Jonathan Coenen sagt den entscheidenden Satz zu Beginn der Veranstaltung im Erinnerungsort Badehaus: „Das Bild des Bösen in meinem Kopf war immer sehr männlich geprägt.“ Der Abend, den der stellvertretende Badehaus-Vorsitzende so eröffnet, zeigt und belegt auf erschütternde Weise, dass es nicht wenige Frauen gab, die im NS‑Gewalt‑ und Vernichtungssystem genauso grausam, unbarmherzig und menschenverachtend mitwirkten wie Männer.
Der eindrucksvoll gestaltete Abend mit dem Titel „Ich bin mir keiner Schuld bewusst“ nähert sich dem Thema weiblicher Mittäterschaft in drei Facetten: literarisch, wissenschaftlich und inszenatorisch. Der bekannte Schauspieler und Hörbuchsprecher Rufus Beck liest sorgsam ausgewählte Passagen aus Bernhard Schlinks Roman „Der Vorleser“. Die Historikerin und Badehaus‑Vorsitzende Sybille Krafft berichtet über ihre Recherchen zu KZ‑Aufseherinnen. Und die drei Badehaus‑Ehrenamtlichen Elisabeth Voigt, Brigitte Heberle und Dieter Klug übernehmen in einem von Krafft inszenierten Hörbild die Rollen von Nazi‑Opfern und Täterinnen.

1995 erschien „Der Vorleser“. Im selben Jahr hat Krafft in einer Münchner Ausstellung erstmals Ergebnisse eigener Recherchen zu KZ-Aufseherinnen präsentiert. Die damalige Untersuchung von Gutachten, Vernehmungs- und Verhandlungsprotokollen aus Spruchkammerverfahren hat sie nun fürs Badehaus aktualisiert und verdichtet.
Aus dem Hörbild kristallisiert sich ein zentrales Motiv junger, unverheirateter Frauen – besonders aus der Unterschicht – heraus, sich als KZ‑Aufseherinnen zu bewerben: das Geld. Beim Werkzeug‑ und Maschinenhersteller Messerschmidt, so das Zitat einer dieser Frauen, sei sie schlecht bezahlt worden; sie habe sich zur SS gemeldet, „dass ich Unterkunft und Verpflegung habe und mehr verdiene“. Und wie viel mehr: 200 Reichsmark monatlich plus Truppenverpflegung und gut eingerichtete Dienstwohnung – etwa das Vierfache des Lohns einer ungelernten Arbeiterin. Eine andere Täterin wird mit den Worten wiedergegeben, es sei ein „zwar unangenehmer, aber wenig anstrengender Beruf mit ungewöhnlich guter Bezahlung“ gewesen.
KZ-Aufseherinnen gehörten wie Krankenschwestern, Sekretärinnen und Verwaltungsangestellte in SS-Einrichtungen zum sogenannten Gefolge der Waffen-SS. Sie waren zivile Angestellte, trugen aber Uniform und waren bewaffnet. Nach wissenschaftlicher Schätzung gab es etwa 4000 KZ-Aufseherinnen – zehn Prozent des KZ-Personals.

Wie schnell der Übergang von einem normalen bürgerlichen Leben zur brutalen Mittäterschaft verlaufen konnte, macht Krafft mit einer Beobachtung von Margarete Buber-Neumann deutlich, der Sekretärin von Johanna Langefeld, Oberaufseherin in Ravensbrück. Demnach wollten viele der neu eingetroffenen Aufseherinnen in den ersten Tagen weinend davonlaufen, handelten aber nach 14 Tagen bereits genauso brutal wie die anderen. Krafft verweist in diesem Zusammenhang auf Hannah Arendts berühmten Begriff von der „Banalität des Bösen“. Arendt zeigte am Beispiel Eichmanns, dass schwerste Verbrechen oft von ganz gewöhnlichen Menschen begangen werden, die sich einem System anpassen und Verantwortung abgeben.

Dieses Muster spiegelt sich auch in der Figur der ehemaligen KZ‑Aufseherin Hanna Schmitz in Bernhard Schlinks Roman „Der Vorleser“ wider. Und eine Passage, die Rufus Beck für seine Rezitation ausgewählt hat, zeigt das Dilemma der Beurteilung solcher Täterinnen. Der Protagonist Michael Berg stellt sich Hanna als NS-Täterin vor, mit Reitpeitsche Kommandos schreiend, mit hässlicher Fratze und kalten Augen. Dann erinnert er sich an jene Hanna, die ihm zuhörte, ihn liebte, die lachte und vor dem Spiegel tanzte. „Schlimm war, wenn die Bilder durcheinandergerieten.“ Ebendiese Irritation führt der Autor seinem Publikum vor.
Wie sich die Grausamkeit der Täterinnen in der Realität darstellte, belegt Kraffts Hörbild mit Zitaten der Opfer: „Sie hat ihre Hunde immer auf die Frauen gehetzt“, heißt es etwa, oder: „Sie hat hauptsächlich mit den Stiefeln in den Bauch getreten.“ Es fallen Begriffe wie „sadistisch“ oder „bösartig“. Und es gibt die Schilderung einer KZ-Aufseherin, die lachte, wenn die Menschen ins Gas geschickt wurden, wobei sie „durch ein spezielles Fenster“ zusehen konnte.
Umso erschütternder wirkt Kraffts Schlussbetrachtung: Keine dieser Täterinnen habe auch nur ein Wort des Bedauerns geäußert. Eine wird mit den Worten zitiert, ihr sei „der Nationalsozialismus wesensfremd“ gewesen; eine andere attestiert sich selbst „ein absolut reines Gewissen“; eine weitere beteuert, „da konnte ich nichts machen“; und wieder eine erklärt, „dass ich mir keiner Schuld bewusst bin“. Die Spruchkammer-Urteile fallen nicht weniger verstörend aus. Zwischen 20 und 25 Mark hätten die „Sühnebeiträge“ betragen, berichtet Krafft. Das Fazit der Historikerin: Auch die KZ-Aufseherinnen „profitierten alle vom frühen Frieden mit den Tätern“.
Der Erinnerungsort Badehaus hat mit dieser Veranstaltung erneut gezeigt, wie wichtig seine aufklärerische Arbeit ist – und wie mitreißend Zeitgeschichte vermittelt werden kann, wenn sie seriös, präzise und bis ins Optische hinein gestaltet wird. Ein starker Abend.

