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Konzert:Kreativ, dynamisch, makellos

Keiner spielt hier die erste Geige: Das dynamische Acelga-Quintett überzeugte das Publikum am Samstag gleich mehrfach in der Loisachhalle.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Das Acelga-Quintett bietet in der Wolfratshauser Loisachhalle handverlesene und hinreißende Gustostücke

Von Paul Schäufele, Wolfratshausen

Fünf Instrumentalisten auf der Bühne und keiner hat einen Bogen in der Hand. Wie oft gibt es das schon? Leider viel zu selten, möchte man sagen, wenn man das dynamische Acelga-Quintett in der Wolfratshauser Loisachhalle gehört hat. Mit einem handverlesenen Programm überzeugten Hanna Mangold (Flöte), Sebastian Poyault (Oboe), Andreas Becker (Horn), Antonia Zimmermann (Fagott) und Julius Kircher (Klarinette) bei ihrem Auftritt am Samstag.

Den virtuos sprudelnden Auftakt machte die Ouvertüre zu Mozarts "Die Zauberflöte" in einer Bearbeitung von Joachim Linckelmann. Mit prägnanter Artikulation und ansteckender Spielfreude - für das Quintett war es das erste Konzert seit acht Monaten - jagten die fünf Musiker durch die mozartsche Operneröffnung und bereiteten damit auf die folgenden Stücke vor. Denn in komprimierter Form war hier schon viel von dem enthalten, was den Abend so interessant machte: Ernst und Trauer, Witz und Heiterkeit, Beweglichkeit und Ruhe in spannungsreichem Gleichgewicht - und vor allem ein fabelhafter Sinn für eine differenzierte Interpretation im Ensemble. Die strenge Polyfonie der Ouvertüre wurde so genauso hörbar wie die langen melodischen Linien. Das kam auch dem Bläserquintett des tschechischen Komponisten und Leoš-Janáček-Schülers Pavel Haas zugute. Von seinem Lehrer hat der in Brünn geborene Haas die aphoristische Kürze, die Prägnanz des musikalischen Materials, die Gabe, mit wenigen Noten viel zu sagen und die unleugbare Vorliebe für mährisches Melos. Mit technischer Präzision und unfehlbarer Charakterisierungsgabe legte das Acelga-Quintett diese Aspekte des 1929 entstandenen Opus 10 offen. Das Programm, das die fünf Musiker dem Stück zugrunde legen, hieß "Verdichtung". In einer knappen Viertelstunde führten sie durch die musikalische Moderne der Zwanzigerjahre, riefen dabei die grotesken Bilder von George Grosz ins Gedächtnis und die schwarzhumorig angestrichenen Gedichte von Erich Kästner. Besonders im ersten und dem dritten Satz, dem "Ballo eccentrico", traf das Quintett den beißenden Sarkasmus, der als Sound der Neuen Sachlichkeit bezeichnet werden könnte und von dem auch Haas beeinflusst war. Hier trillerten Oboe und Klarinette, schnarrten Oboe und Fagott und trafen sich im Räderwerk der polyrhythmischen Partitur. Ganz anders die bewegende "Preghiera", der gebetsartige zweite Satz, der seine frei deklamatorische Melodieführung aus Synagogengesängen bezieht. Damit erinnerte das Quintett unweigerlich an die Biografie des jüdischen Komponisten, der wie auch Viktor Ullmann zu den lange Zeit vergessenen Komponisten gehört, die im Konzentrationslager Theresienstadt interniert waren und 1944 in Auschwitz ermordet wurden. Auch in der "Humoreske" des Schönberg-Lehrers und Alma-Mahler-Geliebten Alexander von Zemlinsky vermischten sich heitere mit einigen wenigen bitteren Tönen. Das ist nicht selbstverständlich; als Zemlinsky dieses Stück schrieb, war er bereits ein schwer kranker, finanziell ausgelaugter Mann. Es sollte seine letzte Komposition werden. Das Acelga-Quintett spielte das von Zemlinsky so genannte "Schulstück" als spaßige Ensemblekleinigkeit, das aber an ein paar Stellen den Charakter eines nachdenklichen Resümees annahm.

Nach diesen zwei Raritäten in Originalbesetzung präsentierte das Ensemble einen der unangefochtenen Lieblinge des Streichquartett-Repertoires in einer Bearbeitung von Ulf-Guido Schäfer - Antonín Dvořáks Opus 96, das "Amerikanische Quartett" F-Dur. Während seit der Entstehung des Werks 1893 in Spillville, Iowa ununterbrochen darüber diskutiert wird, ob sich nun authentische amerikanische Folklore in den Sätzen bemerkbar mache oder nicht, gilt eines als sicher: Die Natur hat ihre Spuren im Notentext hinterlassen, bis hin zu einem eindeutig identifizierbaren Vogelruf. (Ornithologisch beschlagene Dvořák-Enthusiasten haben hier den Gesang der Schlarlachtangare, Piranga olivacea, erkannt.) Welches Instrument könnte den Vogel besser nachahmen als Hanna Mangolds Flöte? Dabei bewies das 2012 gegründete Quintett, nicht umsonst mit einem dritten Preis beim Musikwettbewerb der ARD ausgezeichnet, auch hier seine Ausgewogenheit. Auf den agil vorangetriebenen Kopfsatz folgte ein bewegender Klagegesang zwischen Oboe und Fagott über unbeirrt wiegenden Bläserakkorden. Die aparten Echo-Effekte in diesem Lamento spielte das Quintett ohne jede falsche Süßlichkeit, sondern mit einer Schlichtheit und Wahrhaftigkeit, die das Publikum begeisterten. Ein exzentrisch wirbelndes Scherzo machte bereit für den furiosen Springtanz des Finales. Zwischen staccatoreichen Melodien und rührenden Choralanklängen spielte sich das Quintett enthusiastisch durch den Satz, spannungsgeladen und pointiert akzentuierend. An keiner Stelle hätte man sich eine andere Besetzung gewünscht.

Vom ersten bis zum letzten Takt hat das Acelga-Quintett makellos intoniert, kreativ interpretiert und dynamisch unterhalten. Das war umso bemerkenswerter, da das Quintett bereits am Nachmittag ein Konzert gegeben hatte. Von Müdigkeit war jedenfalls absolut nichts zu spüren. Schließlich verabschiedete sich das Quintett mit einem hinreißenden "Slawischen Tanz" Dvořáks.

© SZ vom 12.10.2020

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