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Konzert:Hehre Kunst mit Klangsinn

Meistersolisten im Isartal

Streichen und sich zuhören: Die vier Musiker Anna Katharina Wildermuth, Noémi Zipperlin, Caspar Vinzens und Lukas Sieber (von links) spielten im Rainer-Maria-Rilke-Gymnasium nicht nur virtuos, sie zeigten auch eine faszinierende Kommunikation untereinander.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Das Aris Quartett überzeugt beim Saisonauftakt der "Meistersolisten im Isartal" in Icking mit drei Spätwerken von Bach, Beethoven und Dvorak. Die vier presigekrönten Musiker lassen von Anfang an keinen Zweifel an ihrem Können

Gerade ist der ARD-Musikwettbewerb zu Ende gegangen. Die Preisträger 2018 sind gekürt. Wer welchen Preis bekommen hat, hat jedoch die Gemüter erregt. Zum Beispiel in der Kategorie "Klaviertrio", in der es einen ersten, aber keinen zweiten Preis gab, dafür zwei dritte. Das weckt Erinnerungen an frühere Jahrgänge und die damit verbundenen Aufregungen. 2016 entzweite die Platzvergabe im Fach Streichquartett die Fangemeinde. Der erste Preis ging an das Quatuor Arod, der zweite an das Aris Quartett, das auch den Publikumspreis erhielt. Zwei in ihrem Selbstverständnis, Streichquartett zu spielen, völlig verschiedene Ensembles. Das Quatuor Arod, gefeiert für seine radikale Emotionalität und risikofreudiges Spiel, war im Sommer vergangenen Jahres im Rainer-Maria-Rilke-Gymnasium zu Gast. Jetzt gab das Aris Quartett bei Klangwelt Klassik zum Auftakt der "Meistersolisten"-Saison 2018/19 sein Gastspiel.

Die vier Musiker, Anna Katharina Wildermuth, Noémi Zipperlin (Violinen), Caspar Vinzens (Viola) und Lukas Sieber (Violoncello) schlugen den Programmverantwortlichen drei Spätwerke von Bach, Beethoven und Dvořák vor. Nicht jeder Veranstalter würde das so ohne weiteres annehmen und sich vielleicht fragen: Ist so ein Programm, ohne ein frisches Jugendwerk, attraktiv genug für die Zuhörer und die, die man weiterhin gewinnen will. Aber der Verein Klangwelt Klassik beweist da einen erfreulicherweise großen Mut. Es geht um die hehre Kunst, gespielt von großartigen Musikern.

Das war wirklich vom ersten Moment an zu spüren. Zur Eröffnung spielte das Aris Quartett zwei Kontrapunkte aus Johann Sebastian Bachs letztem Werk, der "Kunst der Fuge". Hier schon zeigten die vier Streicher, mit wie viel Klangsinn sie das feine polyphone Geflecht des Altmeisters zu durchdringen vermögen. Subtil setzten sie Haupt-, Neben- und Gegenstimmen im jeweiligen Lautstärkegrad von einander ab und sorgten für plastische Transparenz. Dazu kam eine faszinierende Kommunikation unter den Musikern. Für jeden scheint das Hören von dem, was der andere spielt, mindestens genauso wichtig zu sein wie der eigene Part. Die vier vom Aris Quartett, die von diesem Herbst an "New Generation Artists" der BBC sind, können sich das natürlich auch mühelos leisten. Die technische und musikalische Perfektion, die sie aufzubieten haben, lässt sie souverän über dem stehen, was sie machen.

Nicht nur bei Johann Sebastian Bach, sondern auch bei Ludwig van Beethoven, dessen Streichquartett cis Moll op. 131 den "Contrapuncti" aus der "Kunst der Fuge" folgte. Auch dies ein spätes Werk, das in der Interpretation des Aris Quartetts wie folgerichtig auf Bachs Musik wirkte. Die tiefe innere Empfindsamkeit des taub ge-wordenen Beethoven kam hier zum Tragen, weniger der wuchtige Komponist mit seinen plötzlichen Fortepiano-Momenten. Wenngleich es die auch gab. Und das Aris Quartett bewies, dass es seit dem zweiten Preis beim ARD-Wettbewerb 2016 einen Sprung gemacht hat. Es hat sich emanzipiert von dem perfekten Formgeist, für den es damals gefeiert, aber auch bisweilen in Frage gestellt wurde. Die Primaria Anna Katharina Wildermuth ist eine Violinistin, die keinen Moment an ihrer Führungskraft zweifeln lässt, aber auch jederzeit Umsicht für ihre drei Mitspieler aufbringt. Jedem lässt sie den nötigen Gestaltungsspielraum. So können die zweite Violinistin Noémi Zipperling und Bratschist Caspar Vinzens ihre Mittelstimmen vital ausreizen, und Lukas Sieber kann seinen ganz eigenen Gegenpart am Cello setzen.

Nach der Pause gab es auch ein Spätwerk, aber mit Kontrastwirkung: Das Streich-quartett op. 106 von dem Tschechen Anton Dvořák. In Themen, Satz und Rhythmus ganz anders als der berühmte amerikanische Vorgänger, das op. 96. Gewiss das extrovertierteste von allen drei Werken des Abends in Icking. Das Aris Quartett machte daraus einen Rausch durch die Welt von Dvoraks slawischen Motiven und seines Temperaments.

Auch hier bewiesen die vier Musiker, wofür sie von Anfang an die volle Aufmerksamkeit aus dem vollbesetzen Saal des Rainer-Maria-Rilke-Gymnasiums bekamen: Musizieren auf höchstem Niveau bei gleichzeitiger gegenseitiger Achtsamkeit. Etwa in dem Moment, als Anna Katharina Wildermuth aus vollem Tempo ein Pizzicato an den Bratschisten Caspar Vinzens übergibt. Der übernimmt und verlangsamt es, worauf Cellist Lukas Sieber ein "Ploing" wie eine gute Pointe setzt. Und die zweite Geigerin Noémi lässt als Letzte in der Runde das Pizzicato wie ein Echo nachhallen. Nur ein Beispiel dafür, wie klug und tiefsinnig das Aris Quartett die von ihm gespielte Musik auslotet.

Tosender, herzlicher Beifall folgte am Ende. Als Zugabe gab es den letzten Satz aus Dvořáks amerikanischen Quartett als äußerst rasantes Finale.

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