Enthusiasmus auf der grünen Wiese: Das Bach-Orchester baut unter der Leitung von Andrea Fessmann feinfühlig den Rahmen für die Erschaffung von Himmel und Erde.

(Foto: Manfred Neubauer)

Dem Iffeldorfer Klangkunst-Chor gelingt mit Haydns Schöpfung ein Gesamtkunstwerk an den Osterseen

Von Paul Schäufele, Iffeldorf

Die Eiszerfallslandschaft der Iffeldorfer Osterseen ist die Heimat von Kieselalgen, Wasserschläuchen, Froschbiss, Köcherfliegen, Libellen, Gelbbauchunken, Zauneidechsen, Haubentauchern, Drosselrohrsängern - unter anderem. Tiger und Walfische wurden bislang nicht gesichtet, konnten aber gehört werden. Sie sind Teil des musikalischen Bestiariums, das Joseph Haydn unter dem Titel "Die Schöpfung" komponierte. Der Iffeldorfer Klangkunst-Chor sang das Oratorium, begleitet vom ortseigenen Bach-Orchester, unter freiem Himmel und markierte mit Enthusiasmus den Wiederbeginn einer Konzertsaison unter (relativ) normalen Bedingungen. Dass am Ende das gesamte Publikum aufsteht und Bravi erschallen ist deshalb als doppelter Erfolg zu werten - für eine gelungene Aufführung, aber auch für den Aufbruch in einen geregelten Konzertbetrieb, für den sich Andrea Fessmann in den vergangenen Monaten unablässig eingesetzt hatte.

In Iffeldorf hat sie die musikalische Leitung und steht nun vor der Aufgabe, die Erde in Tönen zu erschaffen. Wie klang es vor der Entstehung der Welt? Wie tönt das Chaos, das Tohuwabohu? Haydn findet eine Lösung. Bei ihm herrscht Leere, bis ein C auftaucht, unisono gespielt, in das sich langsam andere Noten mischen. Das Iffeldorfer Orchester, der historischen Aufführungspraxis entsprechend überschaubar besetzt, tastet sich spannungsvoll langsam vor und baut damit einen Rahmen für die Botschaft der kommenden zwei Stunden: Hier wird Wichtiges gesagt.

"Und es ward Licht", mit diesem Jubel verabschiedet sich der Projektchor von unzähligen Online-Proben, dem Singen in den Bildschirm hinein und begrüßt sein Publikum mit glänzenden Dur-Akkorden und strahlendem Lächeln. Spätestens hier wird klar, weshalb gerade dieses Werk Haydns für diesen Anlass das passende war. Den ungetrübten Optimismus, den das Opus verbreitet, kann, so scheint es, an diesem Tag niemand besser verkörpern als das Iffeldorfer Ensemble, so wie es auf der Wiese vor dem Gemeindestadl steht, inmitten der Natur, die hier gepriesen wird: "Stimmt an die Saiten, ergreift die Leier, lasst euren Lobgesang erschallen!"

Vorher aber muss noch einiges gemacht werden. Zum Beispiel Himmel und Erde, was in den ersten zwei Teilen des Oratoriums von den drei Engeln Gabriel, Raphael und Uriel vermittelt wird. Mit Strenge und Ernst singt Burkhard Mayer von der Einrichtung des Firmaments. Sein fest grundierter Bariton kontrastiert mit Anna Karmasins Sopran. Die junge Sängerin ist in Iffeldorf nicht unbekannt, man schätzt ihre satt timbrierte Stimme, mit der sie von der Entstehung der Flora singt. Der helle, flexible Tenor von Markus Zapp bringt sich als Verkünder der frisch entstandenen Gestirne ein, worauf einer der schönsten instrumentalen Parts dieses Werks folgt, ein musikalischer Sonnenaufgang, empfindsam interpretiert. "Die Himmel erzählen die Ehre Gottes", so verkündet der Klangkunst-Chor, dem man die lange Konzert-Pause nicht anhört. Man musiziert mit gut trainierten Stimmen und der Freude des Ensembles. Das wird auch sichtbar in Andrea Fessmanns Dirigat. Die rechte Hand gibt geometrisch präzise den Takt an, die linke aber, die Herz-Hand, führt zusammen, fordert ein - noch mehr Feuer, noch mehr Leidenschaft, noch mehr Freude beim Schöpferlob. Nur einmal siegt der Kontrapunkt über die Musizierenden, da gehen die Stimmen kurz übereinander, finden aber schnell wieder zusammen.

Dem Programm liegen Ideen der Physikotheologie zugrunde, einer einflussreichen Strömung im Zeitalter der Aufklärung. Sie wurzelt in der Annahme, dass sich die Weisheit Gottes in der Schönheit und der vernünftigen Ordnung der Schöpfung zeige, also auch in den kleinen Mücken, die einem um die Beine schwirren. Daran wird hier ständig erinnert, klanglich und körperlich. Die Iffeldorfer "Schöpfung" ist ein musikalisch-ökologisches Gesamtkunstwerk, bei dem Sätze vom Menschen als "König der Natur" zu denken geben. Der göttliche Auftrag an den Menschen, der Schöpfung als vernünftiger Herrscher vorzustehen, wird illustriert durch den Versuch, eine einzigartige Landschaft als Naturschutzgebiet zu erhalten.

Das ginge natürlich viel einfacher, gäbe es ein paar weniger Menschen. Auch das greifen Haydn und sein Librettist Gottfried van Swieten auf. Der dritte Teil handelt von Adam und Eva als Liebespaar, das genauso gut einer Oper der Zeit entsprungen sein könnte. Mayer und Karmasin harmonieren exzellent und beweisen aufs Schönste die Vielseitigkeit der Komposition, die zwei ästhetische Kategorien miteinander vereint. Das Erhabene in Gestalt des alten, gelehrten Stils kommt zusammen mit dem Anmutigen, den galanten Klängen einfacher Heiterkeit, wie sie auch diese Duette prägen. Die "Schöpfung" ist keine Kirchenmusik im strengen Sinn, sondern hat ihren Platz im Konzertsaal. Dass dieser auch grün sein darf, haben die Iffeldorfer einmal mehr bewiesen.

© SZ vom 16.06.2021
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