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Konzert im Klosterhof:Tuscheln mit der Steirischen

Ein Südtiroler und sein Knopfakkordeon: Herbert Pixner zeigt im Kloster Benediktbeuern die ganze Palette seiner Beziehung zur Diatonischen. Er spielt mit unfassbarem Tempo und ungeheurem Druck und lässt dann Stücke wieder wattezart auströpfeln - stets mit einem Lächeln im Gesicht.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Der Südtiroler Herbert Pixner und seine Band entlocken ihren Instrumenten mal extatische Rhythmen, mal schwebende Seufzer - und reißen das Benediktbeurer Publikum mit

Herbert Pixner lächelt alles weg. Die vielen Zuspätkommer weit über der akademischen Viertelstunde, die früh umlagerten Getränke-Oasen hinten im Maierhof des Klosters Benediktbeuern. Später die Regenkaskaden, das Rascheln der Capes, das eher dumpfe Klatschen und die von den Musikern wahrgenommene Verzögerung von einer ganzen Sekunde, weil sich die Klostermauern so viel Zeit nehmen, um die Töne zurückwerfen. Das alles nimmt Herbert Pixner wohl nur aus den Augenwinkeln zur Kenntnis. Denn er hat einfach besseres zu tun. Sein dunkler Schopf beugt sich weit über die Steirische, als würde er dem höllenschwer zu erlernenden Knopfakkordeon etwas zuflüstern, ihm ein Geheimnis offenbaren.

Doch da ist nichts geheim. Herbert Pixner aus dem Passeiertal in Südtirol spielt mit unfassbarem, niemals verhaspelndem Tempo, mit ungeheurem Druck, mit swingendem Rhythmus, der so in die Beine fährt, dass man am liebsten aufspringen will, um den "Sommernachts-Walzer" mitzutanzen. Manche Überleitungen sind nur getupft oder ein Schluss tröpfelt so wattezart aus, dass man die Luft anhält, um ja keinen dieser schwebenden, fast erotischen Töne und Seufzer der Diatonischen zu versäumen. Der Musiker, der angeblich keine Noten lesen kann, spielt so intensiv und leidenschaftlich, als wäre es sein erster Auftritt vor so vielen Leuten, die sogar aus Regensburg, Rosenheim oder Memmingen und natürlich aus der Region gekommen sind - mit dem Auto. Schließlich gibt es Parkplätze bis zum Horizont.

Die Zuschauer beim ausverkauften Gastspiel von Pixners neuem Projekt lächeln auch, wippen, seufzen gar vor Wonne, lauschen, jubeln und belohnen einzelne Soli. Und vielleicht staunt so mancher, dass das haushohe Lautsprecher-Equipment - das wohl auch Rockern wie Queen im Stadion ausreichen würde - eine so sensible und sehr gut ausgesteuerte Wiedergabe zu Stande bringt. Denn oft spielt das Quartett des Projekt-Teams sozusagen mit einer Stimme, wie bei den Streichel-Titeln "Morgenrot" oder "Nur für dich allein" - das lässt sich beispielsweise wahrnehmen. Doch jeder einzelne kann sich auch glasklar hörbar exponieren wie Heidi, die Schwester Pixners, an der Harfe. Diese lässt sie nicht nur perlen und engelzart vibrieren, sondern scheint sie auch zu boxen oder an den Saiten zu reißen. Heraus kommt Herzblut für die Volksharfe, packender Rhythmus und musikalische Zitate der besonderen Art, der Pixner-Art eben. Der Bassinst Werner Unterlercher am Kontrabass webt derweil ganz dicht den Rhythmusteppich, lässt das Instrument aber auch jubeln, fetzig sein oder grollen wie tiefe Glocken.

Herbert Pixner, der an der Trompete, Klarinette und dem jüngst erworbenen Saxofon genauso die Finger nahezu fliegen lässt, fordert ihn geradezu heraus, den großartigen Gitarristen Manuel Randi. Die beiden schauen sich an, verziehen ein wenig die Mundwinkel, heben eine Augenbraue, legen den Kopf schief. Auf diese Weise werfen sie sich wohl die Ideen zu, locken, fordern einander heraus. Selbst bei dem rasenden, emotionalen, fast ekstatisch gespielten "Tango to go" und dem Intro, bei dem jeder Spanier seine Fassung verlöre: schnell, feurig aber nicht zu hart. Er greift auch zum E-Gitarre und lässt Riffs hören, bei denen es auch Mister Slowhand Eric Clapton vom Stuhle risse. Dann wieder zurückgenommen wie bei dem Gruselsong "Hiatabua" und vielen anderen Titeln wie einem Blues oder Bossa Nova auf diesem zweistündigen Pixner-Festival, dem Regen geschuldet ohne Pause aber mit Weglächeln. Oben auf der Bühne und unten im Hof.