Kommunalwahl in Penzberg:Im Pflegedschungel

Podiumsdiskussion Pflegende Angehörige

Ingrid Hauptmann, Brigitte Bührlen, Andreas Kurz, Marianne Nickl, Andreas Krahl, Ricarda Grünig und Ulrich Welzel (von links).

(Foto: Manfred Neubauer)

Bei einer Podiumsdiskussion der Penzberger Grünen zur Betreuung hilfsbedürftiger Angehöriger fordern Experten klare Änderungen im System

Von Arnold Zimprich, Penzberg

Das Thema Pflege ist eines der heißesten im Kommunalwahlkampf, und so ist es nicht ganz uneigennützig, dass die Penzberger Grünen ausgerechnet drei Wochen vor der Wahl zu einer hochkarätig besetzten Podiumsdiskussion in die Pfarrei Christkönig eingeladen haben. Es sind die "stillen Helden", wie Bundeskanzlerin Angela Merkel pflegende Angehörige nannte, deren Anliegen an diesem Abend zur Sprache kommen sollen.

Aber was bedeutet stille Helden? "Dass pflegende Angehörige den Mund nicht aufmachen?" So eröffnet Moderator und Grünen-Stadtratskandiat Ulrich Welzel den Abend. Er erläutert, dass es in Deutschland etwa 193 000 Jugendliche und Kinder unter 15 Jahre gibt, die gepflegt werden und übergibt das Wort an Marianne Niggl. Sie ist Mutter eines pflegebedürftigen Sohnes, der einen schweren Gendefekt hat. "Wir haben unseren eigenen Weg gesucht", sagt Niggl, "unser Sohn geht in eine Regelschule." Niggl sieht die Unterbringung von Kindern und Erwachsenen in Pflegeeinrichtungen kritisch. Ihr Wunschtraum ist es, dass die UN-Behindertenrechtskonvention umgesetzt wird. "Er soll ein normales Leben führen, wir werden ihn nicht abgeben", sagt sie in Bezug auf ihren Sohn. Trotzdem: "Die Entlastungsleistungen für pflegende Angehörige sind viel zu gering." Lediglich für fünf Stunden pro Monat würde Hilfe zur Verfügung stehen, "das sind meist junge Menschen, die Bundesfreiwilligendienst machen" - und daher wenig Ahnung von der Materie haben. "Entlastet bin ich nicht!" Am Geld mangele es zwar nicht, dieses komme jedoch nicht dort an, wo es gebraucht wird.

"Es ist ein Dschungel", gibt auch Pflegeberaterin Ricarda Grünig vom Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK) zu. Bis zu drei Mal besuche die Pflegeberaterin hilfebedürftige Angehörige, hilft beim Ausfüllen von Anträgen. Viele bräuchten schlichtweg "jemanden, der zuhört, jemand der sagt, toll, dass Du das machst!"

Brigitte Bührlen hat viele Facetten des deutschen Pflegesystems kennengelernt. Die Vorsitzende der "Wir!"-Stiftung stammt aus einer Arztfamilie und heiratete einen Arzt. "Menschen, denen irgendetwas fehlt, haben mich begleitet." Bührlens Mutter wurde dement, "ich habe sie sieben Jahre lang gemanaged. Schließlich kam der Zeitpunkt, an dem klar wurde: Entweder geht meine Mutter in die Psychiatrie oder ich!" Bührlens Stiftung ist es ein Anliegen, besonders auf die Familien zu schauen. "Es macht viel mit Familien", fasst Bührlen die Auswirkungen der Angehörigenpflege prägnant zusammen. Mit ihrer Stiftung will Bührlen pflegenden Angehörigen eine Stimme geben, die festgefahrenen Machtgefüge von Verbänden und Organisationen auflockern und mehr Transparenz in die Verwendung der Pflegegelder bringen. Sie fordert zudem eine gesetzlich festgeschriebene Grundvergütung für pflegende Angehörige.

Eine Utopie? Nicht im Burgenland, wie der Grünen-Landtagsabgeordnete Andreas Krahl zu berichten weiß. In dem österreichischen Bundesland gibt es bereits seit Oktober 2019 ein System, bei dem Pflegebedürftige einen Arbeitsvertrag mit pflegenden Angehörigen schließen können und das Bundesland die Differenzsumme zuschießt, die notwendig ist, um die Mindestlohngrenze zu erreichen. Krahl wünscht sich zudem eine Entbürokratisierung des Pflegesektors. "Fehlt was am Auto, gehe ich zur Autowerkstatt, bin ich krank, gehe ich zum Arzt. Was aber, wenn ein Angehöriger pflegebedürftig wird?" Niemand wisse so genau, wohin er sich im Notfall wenden muss. Zwar gäbe es in Bayern neun Pflegestützpunkte, bei denen man sich beraten lassen kann, diese lägen jedoch alle in Franken.

Bührlen schwärmt derweil von der Situation in Skandinavien. Dort würden sich "Case Manager" Einzelfälle ansehen und bei der Entscheidung, was zu tun sei, unterstützend zur Seite stehen. Auch hier würden pflegende Angehörige einen Arbeitsvertrag mit der Kommune schließen können.

Thomas Oeben hat mit dem Verein "Dein Nachbar" ein Unterstützungsnetz aus professionellen Pflegefachkräften und ehrenamtlichen Helfern aufgebaut. "In der Pflege herrschen Zustände - da falle ich als Logistiker einfach vom Stuhl!", sagt Oeben. Sein Verein schneidere "passgenaue Offerten, sodass meine Leute genau dort eingesetzt werden, wo sie auch eingesetzt werden können." Das ehrenamtliche Engagement soll nicht zur Belastung, sondern eine Bereicherung werden. In München, wo sein Verein ansässig ist, betreuen rund 300 Ehrenamtliche 360 Patienten. "Leider ist es allerdings so, dass Betroffene oft erst dann Rat suchen, wenn sie am Ende sind", sagt Oeben. Es war ihm zufolge eine beträchtliche Eigenkapitalsumme notwendig, um das System zum Laufen zu bringen. "Wir haben keine Anschubfinanzierung bekommen, da ist ein großes privates Darlehen drin."

Für Penzberg wünscht sich Seniorenbeirätin Renate Mair eine bessere Informationslage. "Es gibt zwar ein Familienbüro", so Mair, "die wissen aber nicht sonderlich gut Bescheid, was die Belange älterer Menschen angeht." Andreas Kurz, Bereichsleiter bei der Herzogsägmühle der Diakonie, fordert abschließend einen "Paradigmenwechsel statt einer Verschlimmbesserung". In der Privatisierung sieht der Pflegeprofi das Grundübel: "Die Kommunen machen sich gerne einen schlanken Fuß!"

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