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Konzert in Benediktbeuern:Italienisch warm und subtropisch heiß

Das Ensemble Rubin spielt im Maierhof des Klosters Benediktbeuern die "Vier Jahreszeiten" in den Versionen von Antonio Vivaldi und Astor Piazzolla - und schlägt dabei gekonnt einen musikalischen Bogen über Jahrhunderte hinweg

Von Paul Schäufele, Benediktbeuern

Natürlich hat man sie schon 1000 Mal gehört. Womöglich hat man sie sogar im Musikunterricht besprochen. Doch auch wer den Dauerbrennern der klassischen Musik desinteressiert bis kritisch gegenübersteht, kann sich ihrem Charme kaum entziehen, den vier Violinkonzerten, die Antonio Vivaldi in der Sammlung "Il cimento dell'armonia e dell'inventione" (Das Wagnis von Harmonie und Erfindung) veröffentlicht hat und die gemeinhin als "Die vier Jahreszeiten" angekündigt werden. Das Ensemble Rubin spielt die stilprägenden Konzerte im Maierhof des Klosters Benediktbeuern in Kombination mit vier weiteren Werken, die zwar nicht barock sind, aber mit nicht weniger spielerischer Energie präsentiert werden.

Mit leichten, hellen Akkorden beginnt der Frühling, wenn die fünf Musiker des Ensembles ihn mit ihren Streichinstrumenten in Szene setzen. Schlank und durchsichtig klingen die Akkorde so durch den Innenhof des Klosters, der deutliche Hall gibt zusätzliches Volumen und verschleiert wohl auch freundlich die ein oder andere Ungenauigkeit. Es sind ja auch keine einfachen Stücke, besonders Solo-Geiger Ferenc Kölcze muss virtuose Spielfiguren meistern. Unterstützung bekommt er dabei von Arthur Medvedev (Geige), Andreas Höricht (Bratsche), Klaus Kämper (Cello) und Bernhard Seidel (Kontrabass). Gemeinsam bereiten sie mit Vogelgesang und Gewittersturm ein frühlingshaftes Musikgemälde, das einen reizvollen Kontrast bildet zu dem, was folgt.

Ensemble Rubin: Vivaldi und Piazzolla

Die fünf Musiker des Ensembles Rubin spielen sich durch 250 Jahre voneinander getrennte Jahreszeiten.

(Foto: Manfred Neubauer)

Denn "Il Prete rosso", wie der venezianische Priester-Komponist aufgrund seiner roten Haarmähne genannt wurde, war längst nicht der letzte, der sich dem Wechsel der Jahreszeiten als musikalischem Sujet angenommen hat. Auch Astor Piazzolla, Säulenheiliger des Tango Nuevo, hat etwas zur Gattung beigetragen. Zwar sind "Las cuatro estaciones porteñas" (Die vier Jahreszeiten von Buenos Aires) ursprünglich für eine ganz andere Besetzung komponiert worden (auch ein Quintett, aber mit elektrischer Gitarre und Piazzollas Instrument, dem Bandoneon), doch der Tango ist so flexibel wie seine Tänzer und deshalb klingt er auch mit Streichquintett so, wie er klingen soll - temperamentvoll und melancholisch, energisch und träge, heiß und kalt.

Die Kombination aus Vivaldi und Piazzolla ist schon eine kleine Tradition geworden - was nicht nur dem glücklichen Zufall geschuldet ist, dass beide Komponisten "Vier Jahreszeiten" im Programm haben. Denn es wäre keine Übertreibung, Piazzolla als Vivaldis spätesten Schüler zu bezeichnen. Hier wie auch in anderen Werken greift Piazzolla auf barocke Formen zurück, auf (nicht ganz so strenge) Polyfonie, Sequenzierungen und virtuose Solokadenzen, die auf die immer im Hintergrund stehende Gattung des Konzerts verweisen. Das Ensemble Rubin schafft es, Piazzollas Inspiration nachzuvollziehen und hörbar zu machen. Das gelingt auch durch die alternierende Anordnung der Werke - auf Vivaldis Frühling folgt Piazzollas, nach dem norditalienischen Sommer kommen die subtropischen Temperaturen der argentinischen Metropole.

Ensemble Rubin: Vivaldi und Piazzolla

Im Maierhof des Klosters Benediktbeuern bekommen die Musiker verdienten Applaus.

(Foto: Manfred Neubauer)

Doch es ist nicht nur die lähmende Hitze, die Vivaldi und Piazzolla in ihre Sommerkonzerte komponiert haben. Für beide sind diese Teile der Zyklen auch amourös aufgeladen. Auf der einen Seite singt die Turteltaube auf Kölczes Geige ihr filigranes Lied, auf der anderen strömen sehnsuchtsvolle Melodien mit sinnlichem Ton, bis ein feuriges Finale der sommerlichen Eleganz ein Ende setzt.

Mit festlichen Akkorden, die durch die spezielle Akustik des Maierhofs nicht nach Streichquintett, sondern nach einem ausgewachsenen Streichorchester klingen, hält der Herbst Einzug. Mit Schwung entwerfen die fünf Musiker musikalisch eine rustikale Tanzszene, verbinden leise Harmonien zum anschließenden Schlummer und geben eine horndröhnende Jagdszene wieder. Weniger optimistisch klingt dagegen der argentinische Kommentar zur Jahreszeit. Schwermütig bereitet Piazzolla auf den Winter vor.

Die Kälte kommt bei Vivaldi in zitternden Dissonanzen an, herben Akkorden, die momentweise von Forte-Klängen unterbrochen werden. Doch die Grundstimmung von Frost und Einsamkeit bleibt bestehen. Geradezu idyllisch tröpfelt dagegen der langsame Satz: eine behagliche Szene am Kamin, die das Ensemble ruhig fließend und klangschön interpretiert. Auch wenn das Concerto in Moll endet, am Ende steht in dem Sonett, das Vivaldi in die Partitur drucken ließ: "So ist der Winter, doch welche Freuden bringt er auch." Dieser Optimismus scheint in Piazzollas Stück fast verdeckt zu werden vom grauen Himmel über der Großstadt. Doch ganz zum Schluss findet auch hier noch eine überraschende Wendung ins warme Es-Dur statt, der Tonart, in der Vivaldi seine Winterfreuden komponiert hat, was nicht nur dem Konzertabend eine hoffnungsfrohere Note verleiht, sondern auch demonstriert, wie viel Piazzolla Vivaldi verdankt.

Siebenmal haben die Musiker einen musikhistorischen Sprung von rund zweihundertfünfzig Jahren gemeistert, mit Charme und Spannkraft. Für diese stilechte Interpretation der barocken Concerti und der modernen Tango-Fantasien bekommt das Ensemble Rubin verdienten Beifall.

© SZ vom 17.08.2020

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