bedeckt München
vgwortpixel

Konzertkritik:Aufs Zauberhafteste vereint

Mondestrunken

Die Studierenden des Leopold-Mozart-Zentrums in Augsburg haben sich schweren Stoff für ihr Konzert in Benediktbeuern ausgesucht.

(Foto: Manfred Neubauer)

Pianist Markus Kreul und seine Liedklasse vom Leopold-Mozart-Zentrum interpretieren mit Worten und Musik Schönbergs "Pierrot lunaire" - eine Hommage an den Mond

Alleine schon das verdient Anerkennung in Zeiten, da Programme zunehmend lieb- und gedankenlos zusammengeschustert werden: volle 90 Minuten dichtes Wort-Musik-Programm, ohne die so oft quälende Pause, dafür mit einem rotem Faden. Unter dem Titel "Mondestrunken" steht Arnold Schönbergs Musikdrama "Pierrot lunaire" im Mittelpunkt; darum ranken sich Lieder von Schumann, Wagner, Mahler, Wolf, Debussy, Berlioz und Lammerz. Dazu werden Texte von und über Schönberg vorgetragen. Ersonnen und ausgeführt haben dies der Pianist Markus Kreul und seine Liedklasse des Leopold-Mozart-Zentrums der Universität Augsburg sowie Studierende der dortigen Instrumentalklassen. Also allesamt junge Musiker, die sich noch in der künstlerischen Ausbildung befinden.

Und diese wagen sich an eines der schwierigstem Genres überhaupt: die Liedinterpretation. Dass sie sich daran nicht verheben, spricht für die Qualitäten ihres Lehrers. Wie auch dafür, dass es allen Unkenrufen zum Trotz glücklicherweise immer noch und immer wieder junge Menschen gibt, die von dieser zauberhaften Gattung, die Wort und Musik verschmilzt wie keine andere, fasziniert sind.

Schönbergs 1912 entstandenes Werk "Pierrot lunaire" nimmt allerdings eine Sonderstellung ein; es gehört nicht zur Gattung des Klavierliedes, sondern steht in der Tradition der Melodramen, also Werke für Sprechstimme und Instrumentalbegleitung. Diese waren in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts beliebt und wurden meist für große Orchesterbesetzung konzipiert. Schönberg dagegen nimmt ein Kammerensemble bestehend aus Violine, Viola, Violoncello, Flöte, Klarinette und Klavier. Auftraggeberin des Werkes war die Rezitatorin Albertine Zehme, also keine Sängerin. Heute wird "Pierrot luniare" nahezu ausschließlich mit Sängern aufgeführt, was diese vor die große Herausforderung stellt, eher sprechen oder auf Tonhöhe rezitieren als singen zu müssen. Das gelingt nicht immer. Und es gelang auch den jungen Künstlern im Benediktbeurer Barocksaal unterschiedlich gut.

Daniel Holzhauser traf den Sprechton mit seinem warmen Bariton ganz hervorragend, wechselte souverän und ohne Bruch zwischen Sing- und Sprechstimme. Mit "Mondestrunken" führte er stimmungsvoll in Schönbergs Werk ein. Seiner Kollegin Judith Werner stand dies nicht in solcher Selbstverständlichkeit zu Gebote. Dass tiefe Singstimmen, die sich näher an ihrer Sprechstimme bewegen als die hohen, mit Sprechgesang grundsätzlich besser zurechtkommen, widerlegte Giulia Monatanari: Ihr hoher, leichter Sopran bewältigte Schönbergs Ansprüche mühelos. Auch Bariton Raphael Kestler konnte überzeugen. Darauf berückte A-Reum Lee, begleitet von Markus Kreul am Klavier, mit ihrer wunderbar dunkel timbrierten, geheimnisvoll umschatteten Stimme mit Wagners "Träume". Montanari bewies, gemeinsam mit Antonia Miller am Klavier, auch bei Hugo Wolfs "Nachtzauber" große Gestaltungskraft. Mit zwei französischen Liedern Claude Debussys führte Wanting Lee sein beachtliches Stimmmaterial vor.

Den zweiten Block aus "Pierrot lunaire" übernahmen wieder Werner, Holzhauser, Kestler und Montanari. Jihye Park und Sophia Gassler am Klavier ließen darauf Schumann'sche Sehnsuchtstöne erklingen, ebenso schön wie wehmütig. A-Reum Lee faszinierte auch bei Berlioz' "Au cimetière" mit ihrer besonderen Ausstrahlung. Judith Werner konnte in Lammerz' "Flötenspiel" mehr überzeugen als bei Schönberg. Tenor Moritz Kugler, begleitet von Nyimaphuntsok am Klavier, hatte sich mit "Um Mitternacht" und "Ich bin der Welt abhanden gekommen" zwei Mahler-Lieder vorgenommen, die vom Jenseitigen künden müssen. Das geriet ihm "zu gesund", wie Lied-Altmeister Peter Schreier dies zu benennen pflegte.

Hingegen traf Giulia Montanari für Schönbergs "Der kranke Mond" genau die richtigen Töne und Schattierungen. Raphael Kestler durfte darauf Schönberg szenisch darstellen und "Pierrot lunaire" mit "O alter Duft aus Märchenzeit" beschließen. Großer Beifall für die jungen Sänger und Instrumentalisten im zu Zweidritteln besetzten Barocksaal. Während die Berliner Uraufführung des "Pierrot" 1912 als Erfolg gelten konnte, geriet die Prager Erstaufführung 1913 übrigens zum veritablen Skandal. Am 21. Mai 2016 verlässt man das Kloster Benediktbeuern ohne einen solchen. Und genau da taucht ein blasser Vollmond hinter dem Gebirge hervor. Wie bestellt . . .