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Konzert:Hoffnungsfroh

Johannes Zahn ist seit Gründung der Neuen Philharmonie mit dabei, war dort zunächst Solocellist und dirigiert inzwischen das Ensemble.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Die Pianist Michael Lifits und die Neue Philharmonie München glänzen unter Johannes Zahn mit Beethoven in der Loisachhalle

Von Paul Schäufele, Wolfratshausen

Mit energischen Tonleitern stellt sich der Pianist gegen die nicht weniger energischen Akkorde des Orchesters. In diesem Fall ist der Pianist der Busoni-Preisträger Michael Lifits und das Orchester die Neue Philharmonie München, die ihr Herbstprogramm zu einem Beethoven-Jubiläums-Programm macht. Dass die Proben ein wenig anders abliefen als bislang, merkt man den Musikerinnen und Musikern am Freitag in der Loisachhalle nicht an. Unter Johannes Zahn spielen sie dynamisch, kraftvoll, differenziert - alles in allem hervorragend - wie eh und je.

Schon der Auftakt stimmt mit fantasievoller Festlichkeit auf die Musik des Jubilars ein. Mit der Ouvertüre zu "Die Geschöpfe des Prometheus" eröffnet die Neue Philharmonie den Abend in der bei reduzierter Bestuhlung ausverkauften Halle. Dabei spielt das Ensemble mit einer hellen Grundstimmung, so dass das schwungvolle Ballett-Entrée auf die hoffnungsfrohen Werke des Abends vorbereitet. Denn auch wenn in diesem Jubiläumsjahr vor allem das ikonische Beethoven-Portrait Joseph Stielers wieder und wieder abgedruckt wurde, als vergrübelter, wenig zugänglich erscheinender Komponist - zumindest in seiner Musik war Beethoven radikaler Optimist.

Der Anfang seines dritten Klavierkonzerts lässt das zugegebenermaßen noch nicht erahnen. Hier ist viel Düsteres, Melancholisches. Doch sobald das Klavier sich einmal dazu eingefunden hat, sieht es ein wenig anders aus. In virtuosen Windungen wird am eigentlich ganz schlichten Thema geschraubt und gedrechselt. Das ist einerseits ein intellektuelles Glanzstück, andererseits klanglicher Hochgenuss, was nicht zuletzt an Lifits' reifer Anschlagskultur liegt. Mühelos perlen die Läufe, klingeln die Triller und das alles mit der Leichtigkeit, die Beethoven von Mozart und Haydn übernommen hat. Die Neue Philharmonie ist dabei ein verlässlicher Partner. Johannes Zahn deutet die Partitur im Kontakt mit Michael Lifits nicht als reine Begleitung, sondern als gemeinsamen Prozess, schließlich ist Beethovens Opus 37 eines der ersten Klavierkonzerte, das 'sinfonisch' genannt wird. Im zweiten Satz ist es gar der Pianist, der die Entwicklung dominiert. Mit silbernem Legato arbeitet er quasi improvisatorisch an der eigenen Entrückung. Dem harmonischen Einfallsreichtum und der pianistischen Klangedestillation steht ein bodenständiges Rondo-Finale gegenüber. Mit "naiver Einfachheit" solle es gespielt werden, so der Beethoven-Schüler Carl Czerny. Doch Lifits hält sich nicht streng an die Empfehlung. Was er hier präsentiert, sind beißender Witz und souveränes Virtuosentum, das im tänzerischen Dur-Ausklang auftrumpfen kann. Da ist es kein Wunder, dass sich das hingerissene Publikum eine Zugabe erklatscht - ein klangzauberhaftes Chopin-Nocturne.

Die Fähigkeit, unterschiedlichste Stillagen zu integrieren, demonstriert Beethoven auch in seiner dritten Sinfonie, die den Beinamen "Eroica" trägt. Und wie auch im dritten Klavierkonzert ist das Revolutionäre, wie Beethoven aus einem Nichts an Thema einen sinfonischen Kosmos schafft. Hier ist es eine wiegende Dreiklangsbrechung, die verschiedenste Variationen und Seitenthemen nur anzuziehen scheint. Etwa, wenn nach erschütternden, hämmernd wiederholten Dissonanz-Akkorden, die Zahn extra wuchtig verlangsamt, eine äußerst sensibel intoniertes e-Moll-Melodie anschwebt. Die Neue Philharmonie setzt diese kontrollierte Wildheit dramaturgisch wirksam um, so auch im Kernstück der Sinfonie, dem Trauermarsch. Denn es ist nicht einfach eine Marcia funebre. Dieser Trauermarsch inszeniert vielmehr sein eigenes Scheitern. Eine grandiose C-Dur-Kulmination führt nur in ein umso schrecklicheres, hier mit Dringlichkeit intoniertes, Fugato. Das Ende ist die Zerstückelung des ohnehin schon instabil schwankenden Themas. Das munter hüpfende Scherzo ersetzt die Grabesstimmung mit ausgelassener Fröhlichkeit. Die Musiker haben das so im Blut, dass ihr Dirigent seine ohnehin präzis-sparsamen Bewegungen streckenweise ganz zurücknehmen kann. Blicke genügen. Vollends austoben kann sich das Orchester dann im Finale. In die vordergründige Form des Variationensatzes wird alles Mögliche geworfen: ein Kontretanz-Thema, ein bisschen Polyphonie, eine Art Streichquartett und vor allem ein ungarisches Soldatenlied. Diesen stampfenden Verbunkos kosten die Musiker aus, mit kratzenden Saiten und in furiosem Tempo, das sie noch einmal steigern, wenn es auf den strahlenden Schluss zugeht.

Das alles spielt die Neue Philharmonie mit schlankem, doch nie magerem Klang, flexibel und mitreißend. Trost über das Ende des Konzerts spendete die Erinnerung, dass die Neue Philharmonie im Frühjahr wieder in Wolfratshausen zu hören sein wird.

© SZ vom 28.09.2020

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