Konzert in Bad Tölz Geschichten aus der Diskothek

Die Chemie zwischen Sebastian Horn (links) und Gerd Baumann (rechts) stimmt. Kennengelernt haben sie sich über gemeinsame Freunde. Am Anfang ihrer Zusammenarbeit schrieben sie den Soundtrack für einen Film.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

"Dreiviertelblut" stellen ihr neues Album im Tölzer Kurhaus vor. Beim Heimspiel im ausverkauften Saal begeistert die Band mit Lust am Stilmix und makaberen Texten

Von Nora Schumann, Bad Tölz

Ein tiefer Bariton und sanfte Gitarrenklänge erfüllen das Tölzer Kurhaus. Nach der ersten Minute setzen Schlagzeug und Trompeten ein. Die Band Dreiviertelblut eröffnet ihr Konzert anlässlich ihres neuen Albums "Diskothek Maria Elend" mit dem Song "Die Wahrheit". Frontsänger Sebastian Horn schreibt mit dem Mikrofon ein Kreuz in die Luft. Die Gruppe, die über sich selbst sagt, ihre Spezialität seien "kurios-krude Geschichten über das Leben, den Tod und alles, was dazwischen liegt", singt Texte in bairischer Mundart wie diesen: "Die Erde ist flach, und die Sonn is mei Mond. Und gestern kommt morgen in der Friah. Der Himmel ist unten, und über uns droht ein Nichts, so weit das Auge reicht." Das Publikum klatscht begeistert.

Viele Zuhörer kennen die Band gut, waren schon einmal auf einem Konzert der Gruppe. "Diese tiefe Stimme und die Texte, das ist etwas ganz Besonderes", findet eine Besucherin. "Ich habe auch keine Plakate in der Stadt gesehen, ich glaube, die Karten wurden alle unter der Hand verkauft", mutmaßt ihre Sitznachbarin. Und trotzdem ist der hohe Saal des Kurhauses bis auf den letzten Platz besetzt. Kinder und Senioren, Junge und Junggebliebene, Anzugträger und junge Leute mit Baseballmützen, sie alle sind erwartungsvoll unter glitzernden Kronleuchtern versammelt. Man merke einfach, dass es sehr gute Musiker seien, sagt eine Frau mittleren Alters, es werde nicht nur ein Knopf gedrückt, sondern das sei noch richtige Arbeit.

Das lässt sich so sagen, wenn der Kontrabassist auch die Tuba beherrscht und der Trompeter sich mit seinen Soli in schwindelerregende Höhen spielt. Dreiviertelblut ist musikalisch gut aufgestellt: Sieben Musiker haben es sich auf den Stühlen der Bühne bequem gemacht. Ganz vorne Sebastian Horn, einer der beiden Frontsänger und gebürtiger Tölzer, neben ihm Gerd Baumann, Sänger und Gitarrist der Gruppe. Rechts daneben bearbeitet Luke Cyrus Goetze die E-Gitarre, dahinter sitzt Flurin Mück am Schlagzeug und der Posaune. Benny Schäfer spielt Kontrabass und Tuba. Der Klarinettist Florian Riedel liegt krank darnieder, wie Frontsänger Horn mitteilt. "Deshalb haben wir einen guten Freund angerufen, der für ihn eingesprungen ist, den Andi", erklärt Horn dem Publikum. Andreas Unterrainer bildet so das Trompetenduo mit Dominik Glöbl.

Dass Horn und Baumann schon lange zusammenarbeiten, ist ihrer Bühnenperformance und dem Umgang miteinander deutlich anzumerken. Es wird gelacht und geschäkert. Als Horn ein Stück über eine "Schönheit vom Lande" ankündigt, erwidert Baumann trocken: "Ich weiß jetzt nicht, welches Lied du meinst, im Grunde geht es immer irgendwie um eine Schönheit vom Lande." Das Publikum dankt es den beiden mit einer wohlwollenden und gelösten Stimmung. "Am Donnerstag Heimspiel in Tölz" postete die Band auf ihrem Instagramauftritt, und dieses Heimspiel wird zugunsten von Dreiviertelblut gespielt. Die begeisterte Menge lässt sich gerne zum Mitmachen und Mitsingen animieren, dazwischen provoziert Baumann Lachwellen, die durch die Zuschauer zurück zur Bühne rollen.

Die Themen der Lieder reichen von allgemeiner Nostalgie und Melancholie zu politischen Fragen und dem alltäglichen Leben. Eigentlich sind Sebastian Horn und Gerd Baumann Geschichtenerzähler, die ihre Storys in einen bunten Teppich aus Klängen und Geräuschen einweben. Von Jazz bis Rap über Balkan, Ska und Pop, kein Genre scheint den Musikern zu schade, um es aufzugreifen, kein Geräusch zu sperrig, um es einzubinden. Es wird gesummt, gepustet, gepfiffen, geflüstert, gekrächzt und geheult. Und auch wenn die Lieder teils traurig duster anmuten, ein makaberer Unterton fehlt an diesem Abend nie, wie beispielsweise beim Lied über den unbekannten gefallenen Soldaten und dessen letzte Gedanken.

Dreiviertelblut schafft es damit, die Zuhörer in ein Gefühlschaos zu stürzen, in dem sie bald auf der Welle eines "potenziellen Wiesnhits" mitreiten, bald ins Tal der Gräber stürzen. "Und i frier (...) Aber vielleicht stehst grad da oben mit ein paar Tränen", singt Horn einfühlsam über die Gedanken einer Leiche im Grab, bevor der Tote im Lied den ersten Wurm entdeckt. Dann wiederum widmet Baumann seinem Traum über das Treffen von Aschenputtel und Cinderella eine Geschichte und danach ein Lied. So entstehen, musikalisch begleitet, rasante Stimmungswechsel. Knapp drei Stunden dauert das Programm , inklusive Pause. Die Musiker aber wirken kein bisschen müde, zum Ende drehen sie voll auf, animieren das Publikum zum Aufstehen, Stampfen, Brüllen. Drei Zugaben später beruhigt erst der letzte Song die aufgeheizte Menge. Sebastian Horn bedankt sich bei den Zuhörern: "Der Gerd hat gerade was zu mir gesagt, das hat er noch nie so gesagt. Er hat gesagt ,Geile Leute'." Das Tölzer Publikum im Kurhaus johlt.