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Kommunalwahl in Wolfratshausen:Der Kontra-Mann

Kommunalwahl 2020

Richard Kugler vor seiner Werkstatt in Wolfratshausen. Der 56-Jährige ist Handwerker durch und durch. Für den Chefposten im Rathaus würde der Installateur und Heizungsbauer seinen Betrieb aber auch mal unbeaufsichtigt lassen.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Richard Kugler war 2008 schon einmal Bürgermeisterkandidat - damals für die CSU. Jetzt tritt er für die neu gegründete Wolfratshauser Liste erneut an. Im Stadtrat hat der 56-Jährige zuletzt oft eine andere Ansicht vertreten als die Mehrheit des Gremiums - und hat sein Profil damit stark geschärft.

Richard Kugler hätte vor nicht allzu langer Zeit selbst nicht geglaubt, dass er sich im Frühjahr 2020 noch einmal zur Wahl als Bürgermeister von Wolfratshausen stellt - und das an der Seite von Helmut Forster. Schließlich war er 2008 als Parteifreier für die CSU ins Rennen um das höchste Amt der Stadt gegangen und hatte damals gegen Forster und die Bürgervereinigung (BVW) verloren. Doch aus den ehemaligen Konkurrenten sind Partner im Geiste geworden. Kugler hat zusammen mit Forster, der nach eigener Aussage wegen "unüberbrückbarer Differenzen" mit dem amtierenden Rathauschef Klaus Heilinglechner der BVW den Rücken kehrt, und Manfred Fleischer, der wie er von der CSU als Querkopf geschasst wurde, die Wolfratshauser Liste gegründet, die ihn einstimmig zum Spitzenkandidaten bestimmt hat. "Wir sehen die Dinge halt anders", sagt Kugler dazu.

Der 56-Jährige, der bereits seit seiner Geburt in Wolfratshausen lebt, glaubt, dass das auch auf die Mehrheit der Bürger zutrifft, die wie er und seine Mitstreiter mit der Entwicklung der Kommunalpolitik nicht einverstanden seien. Deshalb wolle er Bürgermeister werden. "Ich habe in sehr vielen Abstimmungen dagegen gestimmt, oft auch allein", sagt er über die jüngsten Stadtratsbeschlüsse. "Und draußen haben die Leute dann gesagt: Du hast recht gehabt. Dann kann's ja so falsch nicht sein."

Der selbständige Handwerksmeister, der seit bald zwölf Jahren im Stadtrat sitzt, kam in die Kommunalpolitik, um eine Schrankenlösung an der Sauerlacher Straße zu verhindern, die im Zuge der S 7-Verlängerung im Raum stand. Mit parteiübergreifendem Einsatz habe man dann eine Tieferlegung des Gleises durchgesetzt. "Hätten wir uns nicht eingesetzt, hätten wir die Schranke bekommen", sagt Kugler. Dieser Einsatz sei nach wie vor nötig, um den Bürgerwillen durchzusetzen, findet Kugler. "Man muss vielleicht auch andere Wege gehen, nicht nur die vorgegebenen."

Was er damit meint, hat er schon in den ersten Tagen des Wahlkampfs anklingen lassen: Die Surfwelle lehnt Kugler schon lange als überteuertes Projekt für Münchner ab, und das Mehrgegenartionenhaus der Maro-Genossenschaft an der Sauerlacher Straße hält er nicht nur wegen der hohen Schallschutzmauer für überzogen. Im Stadtrat übt er regelmäßig die Gegenrede. So stimmte er zum Beispiel auch gegen die Bebauung des Kraft-Areals mit 100 teils geförderten Wohnungen und einem Supermarkt, die von den meisten anderen angesichts des Mangels an bezahlbarem Wohnraum in der Stadt bejubelt wurde. "Das ist zu wenig", sagt Kugler. Wer 100 neue Wohnungen bauen lasse, brauche dafür auch mindestens eine neue Kita. "Sonst stehen wir wieder genauso da wie davor." Stattdessen aber renne man sehenden Auges in eine neue Versorgungslücke, die die Kommune dann abdecken müsse. Der Stadtrat müsse vorausschauend denken, fordert der Kandidat. "Das muss ich in meiner Firma auch machen."

Kugler hat zwei Meistertitel und führt einen Betrieb für Spenglerei, Installation und Heizungsbau. Den hat er 1991 von seinem Vater übernommen, der selbst 18 Jahre lang im Stadtrat saß und auch Dritter Bürgermeister war. "Weil ich aus der Praxis komme, bringe ich sie auch mit", sagt der 56-Jährige. Die Kollegen im Stadtrat hingegen ließen sich manchmal "leicht blenden". Als Beispiel dafür nennt Kugler nicht nur die Surfwelle, sondern auch die Mobilitätskonzepte, mit denen Bauherren neuerdings den Stellplatzschlüssel drücken können. Wenn die Carsharing- und E-Radl-Angebote nach ein paar Jahren nicht mehr funktionierten, würden wieder alle Bewohner mit dem eigenen Auto die Straßen vollparken, glaubt Kugler. Wenig durchdacht sei auch der Beschluss zur Ausrufung des Klimanotstands, im Zuge dessen CSU, SPD und Grüne einen Mobilitätsmanager für die Stadt gefordert hätten - von dem niemand wisse, was er eigentlich tun solle. "Ich bin im Stadtrat oft kopfschüttelnd dagesessen", sagt Kugler.

Als Bürgermeisterkandidat der Wolfratshauser Liste stellt sich der 56-Jährige gerne als denjenigen dar, der das ausspricht, was sich die anderen nicht zu sagen trauen. "Ich sehe momentan viele Dinge, die man besser machen kann", sagte er bei der Aufstellungsversammlung Anfang Dezember, seinem ersten öffentlichen Auftritt. Wie, ließ er jedoch vorerst offen und beschränkte sich lieber auf harsche Kritik an gültigen Beschlüssen, für die er von den Mitgliedern seiner neuen Gruppierung viel Applaus bekam.

Dennoch sagt Kugler: "Mir geht es nicht darum, etwas zu verhindern. Ich kann ja nur ja oder nein sagen. Und wenn es nicht gut genug ist, sage ich eben nein." Etwa zu den in der Bürgerbeteiligung beschlossenen Eckpunkten für die Umgestaltung der Marktstraße. Wie Forster und Fleischer hält Kugler nichts von einer Verschwenkung der Fahrbahn mit höhengleichen Gehsteigen, der Versetzung des Marienbrunnens und dem Wegfall von Parkplätzen am Ober- und Untermarkt. Und der Kandidat ist überzeugt davon, dass es der Mehrheit der Wolfratshauser ähnlich geht. Die 150 Teilnehmer der Bürgerbeteiligung seien schließlich nur ein verschwindend geringer Bruchteil der Bevölkerung und nicht repräsentativ.

Die vermeintlich schweigende Mehrheit will der Bürgermeisterkandidat erreichen, indem er "auf die Leute zugeht", wie er sagt. "Wir wollen genau draufschauen, was wirklich passiert, und mit den Leuten reden, um zu sehen, was sinnvoll ist und was nicht", sagt Kugler. Dafür müsse man notfalls auch "von Haus zu Haus gehen". Dabei, fügt er an, könne er gerne den Stadtmanager Stefan Werner mitnehmen und "einführen in die Gschicht". Denn: "Dann braucht er kein Dachmarkenkonzept mehr zu entwickeln." Das habe Wolfratshausen als Internationale Flößerstadt schließlich schon. Um dem Einzelhandel zu helfen, solle Werner lieber darauf hinwirken, dass "hier und da die Miete gesenkt wird, weil's sonst nicht funktioniert".

© SZ vom 18.01.2020/aip